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Zwischen Hilfspolizist und Dienstleister - Zukunft der Bürgerdienst LE Mitarbeiter offen

Zwischen Hilfspolizist und Dienstleister - Zukunft der Bürgerdienst LE Mitarbeiter offen

Für rund 180 von 278 Mitarbeitern ist zum Ende des Jahres Schluss beim Bürgerdienst LE. Die auf drei Jahre ausgelegte Finanzierung der Stellen durch das von der Bundesregierung getragene Beschäftigungsprogramm Kommunal Kombi läuft aus.

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Bürgerdienstler Jürgen Wiedemann (links) und Mario Stein.

Quelle: Clemens Haug

Leipzig. Wie es in der Zukunft mit dem Dienst und seinen Beschäftigten weitergeht, ist offen. Einige Mitarbeiter befürchten den Rückfall in die Arbeitslosigkeit.

Jürgen Wiedemann und Mario Stein nehmen ihren Job sehr ernst. Wachsam drehen die beiden Mitarbeiter des Bürgerdienstes LE ihre Runde durch die Leipziger Innenstadt. Mit prüfendem Blick sind sie auf der Suche nach kleinen Mängeln und Beschädigungen im öffentlichen Raum. Eine junge Frau fährt verbotenerweise mit ihrem Fahrrad durch die Fußgängerzone. Wiedemann ruft ihr ermahnend zu: „Bitte absteigen, hier ist Radfahren verboten.“ Die Dame verdreht die Augen, steigt aber ab.

Einige Meter weiter fällt den beiden eine gefährliche Stelle auf dem Fußweg auf, es fehlen Steine im Pflaster. „Das ist praktisch eine Stolperfalle, das nehmen wir auf“, sagt Stein und holt einen kleinen digitalen Fotoapparat aus seiner Tasche, um den Schaden zu dokumentieren. Jürgen Wiedemann protokolliert die Stelle währenddessen in seinem Tourenbuch.

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Leipzig. Für rund 180 von 278 Mitarbeitern ist zum Ende des Jahres Schluss beim Bürgerdienst LE. Die auf drei Jahre ausgelegte Finanzierung der Stellen durch das von der Bundesregierung getragene Beschäftigungsprogramm Kommunal Kombi läuft aus. Wie es in der Zukunft mit dem Dienst und seinen Beschäftigten weitergeht, ist offen. Einige Mitarbeiter befürchten den Rückfall in die Arbeitslosigkeit.

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Bürgerdienst soll ein Gefühl von Sicherheit und Ordnung vermitteln

Probleme dokumentieren und Fehltritte ansprechen sind zwei der Aufgaben des Bürgerdienstes LE. Die auf den Touren gesammelten Erkenntnisse werden an die zuständigen Behörden weitergegeben. Als Beschäftigungsmaßnahme für Langzeiterwerbslose war das Projekt vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 erdacht worden. Die Bürgerdienstler sollen „präventiv“ tätig sein, bei den Leipzigern das Gefühl in „Sicherheit und Ordnung“ zu leben verstärken, wie es in der Selbstdarstellung des Projekts heißt. Aus diesem Auftrag hat sich ein breites Feld von Tätigkeiten entwickelt - stets unter der Maßgabe, dass alles, was der Dienst tut, von öffentlichem Interesse und zusätzlich zu den bisherigen Aktivitäten der Stadt sein muss. Gleichzeitig dürfen sie für private Unternehmungen keine Konkurrenz darstellen.

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Ein paar Steine fehlen im Pflaster. "Das ist eine Stolperfalle", finden Stein und Wiedemann.

Quelle: Clemens Haug

Die Bürgerdienstler zeigen Präsenz im Stadtgebiet, laufen Streife in Kleingartengebieten um Diebe abzuschrecken, entfernen illegal geklebte Plakate, oder helfen, achtlos abgeladenen Müll aus einer Unterführung zu beseitigen. Sie dokumentieren Graffiti, helfen als Schülerlotsen kleinen Kindern beim Gang in die Grundschule und haben inzwischen mehr als 3000 Fahrräder registriert, um dem Problem des Drahteselklaus zu begegnen. „Wir nutzen unsere Möglichkeiten auch, um Hundehalter auf die Leinenpflicht aufmerksam zu machen. Bei den meisten kommt das an, es gibt aber auch uneinsichtige Halter“, sagt der Projektkoordinator Peter Lindner. Ein nicht ganz risikofreier Job: Im September vergangenen Jahres wurde ein Bürgerdienstmitarbeiter in Connewitz von einem Hund gebissen, als er dessen Frauchen auf die Leinenpflicht aufmerksam machen wollte.

Keine besonderen Vollmachten

Besondere Vollmachten haben Mitarbeiter wie Wiedemann und Stein nicht. Ihnen stehen nur die allgemeinen Rechte, die jeder Bürger hat, zur Verfügung. Sie dürfen keine Personalien feststellen, keine Fotos von ihnen verdächtig erscheinenden Personen machen. Einzige Ausnahme ist, sie beobachten gerade eine Straftat. Aber das komme nur sehr selten vor, sagt Stein.

Einmal hat er mit einem Kollegen einen Buntmetalldieb in der Prager Straße beobachtet, der mit einem Bündel Kabel aus dem leer stehenden Gebäude des ehemaligen Leipziger Verlags- und Grossbuchandels kam. Stein hat die Polizei verständigt und ist dem Mann gefolgt. Dass die Beamten den Täter schließlich stellen konnten, macht ihn bis heute stolz.

Bürgerdienstler werden angespuckt

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Wiedemann hat einen Sticker auf einem Schild entdeckt. "Der muss entfernt werden, sonst könnte ja jemand sagen, er wüsste gar nicht, dass tagsüber das Radfahren in der Fußgängerzone verboten ist."

Quelle: Clemens Haug

Nicht jeder schätzt uns. Ich bin schon häufiger bespuckt worden“, erzählt Stein. Ein bisschen fühlt sich der gelernte Klempner schon als „Hilfs-Sheriff“. Für ihn ist die Ablehnung durch manchen Passanten eine natürliche Begleiterscheinung des Jobs. „Leute fühlen sich durch uns eben gestört. Unsere Präsenz hindert sie daran, Straftaten zu begehen.“ Stattdessen freuen sich Wiedemann und Stein darüber, wenn sie von Polizisten gegrüßt werden.

Ihre Runden drehen die Mitarbeiter grundsätzlich mindestens zu zweit, „der persönlichen Sicherheit halber und damit man zur Not einen Zeugen hat“, erklärt Stein. Der 37-jährige Vater zweier Töchter musste nicht erst vom Arbeitsamt auf den Bürgerdienst LE aufmerksam gemacht werden. Er hat sich von sich aus beworben. „Nach der Wende habe ich im Westen gearbeitet. Dort gab es zwar Jobs und Geld, aber ich habe keine Freunde gefunden. Das Soziale hat für mich nicht gestimmt. Also bin ich nach Leipzig zurück, war aber lange Zeit arbeitslos. Als ich auf den Bürgerdienst gestoßen bin, habe ich gedacht, das ist es.“

30 Zentimeter Abstand zwischen Grill und Wiese sind Vorschrift

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Nur wenige Radfahrer wissen: Das Pflaster mit den Rillen ist nicht nur Zierde sondern das Blindenleitsystem. Für sehbehinderte Menschen werden dort abgestellte Räder schnell zum Problem.

Quelle: Clemens Haug

Auch der gelernte Karosseriebauer Wiedemann - 51 Jahre alt, verheiratet, eine erwachsene Tochter - war von Anfang an von der Idee des Bürgerdienstes begeistert. Seine Firma ist vor elf Jahren pleite gegangen. 2006 kam er über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in den Bürgerdienst, seit Dezember 2008 hat er eine Kommunalkombistelle dort. „Ich habe gleich gedacht: So ein Bürgerdienst ist genau das, was Leipzig braucht. Außer uns ist an vielen Stellen niemand präsent“, meint er und fügt hinzu: „Wer kümmert sich zum Beispiel darum, grillende Parkbesucher darauf hinzuweisen, dass 30 Zentimeter Abstand zwischen Grill und Rasen einzuhalten sind? Die ganzen gepflegten Wiesen gehen doch sonst kaputt.“

Inzwischen sind Stein und Wiedemann auf ihrer Runde durch die Innenstadt bei der Thomaswiese angekommen. Sie halten nach herumlungernden Jugendlichen Ausschau, die sich zum trinken auf der Wiese treffen. „Wenn viele da sind, beobachten wir nur noch aus der Ferne. Wir wollen die Leute auch nicht provozieren. Aber wir zählen, wie viele da sind, damit die Stadt einen Überblick über die Lage hat“, sagt Stein.

Den richtigen Weg weisen

Es gibt auch die andere Seite des Jobs. Jürgen Wiedemann zeigt seine Ausrüstung: Tourenbuch, Fotoapparat und Diensthandy gehören dazu, aber auch Infomaterial für Touristen und Leipziger. „Im Prinzip sind wir Servicearbeiter für die Öffentlichkeit. Wir stehen für jeden als Ansprechpartner zur Verfügung“, erklärt Wiedemann. Touristen empfiehlt er Restaurants, Studienanfängern erklärt er den Weg zur Uni. Aus der Zeitung hat er sich einen Plan der Innenstadt mit allen Namen der Passagen und Hinterhöfe kopiert, um alle Fragen nach dem richtigen Weg beantworten zu können.

Die Seite des Bürgerdienstes im Internet ist voll des Dankes von städtischen Ämtern, Schulen und Vereinen. Der Bürgerdienst habe geholfen, die Radverkehrsregeln in der Innenstadt bekannt zu machen, freut sich das Ordnungsamt. Für die Beseitigung einer illegalen Mülldeponie in Burghausen dankt das Amt für Umweltschutz. Die Polizeidirektion lobt die gute Zusammenarbeit mit dem Dienst. Kleingartenvereine bedanken sich für die Streifen durch ihre Anlagen.

Zukunft offen

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Der Asphalt ist in der Hitze weich geworden, der Motorroller umgestürzt. Aufheben dürfen die Bügerdienstler das Fahrzeug nicht - sonst könnten sie für Schäden haftbar gemacht werden.

Quelle: Clemens Haug

Als Wiedemann und Stein am Spielplatz beim Brühl ankommen, wird die Stimmung der beiden ein wenig nachdenklich. Wie es mit dem Bürgerdienst im kommenden Jahr weitergeht, steht in den Sternen. Knapp zwei Drittel der Mitarbeiter werden in diesem Jahr aufhören. Die Verhandlungen der Bundesregierung über neue Arbeitsbeschaffungsinstrumente laufen noch.

Wiedemann und Stein hatten gehofft, dauerhaft bei der Kommune beschäftigt zu werden. „Eine zeitlang haben wir schon von einer Art Bürgerpolizei geträumt, die dauerhaft eingerichtet würde“, sagt Stein. Das Dezernat Wirtschaft und Arbeit erteilt dem allerdings eine Absage: „Die Umwandlung aller geförderter Beschäftigungsverhältnisse in reguläre Arbeitsplätze ist nicht möglich und war auch nie Absicht des Programms. Es kann nur ein Baustein auf dem Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt sein.“ Allerdings biete man allen Beschäftigten Qualifizierungsmaßnahmen an, um einen Rückfall in die Erwerbslosigkeit zu verhindern.

Wiedemann hätte eine Fortbildung im Bereich Logistik und Lager machen können. Er hat abgelehnt. „Ich hätte dann eine große zeitliche Belastung eingehen müssen, aber eine Garantie auf einen bestimmten Arbeitsplatz hätte es nicht gegeben.“ Generell stehen beide einer Weiterqualifizierung aber offen gegenüber. „Es muss ja weitergehen. Wieder beim Arbeitsamt Schlange stehen wollen wir auf keinen Fall.“

Clemens Haug

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