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Leipzig Mutmacher für Zivilcourage
Leipzig Mutmacher für Zivilcourage
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00:36 13.04.2018
Henry Lewkowitz im Erich-Zeigner-Haus am Schreibtisch des früheren Bürgermeisters – und neben einem der wenigen Fotos vom Namensgeber. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Henry Lewkowitz weist auf den wuchtigen Tisch im Zimmer. „Hier wurden zur Zeit des Nationalsozialismus zahlreiche Menschenleben gerettet“, erklärt der Leiter des Erich-Zeigner-Hauses. Die Ehrfurcht vor dem, was sich in der damaligen Wohnung des späteren Leipziger Bürgermeisters Zeigner abspielte, hat sich über die Jahre nicht nur gehalten, sie scheint gewachsen, analog zur Dringlichkeit von Zivilcourage. Um die geht es vor allem in den Räumen der Zschocherschen Straße. Am kommenden Freitag beginnt die neue Reihe „Sich Erinnern ist ein politischer Akt!“ – aus aktuellem Anlass.

Vor zwei Jahren übernahm Lewkowitz, geboren im Revolutionsjahr 1989, den Posten von Frank Kimmerle. Kontakt zum Zeigner-Haus bekam der gebürtige Colditzer schon im Rahmen seines Studiums der Philosophie und Politikwissenschaften in Leipzig. Lewkowitz steigerte sein Engagement für den Verein, „weil er die perfekte Schnittstelle von linker und bürgerlicher Arbeit unter anderem gegen Rechtsextremismus und für gelebte Zivilcourage in einer demokratischen Gesellschaft ist“, erklärt er.

Originalgetreu belassene Wohnung

Zivilcourage, Gewaltfreiheit, Toleranz – diese drei Maximen stehen auf der Website und in der Satzung; eine von Zeigner übernommene Verpflichtung. Zusammen mit seiner Sekretärin Johanna Landgraf und Pater Aurelius Arkenau half der Widerständler verfolgten Juden. Bis zu seinem Tod 1949 machte er sich für Entnazifizierung in Behörden, Frieden und Humanismus stark.

Dass die Wohnungseinrichtung originalgetreu belassen wurde und heute als Stillleben von Zeitgeschichte seine Wirkung erzielt, liegt an Zeigners Witwe und dem Einsatz Landgrafs, die in den Räumen bis ins hohe Alter wohnte. Vor vier Jahren, im Alter von 104, starb die couragierte Frau, die die Arbeit des 1999 gegründeten und 45 Mitglieder zählenden Vereins bis zuletzt hochinteressiert verfolgte. Die wird aktuell von fünf Honorarkräften betrieben, finanziert durch einzelne Projektmitteln und Spenden, ohne institutionelle Förderung.

Drei Säulen machen die Arbeit des Zeigner-Hauses aus: In historisch-politischer Bildungsarbeit mit Jugendlichen recherchieren Lewkowitz und Team mit Schülern zu Schicksalen deportierter Juden und bewahren sie mit dem Einlassen von „Stolpersteinen“ vor dem Vergessen. Ebenso dokumentieren sie „Stille Helden“, die unter hohem Risiko von der Gestapo Gesuchte versteckten. Am Freitag um 16.30 Uhr, noch vor dem Vortrag also, bringt die Projektgruppe des Kant-Gymnasiums mit dem Zeigner-Haus e.V. die Gedenktafel für Otto Heize in der Marktstraße 7 an. Aktuell erforschen Schüler die Geschichten der Familie Bleiweiß, des Widerstandskämpfers und Antifaschisten Kurt Günther und seiner Familie sowie des ehemaligen Pfarrers Werner Becker.

In der politischen Erwachsenenbildung geht’s um inhaltliche Auseinandersetzung mit Rassismus damals und heute. 2017 behandelte man in Vorträgen und Diskussionen im Zuge des Erstarkens von AfD und Pegida die „theoretischen Grundlagen der Neuen Rechten“. „Das Gute daran war, dass auch Sympathisanten dieser Bewegungen zu uns gekommen sind“, berichtet Lewkowitz, „dadurch entstanden kontroverse Debatten – oft hitzig, aber es ging um Inhalte und Argumente, das ist uns sehr wichtig.“ Im Rahmen dieser Säule startet am Freitag die Reihe „Sich Erinnern ist ein politischer Akt!“ über die aktuelle Macht der Vergangenheit, aufgehängt an der Forderung Björn Höckes (AfD) nach einer „180 Grad-Wende in der deutschen Erinnerungskultur“. Zum Auftakt geht es um „Schluss mit Auschwitz?!“ Lewkowitz moderiert den Abend um die Diskussion, ob sich Deutschland gut 70 Jahre nach dem Holocaust noch seiner Verantwortung stellen muss (13. April, 18 Uhr, Eintritt frei).

Nur fünf Tage darauf, am 18. April um 19 Uhr, beginnt eine weitere Reihe: „Widerstand in Ton und Wort“ behandelt Musik und Literatur als Form des Widerstands gegen die Nazis – Theaterstücke, Bücher oder Sinfonien von großer politischer Bedeutung, als „entartet“ degradiert, verboten oder zensiert. Organisatorin Caroline Müller, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr am Zeigner-Haus absolviert, hat Leipziger Musiker mit ins Projekt geholt, die im ehemaligen Musikzimmer Stücke aufführen – dazwischen werden Texte gelesen. Am Auftaktabend gibt’s Werke von Kurt Weill, Brecht, Tucholsky, Kästner und anderen. Bis Juli ist pro Monat eine Veranstaltung geplant.

Bliebe das dritte Aufgabenfeld: Protest-Aktionen gegen rechte Strömungen wie Pegida und Co. – das Zeigner-Haus agiert in einem Netzwerk von Kooperationspartnern wie „Willkommen in Leipzig“ und anderen Projekten gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, zum Beispiel dem Verein Leipzig. Courage zeigen, dem Lewkowitz vorsitzt. Er hat mit dafür gestimmt, das Festival auf dem Markt Ende April abzusagen. „Es ist mit den Jahren zu groß, zu teuer und vor allem nicht mehr ehrenamtlich organisierbar geworden – nun gilt es, sich neu aufzustellen.“

Besänftigte Debatte um OBM-Schau

Genug zu tun also. Im Vergleich dazu stellt die inzwischen besänftigte Debatte um die Bürgermeister-Ausstellung im Rathaus eine Fußnote. Wie berichtet, war Zeigner, OBM von 1945-49, zunächst nicht darin vorgekommen. Begründung der Stadt: Er sei durch die sowjetische Militärregierung eingesetzt und nicht demokratisch gewählt worden. Lewkowitz verweist auf die der Ernennung folgende ordentliche Gemeindewahl 1946, abgelaufen in demokratischem Rahmen. „Leider wurden wir bei der Debatte um Zeigner nie gefragt, sonst hätten wir schnell für Klarheit sorgen können“, bedauert er. Im Frühling 2018 nun ist dieser Drops gelutscht, Zeigner hängt in der Galerie. Und wer mehr über sein Leben wissen will, der geht in die Zschochersche Straße 21.

www.erich-zeigner-haus-ev.de

Von Mark Daniel

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