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Abhörskandal: Leipziger Fußballfans samt Betreuer und Umfeld wurden überwacht

„Bundesweite Dimension“ Abhörskandal: Leipziger Fußballfans samt Betreuer und Umfeld wurden überwacht

Im November 2016 erhielt mehr als ein Dutzend Leipziger Post von der Staatsanwaltschaft Dresden. Darin wurde ihnen mitgeteilt, dass sie und ihr Umfeld mehrere Monate abgehört wurden. Die Ermittlungen gegen sie liefen über Jahre.

Zwischen 2013 und 2016 wurden bei 14 Leipzigern und den Personen in ihrem Umfeld Telefone überwacht.
 

Quelle: dpa

Leipzig.  Die Verfahren sind zwar längst aus Mangel an Beweisen eingestellt, die Aufarbeitung eines Lauschangriffs der sächsischen Justiz auf 14 Leipziger und ihr komplettes Umfeld ( LVZ berichtete) aus Sicht der Opfer dauert aber noch an. Am Montag wurden nun neue Details der Überwachung bekannt: Die im Auftrag der Dresdner Staatsanwaltschaft ermittelnden Beamten hatten offenbar vor allem Fans des Fußball-Oberligisten Chemie Leipzig im Fokus – samt deren hauptamtlichem Fanbetreuer. Das bringt sowohl den Leiter der bundesweiten Koordinierungsstelle aller Fanprojekte (KOS) als auch den hiesigen Träger der Fußballfan-Anlaufstelle auf die Barrikaden

Nicht weniger als drei Jahre, zwischen Oktober 2013 und November 2016, suchte die sächsische Justiz in der Messestadt nach Anhaltspunkten für eine kriminelle Vereinigung in der linken Szene – die in 16 konkreten Fällen Rechtsextreme angegriffen oder beleidigt haben soll. „Die Personen wurden als Nazis beschimpft, verunglimpft und verprügelt“, erklärte Oberstaatsanwalt Oliver Möller nach Bekanntwerden der Überwachung im November. Um den Tätern auf die Spur zu kommen, seien im Zeitraum auch die Telefone von 14 Hauptverdächtigen überwacht und dabei tausende Gespräche und SMS von Freunden und Geschäftspartnern aufgezeichnet worden.

Zahlreiche Dritte ebenfalls abgehört

Letztlich seien zwar nur in den Fällen, wo eine Ermittlung von Adressen und Namen notwendig erschien, auch Anschlussinhaber und Adressen registriert worden, so Möller. Allerdings gerieten so eben auch zahlreiche Unbeteiligte samt ihrer Kommunikation in die Akten. Am Ende war auch das völlig umsonst, wie sich herausstellte: Im November 2016 wurde der Lauschangriff beendet, ohne jegliche Anhaltspunkte für eine Beteiligung der Chemie-Fans samt ihres Umfeldes an den Straftaten. Die Hauptbeschuldigten erhielten Post – und fielen aus allen Wolken. So wie nun eben auch der Fanbetreuer der Leutzscher.

„Nicht die mutmaßliche Beteiligung an Straftaten, sondern lediglich seine Tätigkeit als Fanbetreuer selbst haben zu den Ermittlungen gegen unseren Mitarbeiter geführt“, erklärte Steffen Kröner, Geschäftsführer des Fanprojekt-Trägers Outlaw gGmbh, am Montag. Die Staatsanwaltschaft habe Sebastian K. zur Last gelegt, dass er mit seiner Arbeit kriminelle Struktur ermögliche: durch Organisation von Busfahrten zu Auswärtsspielen, durch das Bereitstellen von Räumen für Fantreffen und offenbar auch, weil er mit den Chemie-Anhängern zur Exkursion in den Dresdner Landtag gefahren sei. Absurd findet Kröner das. Die Tätigkeiten sei lediglich Teil der üblichen Arbeit von Fanbetreuern, überall im Land.

Kein vergleichbarer Fall seit Jahrzehnten

Genauso argumentiert auch Michael Gabriel, Leiter der Koordinierungsstelle (KOS) für alle 58 Fanprojekte in Deutschland. Gerade der szenenahe Umgang mit den Fans in den Kurven sei zwingend für den Erfolg der Arbeit erforderlich und auch von den Behörden mehr als anerkannt. Immer wieder habe auch Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz die Arbeit gelobt, so Gabriel. „Der Fanbetreuer hat seine Arbeit gut gemacht, aber anstatt ihn dabei zu unterstützen, hat man ein Ermittlungsverfahren eingeleitet“, so der KOS-Chef weiter. Es gebe zwar auch immer Mal Versuche der Justiz, Fanbetreuer bei Straftaten als mögliche Zeugen vorzuladen. Eine jahrelange Überwachung wie in Leipzig sei jedoch einzigartig. „Ich bin seit 1981 dabei und bis heute ist mir kein vergleichbarer Fall untergekommen“, sagte Gabriel am Montag.

Auch wenn – wie bei allen anderen Beschuldigten – letztlich gegen den Chemie-Fanbetreuer kein Strafverfahren eröffnet wurde, wollen die Fan-Institutionen die Überwachung nicht einfach hinnehmen. KOS-Leiter Gabriel sieht sogar eine bundesweite Dimension im Lauschangriff auf die Leipziger Fanszene, der die vertrauensvolle Arbeit sowohl mit den Anhängern als auch mit den Behörden grundsätzlich gefährde. „Die Kollegen geraten jede Woche in kritische Situationen im Stadion, in denen sie schnell reagieren müssen. Dabei benötigen sie den Rückhalt“, so Gabriel. Um die Überwachung aufzuarbeiten und Lösungen für einen wieder vertrauensvolleren Umgang zu finden, wollen KOS und Leipziger Fanprojekt deshalb nun auch offensiv das Gespräch mit der Leipziger Polizei suchen.

Von Matthias Puppe

UPDATE: Nach Angaben des Vereins "Rechtshilfekollektiv Chemie Leipzig" vom Dienstag wurden von den Behörden bei der Überwachung allein 56.000 sogenannte Verkehrsdatensätze – Sprach und Textnachrichten - aufgezeichnet und ausgewertet. Von den mehreren hundert „Drittbetroffenen“ der Ermittlungen seien 177 darüber benachrichtigt worden, dass sie „mit-abgehört“ worden. Der Verein geht davon aus, dass noch mehr überwachte Leipziger nicht benachrichtigt wurden.

 

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