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Polizeiticker Leipzig Abzocke mit Taubstummen-Masche – das Geschäft mit dem Mitgefühl
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Abzocke mit Taubstummen-Masche – das Geschäft mit dem Mitgefühl
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00:18 09.04.2017
Betrüger sammeln für angebliche Taubstummen-Verbände, die überhaupt nicht existieren. Quelle: Foto: Bernd Thissen
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Leipzig

Erst zeigte er eine Unterschriftenliste, dann zückte er das Spendenformular: Als der junge Mann am vorigen Sonnabend Jana S. (*) in der Könneritzstraße um eine Gabe für den „Landesverband für behinderte und taubstumme Kinder“ bat, fühlte sich die 35-Jährige ein bisschen überrumpelt. „Er stammte dem Äußeren nach aus dem Nahen Osten oder Nordafrika und sagte nichts“, so die Frau gegenüber der LVZ. Sie gab ihm dann doch zehn Euro, es sollte ja für den guten Zweck sein. „Erst als ich sah, dass er das Geld in die Hosentasche steckte und die Spende nicht quittierte, wurde ich misstrauisch und informierte gegen etwa 17 Uhr die Polizei.“ Wenig später beobachtete Jana S. einen zweiten „Sammler“, der mit der gleichen Masche an der Sachsenbrücke unterwegs war.

Für die Ordnungshüter sind die Spendenbetrüger, die im Namen nicht existierender Vereine oder Initiativen Bares ergaunern, längst keine neue Erfahrung mehr. Bundesweit sind die Täter unterwegs – und kassieren dank der Hilfsbereitschaft gutgläubiger Bürger ordentlich ab. Auch in Leipzig registrierte die Polizei in den vergangenen Wochen wieder einige Fälle, wie Behördensprecher Andreas Loepki auf Anfrage mitteilte. Erst am Montag stellte ein Leipziger (48) eine falsche Sammlerin in der Straße des 18. Oktober zur Rede, nachdem er ihr zunächst fünf Euro gegeben hatte (die LVZ berichtete).Plötzlich tauchten zwei arabisch aussehende Komplizen auf und drohten dem Mann, ihn und seine Familie zu töten. Am 1. April wurden zwei minderjährige Rumänen erwischt, die am Zoo in einer Art Gebärdensprache um Spenden für einen „Landesverband für Behinderte und Taubstumme“ bettelten. Ein vermeintlicher Sammler war auch am 21. Februar in der Innenstadt mit Unterschriftenliste auf einem schwarzen Klemmbrett für eine „Taubstummen-Initiative-Leipzig“ unterwegs. Aktenkundig ist zumindest ein Opfer: Der Mann gab dem unbekannten Betrüger in der Universitätsbibliothek am Campus sechs Euro.

In einigen Fällen ist aber nicht nur der Spendenzweck betrügerisch, sondern schon die Abwicklung der Zahlung. Etwa am 14. Februar auf dem Markt: Dort wollte eine Frau fünf Euro spenden, bekam für ihren 50-Euro-Schein aber nur 35 Euro zurück. „Damit liegt ein Wechselbetrug vor“, so Loepki. In anderen Städten wie beispielsweise Berlin ist es auch häufiger vorgekommen, dass die angeblichen Spendensammler schlichte Langfinger waren. Während einer das Opfer mit Unterschriftenliste und Sammelformular ablenkte, plünderte sein Komplize die Taschen der Kundschaft.

Polizeisprecher Loepki rät angesichts der jüngsten Fälle, „eine lobenswerte Hilfsbereitschaft nicht mit Naivität zu paaren“. Gesundes Misstrauen sei immer angezeigt – gerade um zu sichern, dass die Hilfe auch dort ankommt, wofür sie seitens des Spenders gedacht ist. „Insofern sollten Ausweisdokumente verlangt und dann vorgezeigt werden können, die den Spendensammler als befugt ausweisen und es müssen auf Verlangen auch Quittungen ausgestellt werden können“, so Loepki. „Wer sich vor Ort nicht sicher ist, sollte auch kein Bargeld übergeben, sondern dann lieber mit dem Verein beziehungsweise der Institution in persönlichen Kontakt treten und dann eine Spende überweisen.“

Denn der offizielle Landesverband der Gehörlosen Sachsen schickt niemals Spendensammler auf die Straße oder in Fußgängerzonen, betonte dessen 1. Vorsitzender Jens Langhof. „Wir haben mit dieser Form des aggressiven Bettelns ein Problem“, sagte er mit Blick auf die Betrüger. „Das ist nicht das Bild, welches wir nach außen transportieren wollen.“Der Landesverband geht davon aus, dass nur ein geringer Teil der Fälle von derartigen Spendengaunereien der Polizei bekannt wird und die Dunkelziffer höher liegt. Jens Langhof: „Die meisten Menschen bekommen doch gar nicht mit, dass sie es mit Betrügern zu tun haben.“

*Name des Opfers geändert

Von Frank Döring

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