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Als hätte sich die Erde aufgetan

Leipziger Vermisstenfälle Als hätte sich die Erde aufgetan

Vor 20 Jahren verschwand die achtjährige Nadine Hertel spurlos – es ist einer von 30 ungeklärten Vermisstenfällen der Leipziger Polizei.

So berichtete die LVZ 1995 über das rätselhafte Verschwinden von Nadine in der Könneritzstraße.

Quelle: LVZ-Archiv/Montage: Patrick Moye

Leipzig. Dieser Fall wühlt die Leipziger noch immer auf: Vor fast 20 Jahren, am 9. Juni 1995, verschwand die damals achtjährige Nadine Hertel unter mysteriösen Umständen. Sie war zur Geburtstagsfeier ihrer damals 22-jährigen Tante in deren Erdgeschosswohnung in der Schleußiger Könneritzstraße. Gegen 19.40 Uhr ging Nadine aus dem Wohnzimmer, wo fast alle Gäste versammelt waren. Offenbar wollte die Kleine zu ihrem Opa auf den Balkon gehen, doch da kam sie nicht an. Ihre Familie sah sie nie wieder.

Der Fall Nadine ist einer von 30 ungeklärten Vermisstenfällen, die bei der Leipziger Polizei von 1987 bis 2014 registriert wurden. Trotz erheblicher Anstrengungen der Kripo fehlt von diesen Menschen noch immer jede Spur, berichtet Polizeisprecher Andreas Loepki. Es ist, als hätte sich die Erde aufgetan und sie verschluckt.  
Ungeklärt ist etwa das Schicksal von zwei Jugendlichen (18, 19), die 1987 verschwanden. Vermutlich ertranken sie in der Ostsee.

Seit 1. August 1989 wird der damals zehnjährige Ronny Schär vermisst. Die Polizei hält es für wahrscheinlich, dass er in der Luppe ertrank.

1990 verlor sich die Spur eines damals 21 Jahre alten Studenten. Er wollte nach Spanien oder in die Türkei trampen.

Nebulös blieb bislang auch das Schicksal von Andreas Nierösel. Vier Tage vor seinem 36. Geburtstag verließ er am 7. Februar 1995 seine Wohnung im Waldstraßenviertel und kehrte nicht zurück. Drei Wochen später brachen Unbekannte in seine Wohnung ein. Die Ermittler schließen nicht aus, dass der Leipziger Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte.

Seit 18. April 1995 wird der zu der Zeit zweijährige Christopher Frank aus Borna vermisst. Er ertrank vermutlich in der Whyra.

Ebenfalls 1995 verschwand ein 51-Jähriger, der sich nach Erkenntnissen der Polizei in Chile einer Wandergruppe angeschlossen hatte.

Seit 3. Juni 1996 gilt der damals 55-jährige Jürgen Bruhm als verschollen. Er war auf einer Tour am Mount Mc Kinley in Alaska und kehrte nach einem Witterungseinbruch nicht in die Unterkunft zurück.

Ebenso offen ist der Fall des damals 24-jährigen Michael Mielke, der am 24. Februar 1996 gegen 17 Uhr in Burghausen aufbrach, um in Berlin ein Auto zu kaufen. Dort kam er jedoch nie an. Sein Auto wurde wenig später in Lützschena verschlossen aufgefunden.

Unerklärlich ist bis heute das Verschwinden des damals 39-jährigen  Kraftfahrers Uwe Schindler am 18. Januar 2002 in einer Papierfabrik in Eilenburg.

Bei einer Überfahrt mit der Queen Mary II von Southhampton nach New York im Jahr 2005 wurde ein damals 83-jähriger Mann vermisst gemeldet.

Am 16. November 2007 entführte ein Iraker (33) seine damals zweijährigen Zwillinge Abbas und Zaynab Al-Chaoui in sein Heimatland. Die damals 25-jährige Mutter hat bis heute keinen Hinweis auf den Verbleib ihrer Kinder. „Ein ähnlicher Fall konnte Anfang 2015 erfolgreich abgeschlossen werden“, so Loepki. „2007 hatte eine deutsche Mutter ihren damals siebenjährigen Sohn mit nach Abu Dhabi, Dubai und Indonesien genommen. Sie kehrte mit dem inzwischen fast 15-Jährigen wohlbehalten nach Deutschland zurück.“

Darüber hinaus gebe es mehrere Fälle, bei denen sich das Verschwinden aus der elterlichen oder ehelichen Wohnung sehr wahrscheinlich als sogenanntes freiwilliges Untertauchen erklären lasse, so Loepki. Ungeklärte Fälle bleiben die Ausnahme. „Mit Stand vom 15. Mai 2015 wurden im laufenden Kalenderjahr und für den Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Leipzig 545 Vermisstenvorgänge registriert“, sagt Loepki. „Überwiegend handelt es sich dabei um Dauerausreißer im Kinder- und Jugendalter sowie um ältere, zumeist geistig erkrankte Abgänger aus Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern.“

Tauchen die Vermissten auch nach Jahren nicht wieder auf, landen die Akten dennoch nicht in der Ablage. Zwar arbeiten etwa am Fall Nadine Hertel nicht mehr bis zu 20 Kriminalbeamte, wie kurz nach dem Verschwinden der Schülerin. „Die heutige Vermisstenfahndung besteht aber zunächst aus der nie aufgehobenen Fahndungsausschreibung, einer Aufenthaltsermittlung zur Person“, schildert Loepki. „Zum anderen wird versucht, aus dem Abgleich ähnlich gelagerter Fälle anhand einer weltweiten Analysedatei neue Erkenntnisse zu gewinnen. Leider gehört es auch zur Routine, unbekannte Tote auf eine eventuelle Identitätsübereinstimmung zu prüfen.“ Im Fall Nadine sei „nach wie vor weder ein Unfall noch eine Straftat auszuschließen“.

Gerade bei offenen Vermisstenfällen befinde sich die Polizei auch in einem Zwiespalt, sagt der Behördensprecher. Einerseits erhofften sich die Ermittler Zeugenaussagen. Andererseits meldeten sich bei öffentlichen Fahndungen auch immer wieder verwirrte Personen mit untauglichen Hinweisen. Das Problem: So unglaubwürdig die Hinweise auch sein mögen, muss ihnen die Polizei trotzdem nachgehen. „Und dies würde nicht unerhebliche personelle und zeitliche Ressourcen binden“, erklärt Loepki. Deshalb wolle man etwa im Fall Nadine jetzt auch nicht den Eindruck eines neuerlichen Zeugenaufrufs erwecken. Zu dem vermissten Mädchen kamen in den vergangenen Jahren etwa 100 Hinweise zusammen, die meisten in der Zeit direkt nach ihrem Verschwinden.

Noch immer ist das Bild, das auch die Polizei damals zur Fahndung herausgegeben hatte, auf diversen Internetplattformen und in einschlägigen Foren veröffentlicht. Ebenso wie eine Aufnahme, die mit dem sogenannten Age-Progressing-Programm produziert wurde. Sie soll zeigen, wie die Langzeitvermisste als Erwachsene aussehen könnte. Bei der Leipziger Polizei hält man solche Computersimulationen für „nicht zielführend“, so Loepki. „Der Alterungsprozess hätte Änderungen bedingt – insbesondere weil Nadine Hertel mit acht Jahren noch sehr jung war – die nicht wirklich realistisch dargestellt werden könnten.“ Gefunden wurde Nadine auch damit nicht.

Frank Döring

Aus der LVZ vom 06.06.2015.

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