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Anschläge auf Asylunterkünfte - Merbitz: „ Es herrscht Pogromstimmung“

Fünf neue Übergriffe in Sachsen Anschläge auf Asylunterkünfte - Merbitz: „ Es herrscht Pogromstimmung“

Asylunterkünfte in Leipzig, Grimma, Oelsnitz und Chemnitz waren am Wochenende das Ziel von Anschlägen. In einem Fall ermittelt die Polizei wegen Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion. Polizeipräsident Bernd Merbitz spricht von einer Pogromstimmung.

Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz.
 

Quelle: dpa-Zentralbild

Leipzig. Gleich fünf Asylbewerberunterkünfte in Sachsen sind am vergangenen Wochenende das Ziel von Anschlägen geworden. Zwei der betroffenen Heime befinden sich in Leipzig, eines im Grimmaer Ortsteil Bahren und ein weiteres in Chemnitz. Das teilte das Operative Abwehrzentrum (OAZ) der Polizei am Montag mit.

„Ich mache mir wirklich große Sorgen. Wir steuern auf eine Situation zu, in der gewaltbereite Stimmungsmacher die Angst der Menschen bewusst nutzen, um Hysterie gegen die Asylpolitik zu schüren und Gewalt gegen die Flüchtlinge zu rechtfertigen“,  sagte Leipzigs Polizeipräsident und Leiter des OAZ, Bernd Merbitz im Interview mit der Leipziger Volkszeitung. Im gesamten Land, so Merbitz, „herrscht eine Pogromstimmung, die eine kreuzgefährliche Intensität bekommt.“

Der erste Fall ereignete sich zwischen Freitag, 2 Uhr und Sonnabend, 3.45 Uhr, im Leipziger Stadtteil Holzhausen. Ein unbekannter Täter drang in ein Gebäude in der Händelstraße ein. In der geplanten Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende kippte er nach OAZ-Angaben in mehreren Etagen bis in den Keller ein Kraftstoffgemisch aus. „Im Eingangsbereich versuchte der Täter, die Flüssigkeit zu entzünden“, berichteten die Ermittler. Das Feuer sei jedoch auf der Fußmatte erloschen und habe sich nicht ausgebreitet. Bemerkt wurde der Vorfall von einem Sicherheitsdienst, der das Gebäude regelmäßig nachts ansteuere. Die Beamten ermitteln wegen Brandstiftung, die Höhe des Schadens ist noch unklar.

Der zweite Fall folgte am Freitag gegen 23 Uhr im Grimmaer Ortsteil Bahren im Internatsweg. Dort warfen unbekannte Täter Schottersteine auf ein Fenster des bereits genutzten Asylbewerberheims. In dem Raum befanden sich zu diesem Zeit keine Bewohner. Sie hielten sich in einem Nebenraum auf und vernahmen lediglich dumpfe Geräusche, gingen ihnen aber nicht weiter nach. Die Schäden am Fenster wurden laut Polizei erst am nächsten Tag sichtbar. Durch die Steinwürfe entstanden an den Scheiben Einschläge und Risse. Die Beamten ermitteln hier wegen Sachbeschädigung.

Im dritten Fall hat in der Höltystraße im Leipziger Stadtteil Meusdorf eine Gruppe von fünf bis sieben Personen am Sonnabend zwischen 20 und 20.30 Uhr versucht, einen selbstgebauten Sprengsatz zu zünden. Nach Angaben des OAZ bestand er aus Spraydosen, Grillanzünder und Papier. Der Körper sollte vor der Hausfassade der künftigen Flüchtlingsunterkunft detonieren. Nach Angaben der Beamten war der Bastelsatz dazu aber nicht geeignet. Die Polizei ermittelt in diesem Fall wegen der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion.

Im vierten Fall ermittelt die Polizei gegen drei Unbekannte in Chemnitz. Sie warfen am Sonnabend gegen 22.30 Uhr Steine auf ein Fenster einer Asylbewerberunterkunft in der Straßburger Straße. Mehrere Scheiben, so das OAZ, wurden dabei beschädigt. Personen wurden nicht verletzt. Die vermummten Täter seien über eine Fußgängerbrücke geflüchtet. Nach Zeugenaussagen waren die Männer von kräftiger Statur und zwischen 1,75 und 1,80 Meter groß und schwarz gekleidet. Ein Beteiligter trug zudem einen gelben Schal mit schwarzer Aufschrift.

Ein fünfter Fall wurde einige Stunden später bekannt: Vor einer Asylunterkunft in Oelsnitz (Vogtlandkreis) sind demnach in der Nacht zum Sonnabend mehrere Müllcontainer zusammengeschoben und in Brand gesetzt worden. Die Täter blieben zunächst unerkannt, berichtet die Polizei in Zwickau. Die Kriminalpolizei ermittele in alle Richtungen, wie ein Sprecher am Montag sagte. Für die Bewohner der Einrichtung, unbegleitete minderjährige Asylbewerber, bestand laut Ermittler keine Gefahr. Eine Streife hatte das Feuer vor dem Tor der Jugendherberge bemerkt und nicht betroffene Behälter zur Seite geschoben. Die Feuerwehr löschte die Flammen.

"In dieser Form nie dagewesen"
Polizeichef Merbitz mache sich nach den Vorfällen nicht nur um die gesellschaftliche Entwicklung im Freistaat Gedanken. „Auch die Kollegen des sächsischen Polizeidienstes sehen sich immer stärkeren Aggressionen und Belastungen ausgesetzt. Das ist in dieser Form nie dagewesen und nicht hinnehmbar“, so Merbitz weiter.

Es sei jetzt dringend geboten „tatsächlich Lösungen zu diskutieren, als ständig erörtern zu wollen, wer wann welche Fehler gemacht hat. Demokratie zeichnet sich nicht durch Gewalt und Streit aus. Es muss gelingen, eine Situation herzustellen, in der alle Beteiligten an Lösungen arbeiten können. Dazu sehe ich auch die Politik auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene stärker gefordert“, fordert der 59-Jährige. Dazu gehöre auch, dass Probleme und Ängste (Merbitz: „Natürlich gibt es die.“) nicht ignoriert, sondern diskutiert werden.

Zeugenhinweise nimmt die Polizei in Leipzig unter der Rufnummer 0341 / 966 4 66 66 und die Beamten in Chemnitz unter der Rufnummer 0371 / 387- 49 58 08 entgegen.

Von Matthias Roth/Thomas Lieb

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