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Baby stirbt an Herzfehler: Gericht spricht Leipziger Ärztin von fahrlässiger Tötung frei

Baby stirbt an Herzfehler: Gericht spricht Leipziger Ärztin von fahrlässiger Tötung frei

Für seine Eltern war der kleine Julius ein Wunschkind. Doch das Baby erlebte nicht mal seinen ersten Geburtstag. Er starb an einem Herzfehler - die Schuld daran trug aber nicht eine Ärztin, die das Leipziger Amtsgericht urteilte.

Leipzig. Sie sitzt in diesem großen Saal des Amtsgerichtes und weint fast die ganze Zeit. Mehr als drei Jahre ist es her, dass Michaela K. (43) und ihr Lebensgefährte Andreas Z. (49) ihr Baby zu Grabe tragen mussten. Der kleine Julius war für sie ein absolutes Wunschkind, entstanden durch künstliche Befruchtung. Doch er erlebte nicht einmal seinen ersten Geburtstag. Anfang Februar 2012 starb der Junge an einem angeborenen Herzfehler. Macht es den Schmerz für die Eltern erträglicher, wenn jemand für diesen Tod schuldig gesprochen wird?

 Es war am 16. Januar 2012, als Michaela K. mit Julius die Praxis von Cornelia I. im Leipziger Westen aufsuchte. Knapp sechs Monate ist der Junge damals alt, es handelte sich um die sogenannte U5-Untersuchung. In der Anklageschrift heißt es, Michaela K. habe die Ärztin auf das Untergewicht ihres Kindes aufmerksam gemacht und darauf, dass der Kleine auffällig oft schwitzt. Dies seien "auf eine Herzerkrankung hindeutende Symptome" gewesen, die Ärztin hätte durch eine Ultraschalluntersuchung den ausgeprägten Herzscheidewanddefekt feststellen und behandeln müssen. "Bei einer Behandlung entsprechend der medizinischen Standards", sagt Staatsanwältin Tanja Lötschert, "hätte das Kind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überlebt." Die Anklage lautet deshalb auf fahrlässige Tötung.

 Die Verteidiger Christian Friedrich und Stefan Wirth widersprechen. Weder bei der pränatalen Untersuchung noch bei früheren Vorsorgeuntersuchungen seien Anhaltspunkte für eine Herzerkrankung festgestellt worden. Genau sei hingegen beobachtet worden, dass Julius zu wenig an Gewicht zulegte. Cornelia I. riet zunächst dazu, mehr zu stillen und mit Brei zuzufüttern. Dieser Ratschlag schien zu fruchten: Zwei Wochen später hatte der schmächtige Junge 200 Gramm zugenommen. Vereinbart wurde, dass die Mutter sich meldet, sofern das Gewicht ihres Sohnes wieder kritisch wird. Dies habe sie jedoch nicht getan, so die Verteidiger. Bei der regulären Untersuchung am 16. Januar wog Julius 5930 Gramm. Nun regte Cornelia I. einen Klinikaufenthalt an. Entsprechend der Leitlinien gibt es über zwanzig primäre Ursachen für Untergewicht", erklärt die Ärztin vor Gericht. "Eine Abklärung ist nur im Rahmen eines stationären Aufenthalts möglich." In der Patientenakte findet sich ein Vermerk: "Klinik besprochen".

 Die Eltern - sie haben inzwischen eine Tochter - bestreiten das. "Sie hat mit mir nicht über einen Klinikaufenthalt gesprochen", so Michaela K. "Ich hätte doch jede Chance genutzt", beteuert die Kellnerin. Auch Andreas Z. will davon nichts wissen. "Wir haben immer sofort alles für unser Kind getan", sagt der Versicherungsfachmann. Am 2. Februar starb Julius, er wog nur noch 5770 Gramm.

 Das Sachverständigengutachten entlastet schließlich die Kinderärztin: Eine sofortige Ultraschalluntersuchung des Herzens, noch dazu im Status eines Notfalls, sei nicht angezeigt gewesen. Vielmehr sei bei Untergewicht eine breite Diagnostik erforderlich. Staatsanwältin Lötschert stellt daraufhin fest, dass der ursprüngliche Tatvorwurf nicht mehr zu halten sei. "Der Tod war für die Angeklagte nicht vermeidbar". Sie fordert, wie auch die Verteidigung, Freispruch. Lediglich Nebenklagevertreter Ralf Leidecker hält daran fest, dass ein ärztlicher Kunstfehler vorlag. Dies sei sogar nachvollziehbar, findet Amtsrichterin Elke Kniehase. "Aber ein ärztliches Handeln hätte nicht mit Sicherheit dazu geführt, den Tod des Kindes zu verhindern." Sie spricht die angeklagte Ärztin frei. Und dann wird es auf einmal ganz still. "Man bleibt", sagt die Richterin in die Runde, "traurig zurück."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.05.2015
Frank Döring

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