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„Dann stürzte er in die Tiefe“: Schausteller berichtet über Stuntman-Tod auf der Kleinmesse

„Dann stürzte er in die Tiefe“: Schausteller berichtet über Stuntman-Tod auf der Kleinmesse

Tief sitzt der Schock am Freitag auf der Leipziger Kleinmesse. Der Unfalltod des Motorrad-Stuntman Serif G. bei einer Show am Mittwoch löste Trauer und Bestürzung unter Freunden, Kollegen und Besuchern des Volksfestes aus.

Leipzig. Inzwischen steht nahezu zweifelsfrei fest: Der 52-jährige Bosnier stürzte aufgrund eines Fahrfehlers bei einer Akrobatik-Vorführung auf der fast zehn Meter hohen Steilwand in den Tod. Mit LVZ-Online sprach der Chef der „Show der Sensationen“ über das tragische Unglück – und die Entscheidung, das Stunt-Spektakel fortzusetzen.

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Leipzig. Tief sitzt der Schock am Freitag auf der Leipziger Kleinmesse. Der Unfalltod des Motorrad-Stuntman Serif G. bei einer Show am Mittwoch löste Trauer und Bestürzung aus. Inzwischen steht fest: Der 52-jährige Bosnier stürzte aufgrund eines Fahrfehlers von der fast zehn Meter hohen Steilwand in den Tod. Mit LVZ-Online sprach der Chef der „Show der Sensationen“ über das Unglück – und die Entscheidung, das Stunt-Spektakel fortzusetzen.

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„Wir leben jeden Tag mit dem Risiko – und doch sind wir alle zutiefst geschockt, dass das passieren konnte“, sagt Charles Blume. Seit Jahrzehnten kannte der 39-Jährige seinen Fahrer Serif G. den alle nur „Gino“ nannten. In dem deutschlandweit bekannten Familienbetrieb aus der Nähe von Oldenburg, den Blumes Vater in den 1960er-Jahren gründete, war G. seit mehr als 25 Jahren als Steilwandfahrer aktiv – und galt als Zuschauerliebling. „Gino war ein Routinier, der anderen Artisten das Steilwandfahrern beibrachte“, erzählt Blume mit gefasster Stimme von seinem verstorbenen Freund.

Stuntman stürzte auf Oldtimer-Maschine in den Tod

Niemand könne sich bisher erklären, wie G. der „kapitale Fahrfehler“ unterlief, sagt der Schausteller. Es war am Tag der Deutschen Einheit die erste Show des Tages für den erfahrenen Stuntfahrer. Die Vorstellung um 15 Uhr war mit mehr als 60 Besuchern gut gefüllt, auch viele Familien mit Kindern wollten das Spektakel erleben, bei dem Motorräder und sogar ein Auto an einer senkrechten Wand im Kreis fahren – nur durch Fliehkräfte in der Bahn gehalten. In Leipzig hatte es das zuvor noch nicht gegeben.

Nach dem Warmlaufen der Maschinen und der traditionellen Begrüßungsfahrt eines Kollegen raste Gino gegen 15.40 Uhr auf die Rampe. Auf einer Indian Scout, einem rund 90 Jahre alten Oldtimer-Motorrad aus den USA, sollte er an der Steilwand eine zweiminütige Solo-Artistikshow präsentieren. Er drehte seine PS-starke Maschine auf und fuhr über die Startspur in die Holzrampe hinein. Mitten in der Vorführung passierte dann das Unfassbare: Gino touchierte das Drahtseil, das als Abgrenzung zu den Zuschauern am oberen Ende der Steilwand befestigt ist. „Er verlor die Kontrolle und stürzte aus rund sieben Metern in die Tiefe“, berichtet Blume, der den Knall und die Schreie des Publikums von draußen hörte.

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Nach einem Tag der Trauer geht die Show am Freitag weiter.

Quelle: Andr Kempner

Sofort eilte der Schausteller-Chef und mehrere seiner Kollegen in die Arena, um erste Hilfe zu leisten. Auch ein Rettungssanitäter der Kleinmesse war vor Ort. Gemeinsam trugen sie G. nach draußen – er war trotz schwerster innerer Verletzungen noch ansprechbar, klagte über Atemnot, wollte sich sogar noch aufrichten. Doch es stand nicht gut um ihn. Der um 15.46 Uhr alarmierte Rettungswagen brachte den Stuntman mit Blaulicht ins Uni-Klinikum. Dort verstarb Serif G. um 2.20 Uhr in der Nacht zum Donnerstag.

Staatsanwaltschaft ordnet Obduktion an

Blume vermutet, dass eine Unachtsamkeit seinen Artisten aus dem Leben gerissen hat. „Ein Steilbahnfahrer lebt von Emotionen und Applaus, will für das Publikum immer alles geben. Dabei ist er wahrscheinlich zu nah an das Seil gekommen“, glaubt der Show-Chef. Zumindest wurden am Motorrad, das fünf Meter neben dem verunglückten G. lag, und dem Seil deutliche Kratzspuren gefunden.

Die Staatsanwaltschaft will sich aufgrund laufender Ermittlungen zu Details des Unfalls noch nicht äußern, bestätigt am Freitag aber zumindest die wahrscheinliche Unglücksursache gegenüber LVZ-Online. „Ein technischer Defekt an der Anlage oder am Motorrad kann bislang ausgeschlossen werden“, erklärt Sprecher Ricardo Schulz. Ein Straftatverdacht liege nicht vor. „Wir gehen von einem Fahrfehler als Ursache aus. Wie es dazu kam, wird derzeit noch ermittelt.“ Eine Obduktion der Leiche sei bereits angeordnet worden. Dass G. alkoholisiert gewesen sei, könne aber bereits ausgeschlossen werden.

Kamera-Blitzlicht: War der Motorradfahrer abgelenkt?

Anders als mehrere Zeugen des Unfalls hält es Schausteller-Chef Charles Blume für unwahrscheinlich, dass das Blitzlicht einer Kamera – Film- und Fotoaufnahmen sind in der Arena eigentlich verboten – den Motorradfahrer geblendet haben könnte. Durch den Winkel zum Publikum sei das gar nicht möglich – die „Show der Sensationen“ habe bereits Musikvideos und Filme mit hellen Scheinwerfern gedreht, was auch kein Problem gewesen sei. „Der Fahrer schaut immer auf die Steilbahn, dort wo er hinfährt“, erklärt Blume. „Macht er das einen Moment lang nicht, verliert er die Orientierung.“ Einen solchen Moment könnte G. mit dem Leben bezahlt haben.

Für die „Show der Sensationen“, die früher als „Kampf der Giganten“ durch die Lande zog, ist es nicht der erste tödliche Unfall. Bereits 1998 kam ein Fahrer an der Steilwand ums Leben. Er verlor laut Blume bei einer sogenannten Schleifenfahrt ebenfalls aus Unachtsamkeit die Kontrolle und wurde bei einer zu steilen Fahrt von seiner Maschine geschleudert. Wie Gino auch sei er ohne Helm und besondere Schutzkleidung unterwegs gewesen – um Gewicht zu sparen, wie der Stuntman-Chef erklärt. „Bei der Fahrt wird das Vierfache des Körpergewichts auf das Motorrad gepresst. Einen Helm zu tragen, wäre gar nicht möglich“, sagt Blume.

„Es ist unser Leben“: Shows sollen fortgesetzt werden

Trotz der Tragödie sollen die bis 21. Oktober auf der Kleinmesse geplanten Stunt-Shows nicht abgesagt werden. Noch am Freitag würden die PS-Akrobaten ihr gefährliches Programm fortsetzen, so Blume. „Wir haben lange miteinander gesprochen und uns entschieden, weiterzumachen. Es ist unser Leben, unsere Leidenschaft“, sagt der 39-Jährige, der früher selber in der Steilwand unterwegs war.

Am Donnerstag legte das Stunt-Team einen Trauertag auf dem Volksfest ein – parallel untersuchten Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft, die erst einen Tag nach dem Unfall über den Vorfall informiert wurden, den Unglücksort mit Gutachtern. „Technisch gab es an der Anlage nichts zu beanstanden. Es besteht aus unserer Sicht kein Anlass, sie zu sperren“, so Oberstaatsanwalt Schulz.

Ginos Wohnmobil steht indes verwaist auf dem Festplatz am Cottaweg. Um den 52-Jährigen trauert seine Lebensgefährtin, die er gerade kennengelernt und mit nach Leipzig gebracht hatte. Am vergangenen Donnerstag kam sie aus Bosnien, wo der Steilwand-Stuntman vor seinem Tod noch auf Heimaturlaub war, mit zur Show, berichtet Blume. Aus mehreren Ehen hinterlasse Gino zudem drei Kinder. „Er hatte ein bewegtes Leben“, erzählt der Schaustellerfreund, „und stand gerne im Schweinwerferlicht.“

Robert Nößler

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