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„Die Tritte nahmen kein Ende, ich hatte Todesangst“

Angeklagter entschuldigt sich vor Gericht „Die Tritte nahmen kein Ende, ich hatte Todesangst“

„Es tut mir unendlich leid, ich schäme mich dafür.“ Weinend stammelt der Angeklagte an diesem frühen Montagmorgen in Saal 215 des Landgerichts eine Entschuldigung. Doch sein Opfer, eine 41-jährige Verkäuferin, kann nicht vergeben: „So etwas ist nicht zu entschuldigen“,  sagt Katrin K. mit tränenerstickter Stimme.

In Handschellen Montag früh auf dem Weg in den Gerichtssaal: Angeklagter Julian G. Foto: Wolfgang Zeyen

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Laut Anklage hat IT-Auszubildender  Julian G. (28) am 29. Januar gegen 5 Uhr im Hauptbahnhof wie in einem Gewaltrausch immer wieder auf die wehrlose  Frau eingetreten, vor allem gegen ihren Kopf. Sie erlitt multiple Prellungen an fast allen Körperregionen, eine Verletzung der Netzhaut am linken Auge und Schürfwunden. Büschelweise wurden ihr Haare ausgerissen. Aufgrund der massiven Angriffe, die tödliche Verletzungen hätten hervorrufen können, wirft Staatsanwalt Klaus-Dieter Müller dem Angeklagten versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor.

Es war ein Gewaltexzess offenbar völlig ohne Grund: Aus Kummer über die Trennung von seiner Freundin habe er zunächst fünf Bier getrunken, berichtet Julian G. vor Gericht. Später kehrte er ins berühmt-berüchtigte Lokal „Sachseneck“ in der Georg-Schumann-Straße ein. „Ich wollte den Kopf abschalten“, so der Angeklagte. Dort fiel er bald durch ein aggressives Auftreten auf, schildert Kellnerin Cornelia R. (50). Als sie ihn deshalb aufforderte zu gehen, habe er sie bedroht: „Ich bin der Führer der Antifa, ich kriege raus, wo du wohnst und dann bringe ich dich um!“ Mit einem Taxi fuhr Julian G. zum Hauptbahnhof. Laut Chauffeur Ronald G. (59)  habe der Fahrgast immer wieder gesagt: „Ich werde sterben und Sie und ihre Familie auch!“
Als Katrin K. gegen 5 Uhr ihre Frühschicht bei einem Backwaren-Shop am Hauptbahnhof antrat, sah sie den merkwürdigen Mann auf der Rampe vor dem  Eingang zum Betrieb. Weil er sich dann auch noch hinlegte und den Eingang versperrte, habe sie sich provoziert gefühlt und ihn lautstark zum Verlassen aufgefordert. „Plötzlich rutschte er durch das Geländer nach unten, packte mich an der Jacke und würgte mich“, berichtet die Mutter eines elfjährigen Jungen. „Ich bekam keine Luft, bin auf die Knie gegangen. Dann hat er angefangen, mich immer wieder gegen den Kopf zu treten.“ Sie schrie um Hilfe, sie flehte ihn an. „Die Tritte nahmen kein Ende, ich hatte Todesangst, dachte, ich komme da nie wieder raus und sah noch meinen Sohn vor mir.“ Eine Streife der Bundespolizei ging schließlich dazwischen, Katrin K. kam in die Notaufnahme.

„Mein Mandant hat keine Erinnerung mehr“, so Verteidiger Anwalt Curt-Matthias Engel. Der Anklageschrift zufolge hatte Julian G. am Tattag gegen 7.20 Uhr noch immer 2,12 Promille Alkohol intus. Inzwischen schickte der inhaftierte Azubi einen Entschuldigungsbrief und 5000 Euro Schmerzensgeld an sein Opfer. Die Verkäuferin leidet noch immer unter massiven Schlafstörungen. „Er hat mir ein Stück Sicherheit genommen“, sagt sie und weint.
Für den Prozess hat das Landgericht noch zwei Verhandlungstage bis 17. Juni geplant.

Von Frank Döring

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