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Dreijährige monatelang eingesperrt - Bewährungsstrafe für Mutter

Dreijährige monatelang eingesperrt - Bewährungsstrafe für Mutter

Monatelang wird ein dreijähriges Mädchen in seinem Zimmer eingesperrt. Auf acht Quadratmetern vegetiert es dahin, ohne Licht, Toilette oder gar Zuwendung. Seelisch und körperlich nimmt das Kind schweren Schaden.

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Das Amtsgericht verhandelt den Fall.

Quelle: Andreas Gebert/Archiv

Leipzig. Gestern musste sich seine Mutter deshalb am Amtsgericht verantworten.

Silvia G. (29) kümmerte sich laut Staatsanwaltschaft seit Anfang 2011 aus Gleichgültigkeit nicht um ihre Tochter. Die gelernte Bürokraft habe die Kleine nicht gewaschen, ihr nur Flüssignahrung gegeben, sich selbst überlassen und das Zimmer der Drei-Raum-Wohnung in der Merseburger Straße verschlossen. Währenddessen hielt sich Silvia G. bei ihrem Freund auf, soll ihre kleine Tochter sogar über Nacht allein gelassen haben. Im Gegensatz zum damals neunjährigen Bruder habe das Mädchen auch nie die Wohnung verlassen dürfen.

Nachbarn sollen das Jugendamt schon früher informiert haben, schließlich schlug eine Schwester der Angeklagten beim Allgemeinen Sozialdienst Alarm. Doch erst am 16. November 2011 wurde das Mädchen aus seinem Zimmer befreit. Den Kontrolleuren der Behörde bot sich ein erschütternder Anblick: Die Dreijährige lag in einem kaputten Bett, mit verfilzten Haaren und schlechten Zähnen, ihre Matratze war von Fäkalien durchtränkt, Fußboden und Wände waren voller Kot. Das völlig verwahrloste und zutiefst verstörte Kind wurde zunächst in eine Klinik eingeliefert. Mehrere Monate psychiatrischer Behandlung schlossen sich an.

Der Fall von 2011 erinnert fatal an das Drama um den zweijährigen Kieron-Marcel, der im Jahr darauf, im Juni 2012, neben der Leiche seiner drogensüchtigen Mutter qualvoll verdurstet war (siehe Kasten). Hier wie da stellt sich die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Das öffentliche Interesse an der juristischen Aufarbeitung ist also groß.

Gleichwohl schloss Amtsrichter Peter Weber gestern auf Antrag der Nebenklage die Öffentlichkeit wegen schutzwürdiger Interessen der Angeklagten und des Opfers aus - und das sogar noch vor Verlesung der Anklageschrift. Medienvertreter mussten den Gerichtssaal verlassen, nur eine Schülerpraktikantin aus der Justiz durfte bleiben. Heißt: Nahezu alle Informationen zu diesem Verfahren sollten geheim bleiben. Selbst in Justizkreisen wurde eingeräumt, dass man mit einer solchen Praxis die Berichterstattung der Medien erschwere oder unmöglich mache. "Richter haben mit dem Schutz der Betroffenen ein wichtiges Argument", erklärte gestern Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes. "Aber sie haben auch alle Freiheiten, Journalisten auszuschließen - und das ist eindeutig ein Problem."

Öffentlich war dann wieder die Urteilsverkündung: Silvia G. wurde wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht und vorsätzlicher Körperverletzung durch Unterlassen zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt, ausgesetzt zur Bewährung. Bereits voriges Jahr hatte sie vor dem Amtsgericht ein Geständnis abgelegt. Die Verhandlung war jedoch ausgesetzt worden, weil die Angeklagte von einem Psychiater begutachtet werden sollte (die LVZ berichtete).

Die bald siebenjährige Tochter von Silvia G. kam nach ihrem Martyrium in eine Pflegeeinrichtung. Ob sie jemals alle Entwicklungsrückstände aufholt, ist ungewiss. Der Sohn lebt mittlerweile bei seinem Vater. Eine weitere, 2012 geborene Tochter ist ebenfalls nicht mehr in Obhut der Mutter.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.03.2015

Döring, Frank

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