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Polizeiticker Leipzig Allein gegen die Fahrradmafia: Leipziger Familie fühlt sich im Stich gelassen
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Allein gegen die Fahrradmafia: Leipziger Familie fühlt sich im Stich gelassen
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00:22 15.02.2018
Der Familie von Christian und Elke Hanewinkel wurden seit 2017 schon fünf Fahrräder gestohlen. In einem Fall ließen die Täter das Einbruchwerkzeug im Keller zurück. Dabei investieren die Leipziger auch in hochwertige Schlösser. Doch auch die wurden schon aufgebrochen (kleines Foto). Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Elke und Christian Hanewinkel stehen im Kellergang und haben Einbruchswerkzeug in der Hand. Die Brechstange und den Bolzenschneider fanden sie eines Morgens, nachdem wieder mal Unbekannte ihren Keller geplündert hatten. Fünf hochwertige Fahrräder hat Familie Hanewinkel allein seit 2017 durch Diebstähle eingebüßt – Gesamtschaden: etwa 8000 Euro. „Die Situation“, sagen beide, „ist völlig aus dem Ruder gelaufen.“

Täter verursachen Totalschaden

Das erste Rad kam Weihnachten 2015 abhanden, ein zweites folgte ein Jahr später. 2017 zog sich Fahrraddiebstahl dann schon wie ein roter Faden durch das Leben der fahrradbegeisterten Familie. Zwei fest angeschlossene Mountainbikes verschwanden komplett. In einem weiteren Fall bearbeiteten unbekannte Täter das stabile Fahrradschloss derart heftig, dass am Rahmen des Fahrrads ein Totalschaden entstand. Dann hatten es Diebe mehrfach auf Laufräder mit Bremsanlage abgesehen. „Die Reparaturkosten entsprechen dem Neuwert“, konstatiert die 46-jährige Elke Hanewinkel.

Ein Rad schon dreimal nachgekauft

Auch das neue Jahr begann wie gewohnt: Bereits am 1. Januar musste die Familie einen Kellereinbruch und den Verlust ei- nes hochpreisigen Tourenrades hinnehmen. „Dieses Rad ist bereits dreimal nachgekauft worden, weil die Vorgängermodelle alle gestohlen wurden“, schildert Elke Hanewinkel. Eine Woche später traf ihre erwachsene Tochter ähnliches Ungemach: Aus dem Flur ihres Mietshauses in Gohlis wurde ihr Rad und das ihres Freundes entwendet.

Empfindliche Verluste für eine Familie, die ihren Alltag überwiegend mit dem Rad bewältigt. „Wir haben sogar erwogen, das Auto endgültig abzuschaffen, aber angesichts der zahlreichen Diebstähle in den vergangenen Monaten sehen wir überhaupt keine Möglichkeit mehr dazu“, sagt das Ehepaar. Die Leipziger fühlen sich von Stadt und Polizei im Stich gelassen.

Drei verschlossene Türen bis zum Keller

So hatten Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) und der Leitende Polizeidirektor Jens Galka erst im Herbst 2017 vor dem Hintergrund des explosionsartigen Anstieges der Fahrraddiebstähle an alle Bürger appelliert, mehr dafür zu tun, dass ihre Fahrräder nicht gestohlen werden. „Aber das tun wir doch längst“, stellen die Hanewinkels klar. Sie kaufen hochwertige Schlösser für 80 Euro oder mehr. Nachts stehen die Räder im Keller. Ihr schickes Gründerzeithaus im Waldstraßenviertel ist gleich mehrfach gesichert. Um in den Keller zu gelangen, sind drei verriegelte Türen zu überwinden. „Die Schließanlage wurde bereits getauscht, aber die Kellertüren werden von den Dieben mit Gewalt aufgestemmt“, berichtet Christian Hanewinkel (56). „Wir sind ratlos, aber wir sind kein Einzelfall.“

Wohl wahr: Die Fallzahlen gehen seit Jahren durch die Decke. Von 6851 Fahrraddiebstählen im Jahr 2015 ging es innerhalb von zwölf Monaten rauf auf 9642. Gleichzeitig sank die Aufklärungsquote von 11,8 (2014) auf 8,9 (2015) und 6,3 Prozent (2016). Die Zahlen für 2017 hält die Polizei noch geheim, bis im Frühjahr die Kriminalstatistik veröffentlicht wird. Nach LVZ-Informationen ist jedoch mit einem weiteren drastischen Anstieg zu rechnen. Aus Behördenkreisen heißt es, dass im Vorjahr im Stadtgebiet rund 11 000 Räder gestohlen wurden – das sind etwa 30 pro Tag.

Verzweifelte steigen auf Billigräder um

Die Ermittler gehen davon aus, dass überwiegend professionell agierende osteuropäische Banden hinter dem massiven Fahrradklau stecken. So stoppte die Polizei 2016 an der tschechischen Grenze mehrere Lkw voller Fahrräder – darunter eine Vielzahl im Preissegment von mehr als 1000 Euro und codiert.

Angesichts des immer mehr ausufernden Problems meint Familie Hanewinkel, „dass der Kampf gegen die Fahrradmafia nicht die Aufgabe der Bürger ist. Wir würden uns sehr über die Einrichtung einer Sonderkommission zur Verfolgung der Diebesbanden freuen.“ Bereits 2012 hatte die Polizei eine spezielle Ermittlungsgruppe „Zentrale Bearbeitung von Fahrradkriminalität“ gebildet. Doch zuletzt verwies die Behörde mehrfach auf die ohnehin schon extreme Einsatzbelastung. Wie berichtet, stieg die Kriminalität in vielen Deliktbereichen enorm an. Allein 2016 wurden insgesamt 88 615 Straftaten in der Stadt erfasst – ein Zuwachs innerhalb eines Jahres von mehr als 20 Prozent.

Aus purer Verzweiflung steigen viele Leipziger mittlerweile auf billige Räder um, die womöglich weniger Begehrlichkeiten wecken. Hanewinkels Sohn etwa rollt inzwischen auf einem Klappfahrrad aus DDR-Zeiten durch die Stadt. Diebe haben es bislang nicht angerührt.

Von Frank Döring

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