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Polizeiticker Leipzig Geldstrafen für Lkw-Fahrer nach tödlichen Fahrradunfällen
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Geldstrafen für Lkw-Fahrer nach tödlichen Fahrradunfällen
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11:31 07.12.2018
Ein weißes Fahrrad für tote Radfahrer am Martin-Luther-Ring in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Kurt W. (59) stützt den Kopf in seine Hände und versucht, die Tränen zu unterdrücken. „Bis heute weiß ich nicht, wo der Radfahrer herkam“, sagt er. „Ich habe ihn einfach nicht gesehen.“ Bis Ende Mai war der Berufskraftfahrer ein unbescholtener Mann, keine Vorstrafen, keine Verkehrsdelikte. Doch an jenem verhängnisvollen Tag überrollte er in der Rosa-Luxemburg-Straße einen Fahrradfahrer. Es war der vierte tödliche Radfahrerunfall allein in diesem Frühjahr. In den Jahren zuvor waren es von 2012 bis 2017 insgesamt 18. Nachspiel für gleich zwei dieser tragischen Fälle am Donnerstag am Amtsgericht – Tatvorwurf gegen die beiden Autofahrer: fahrlässige Tötung.

Es war  an jenem 31. Mai 2018 das dritte Mal, dass Kurt W. mit seinem Betonmischer auf der Baustelle an der Rosa-Luxemburg-Straße war. Seit 7.30 Uhr saß er hinterm Steuer, fuhr die Tour zur Mischanlage nach Engelsdorf und zurück. Gegen 14.15 Uhr wollte er wieder dorthin, tastete sich mit Schrittgeschwindigkeit an der Ausfahrt voran. Laut Staatsanwaltschaft fuhr er da sechs Kilometer pro Stunde, bei der Auffahrt nach rechts auf die Straße beschleunigte er auf Tempo 15. Dabei übersah er Peter V. (53), der mit seinem Fahrrad von links angefahren kam und Vorfahrt hatte. Der Mann stürzte und wurde, auf dem Bauch liegend, von dem Lkw überrollt. Noch am Unfallort verstarb er – Todesursache: Polytrauma. 

Toter Winkel

Vor Gericht schildert der zutiefst unglückliche Angeklagte, der sich seit dem Unfall in psychologischer Behandlung befindet und erst seit Ende Oktober wieder seinem Job nachgehen kann, dass die Ausfahrt aufgrund vieler geparkter Autos sehr unübersichtlich gewesen sei. „Ich habe nach links, dann nach rechts über die abgestellten Autos geschaut und nichts wahrgenommen“, sagt er. Ein Dekra-Gutachten kommt nach Gerichtsangaben zu dem Schluss, dass Kurt W. sich hätte ein- und ausweisen lassen müssen, wenn die Übersicht für ihn zu eingeschränkt gewesen ist. Es lasse sich nicht ausschließen, dass der Radfahrer zwischenzeitlich im toten Winkel war, so der Gutachter, durch mehrmalige Blickwendung wäre der Unfall jedoch vermeidbar gewesen. Mithin folgt Amtsrichterin Heike Gunter-Gröne dem Antrag der Staatsanwaltschaft, den auch Verteidiger Uwe Karsten akzeptiert: 5600 Euro Geldstrafe (140 Tagessätze à 40 Euro).

Nach tödlichen Fahrradunfällen erinnern an verschiedenen Orten in Leipzig weiß gestrichene Räder an die Oper.

Ebenfalls mit Geldstrafe endet am Nachmittag der zweite Prozess um einen tödlichen Unfall bereits am 20. September 2016. Lkw-Fahrer Volker G. (57) hatte an jenem Morgen kurz vor 7.30 Uhr beim Rechtsabbiegen von der Wurzner in die Lilienstraße eine 23-jährige Fahrradfahrerin erfasst und überrollt. Tina K. erlag noch am Unfallort ihren schwersten Verletzungen. „Ich habe die Radfahrerin wirklich nicht gesehen“, beteuert der Angeklagte. Eigentlich ist der 57-jährige Thüringer als Baggerfahrer tätig. An jenem verhängnisvollen Tag sprang er für einen Kollegen auf dem Lkw mit Kippmulde ein, um Bauschutt zu transportieren.

Laut dem Dekra-Sachverständigen Peter Schrader ergab eine spätere Untersuchung, dass an dem Mercedes zwar alle erforderlichen Rückspiegel vorhanden waren. „Doch der rechte Außenspiegel wurde nicht optimal eingestellt“, so der Gutachter. Deshalb seien die Angaben des Angeklagten, niemanden wahrgenommen zu haben, tatsächlich nachvollziehbar. Aber: Einer Unfallrekonstruktion zufolge war beim Blick in jenen über dem Außenspiegel befindlichen Weitwinkelspiegel – immer – ein Radfahrer zu sehen. „Schon 17 Sekunden vor der Kollision wäre die Person für den Lasterfahrer erkennbar gewesen“, fand der Gutachter heraus. Dieser Unfall ist nach seiner Einschätzung „leider der Klassiker“.

Schlimmste Folgen

Staatsanwaltschaft wie Gericht und auch Verteidigung gehen deshalb davon aus, dass der angeklagte Fahrer den Blick in den Weitwinkelspiegel unterließ und damit zwar eine geringe Pflichtverletzung beging, die aber zur schlimmsten Folge führte: Eine junge Frau verlor ihr Leben. Die Mutter des Unfallopfers sei nach wie vor in medizinischer Behandlung, berichtet Christian Fautz. „Sie verkraftet den Tod ihrer Tochter nur sehr schwer“, sagt der Rechtsanwalt, der die Mutter – die Nebenklägerin – vertritt. Auch eine Radfahrerin, die damals wenige Meter hinter der 23-Jährigen fuhr, steht „noch immer sehr unter dem Eindruck des Geschehens“, meint schließlich Richterin Sonja Schumann. Der Schilderung der Zeugin zufolge fuhr der Laster auf der Wurzner Straße so langsam, „dass auch ich dachte, er hat uns bestimmt gesehen“. Das Tempo gab der Gutachter mit etwa 15 Stundenkilometer an.

Die Staatsanwaltschaft beantragt 150 Tagessätze à 50 Euro (7500 Euro). Die Richterin verhängt 100 Tagessätze à 40 Euro (4000 Euro). Bei der Strafhöhe berücksichtigt sie, dass sich der Angeklagte zuvor noch nie etwas zuschulden kommen ließ, sein Flensburger Register keine Einträge hat und die Verfahrensdauer überlang ist. Mehrfach wurde der Prozess verschoben. Noch am Donnerstag hat der Angeklagte das Urteil akzeptiert.

Von Frank Döring und Sabine Kreuz

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