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Gewaltorgie in Leipziger Gefängnis - Häftlinge wegen Vergewaltigung angeklagt

Prozessbeginn Gewaltorgie in Leipziger Gefängnis - Häftlinge wegen Vergewaltigung angeklagt

Brutale Schläge und sexuelle Gewalt - in der JVA Leipzig ist ein Häftling misshandelt worden. Täter sollen zwei Zellengenossen gewesen sein. Zum Prozessauftakt schwiegen die Angeklagten.

Blick auf die JVA Leipzig. Dort sollen Häftlinge einen Zellengenossen in einer Gewaltorgie malträtiert haben.
 

Quelle: dpa

Leipzig - . Der Mann war seinen Peinigern schutzlos ausgeliefert. Denn er war mit ihnen in eine Zelle gesperrt. Zwei Mithäftlinge sollen den damals 38-Jährigen in der JVA Leipzig stundenlang gequält haben - in einer brutalen und erniedrigenden Gewaltorgie. Seit Donnerstag müssen sich die beiden 26 Jahre alten Beschuldigten vor dem Leipziger Landgericht wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Ein vierter ehemaliger Bewohner der Zelle im Alter von 36 Jahren ist wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

Die Anklageschrift beinhaltet verstörende Details. Am Abend des 14. Januar 2017 schlagen demnach die beiden Hauptangeklagten ihren Mithäftling in der gemeinsamen Zelle erst brutal zusammen, brechen ihm Nase, Jochbein und Brustbein.

Anschließend zwingen die beiden Hauptangeklagten den Mann, sich zu entblößen, führen ihn wie einen Hund an einer Art Leine durch die Zelle, so die Anklage. Und die Pein geht den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft zufolge weiter: Unter Androhung von Gewalt bringen sie den Verletzten dazu, sich eine Toilettenbürste in den After zu stecken. Mit einem erhitzten Messer scheiden sie ihm in den Penis. Einer der Beschuldigten uriniert dem Opfer in den Mund, der Mann wird außerdem gezwungen, Kot zu essen. Der Mitangeklagte ist dabei und unternimmt nichts, um dem Gequälten zu helfen.

Vorwurf: Tat sollte vertuscht werden

Am Ende entschließen sich die Beschuldigten nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft, die Tat zu vertuschen. Sie wollen einen Selbstmord vortäuschen. Ihr Opfer zwingen sie erst, einen Abschiedsbrief zu verfassen. Dann sollen sie den Mann dazu gebracht haben, mit einer Schlinge um den Hals von einer Fensterbank zu springen. Der Verletzte verliert das Bewusstsein.

Bekommen die mutmaßlichen Täter daraufhin plötzlich Gewissensbisse? Oder wird ihnen jetzt erst bewusst, dass der Mann tatsächlich sterben könnte? Sie machen den Mann los und wählen den Notruf.

 Angeklagte schweigen

Die Vorwürfe nehmen die Angeklagten im Gerichtssaal ohne erkennbare Regung zur Kenntnis. Äußern wollen sie sich vorerst nicht dazu. Laut Staatsanwaltschaft hatte zuvor einer der Männer angegeben, das Opfer habe einst seinen neun Jahre alten Stiefsohn geschlagen. Einer der beiden Hauptangeklagten fällt laut Vorstrafenregister schon seit seiner Jugend immer wieder mit Gewalttaten auf. Im Leipziger Gefängnis verbüßte er zur Tatzeit eine dreieinhalbjährige Haftstrafe wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung. Der andere Hauptangeklagte war wegen Betruges zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt worden.

Personalengpass in der JVA?

Nun wird das Gericht wohl nicht nur zu klären haben, was die mutmaßlichen Gewalttäter zu ihren Taten trieb. Die 6. Strafkammer wird auch ergründen müssen, wie in einem Gefängnis derartige Grausamkeiten geschehen konnten. Ein JVA-Beamter, der als Zeuge geladen war, berichtete von einem Personalengpass in der Tatnacht. Nach dem Notruf aus Zelle 258 seien zwischenzeitlich nur noch zwei Beamte für die Aufsicht des gesamten Gefängnisses zuständig gewesen.

Zuletzt war die Justizvollzugsanstalt Leipzig im Oktober 2016 in die Schlagzeilen geraten, weil sich der Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr dort in einem unbeobachteten Moment erhängt hatte.

Ministerium: Gewaltexzess ist selten

Gewaltexzesse wie der jetzt vor Gericht zu verhandelnde seien im Justizvollzug sehr selten geworden, erklärt ein Sprecher des Justizministeriums. Das liege unter anderem daran, dass immer weniger Gefangene gemeinsam untergebracht würden.

Dass in diesem Fall vier Häftlinge gemeinsam eine Zelle bewohnten, sei eher außergewöhnlich und der hohen Auslastung der JVA Leipzig geschuldet gewesen, sagte der Sprecher. Während der Nacht seien die Gefangenen grundsätzlich unbeobachtet - auch in Gemeinschaftszellen.

Um Gewalt vorzubeugen, achteten Gefängnisbedienstete immer sehr genau darauf, dass gemeinsam untergebrachte Häftlinge sich verstehen, betont der Sprecher. Im vorliegenden Fall habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass es zwischen den Insassen Konflikte gegeben habe. Was die Ursache für die Eskalation gewesen sei, bleibe noch zu klären.

53 Übergriffe im Jahr 2017

In den vergangenen beiden Jahren wurden in den Gefängnissen Sachsens nach Ministeriumsangaben jeweils 83 Übergriffe unter Gefangenen zur Anzeige gebracht. Im ersten Halbjahr 2017 waren es demnach bereits 53. Mitarbeiter der Gefängnisse würden speziell geschult, um Gewalt zu verhindern. Jeder von ihnen müsse Vorkommnisse melden. Gewalttäter könnten in spezielle Wohngruppen gebracht oder im Notfall isoliert werden.

 Die Aufklärung von Gewalt im Gefängnis sei oft schwierig, weil die Opfer aus Angst nicht aussagen wollten, erklärt der Sprecher. So war es nach Aussagen eines der Zeugen auch dieses Mal: Das Opfer habe bei der Befragung angegeben, dass er sich habe umbringen wollen. Von der Gewalt, die ihm angetan worden war, sagte der Mann nichts.

Opfer blieb dem Prozess fern

Die beiden Hauptangeklagten sind mittlerweile in anderen sächsischen Gefängnissen untergebracht. Der dritte Angeklagte sitzt noch immer in der JVA Leipzig. Dem Opfer müssen die Männer zu Prozessbeginn nicht entgegentreten. Der heute 39-Jährige ist wieder auf freiem Fuß - er war als Zeuge geladen, fehlte am Donnerstag unentschuldigt und muss deswegen mit einer Geldstrafe rechnen.

Von LVZ

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