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Krieg in der Schlüsseldienst-Branche: Anschlagsserie erschüttert Firmen in Leipzig

Krieg in der Schlüsseldienst-Branche: Anschlagsserie erschüttert Firmen in Leipzig

Demolierte Autos, Buttersäureattacken und Drohanrufe: In Leipzigs Schlüsseldienst-Branche geht nach einer Anschlagsserie die Angst um. Mehrere Kleinunternehmer wurden in jüngster Zeit Opfer von Kriminellen.

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Hier wurde Mike Webers Dienstwagen an Heiligabend in die Luft gesprengt. Der Inhaber des Schlossdienst Sachsen hat durch eine Anschlagserie inzwischen sein drittes Auto eingebüßt. Auch andere Schlüsseldienstler in Leipzig sind betroffen.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Selbst vor einem Sprengstoff-Attentat schreckten die Täter nicht zurück. Auslöser könnte laut Polizei ein skrupelloser Kampf um die Vormacht auf dem Markt sein. Inzwischen ist auch das Landeskriminalamt (LKA) eingeschaltet.

Es war in der Nacht zu Heiligabend, als ein ohrenbetäubender Knall die Anwohner in Leipzig-Großzschocher aus dem Schlaf riss. Wände vibrierten, Glassplitter flogen durch die Luft. Mike Weber hatte bereits eine düstere Vorahnung, als er kurz vor zwei Uhr aus dem Fenster seiner Wohnung blickte. Eine Explosion zerfetzte seinen vor dem Haus abgestellten Firmenwagen. Die Frontscheibe des Audi war herausgesprengt, Scherben lagen bis zu 50 Meter weit verstreut. Durch die Wucht der Detonation hatte sich sogar die Handbremse gelöst. Der Wagen rollte quer über die Straße und kam erst auf einer gegenüberliegenden Wiese an einem Baum zum Stehen.

„Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion“, heißt es später im Bericht der Kriminalpolizei, der LVZ-Online vorliegt. Der Wagen ist komplett zerstört, auch zwei nebenstehende Fahrzeuge werden stark beschädigt. Unter dem Pkw finden die Ermittler eine Zündschnur. Es ist der Höhepunkt einer Serie von Anschlägen und Übergriffen, die bereits seit knapp zwei Jahren Schlüsseldienste in Leipzig in Angst versetzen, aber von den Behörden bislang unter Verschluss gehalten wurden. Mike Weber, der sich 2011 mit seiner Firma Schlossdienst Sachsen selbstständig machte, hat inzwischen drei Autos verloren – sie wurden angezündet, mit Buttersäure verwüstet oder in die Luft gesprengt. Aus Angst vor neuen Übergriffen gab er seine Wohnung in Lausen-Grünau auf. Doch auch an seiner neuen Adresse in Großzschocher spürten ihn die Täter nun offenbar auf.

Mafiamethoden gegen Mitbewerber?

 

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Verräterische Spuren? Auch Mike Webers Spezialwerkzeug für Schlüsseldienstler stahlen die Täter aus seinem Auto, ohne einen Kratzer zu hinterlassen.

Quelle: Dirk Knofe

Bei ihren Ermittlungen verfolgt die Polizei eine erste Spur. „Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Hintergründe nicht im persönlichen Bereich, sondern im Branchenumfeld liegen“, erklärt Sprecher Uwe Voigt gegenüber LVZ-Online. Ein Zusammenhang zwischen den Taten liege nahe. „Dass eine Firma dreimal hintereinander Ziel eines Anschlags wird, kann kein Zufall mehr sein“, so Voigt. Die Ermittlungen der Beamten richten sich deshalb auch gegen Webers Mitbewerber, die – so der schwerwiegende Verdacht – versuchen könnten, Konkurrenten auszuschalten. „Noch fehlen uns dafür aber konkrete Anhaltspunkte“, betont Voigt. Die Auskunftsbereitschaft im Umfeld des Opfers sei gering, beklagt der Polizeisprecher.

Hinter vorgehaltener Hand verlautet aus Ermittlerkreisen, dass auf dem Schlüsseldienst-Markt in Leipzig ein knallharter Verdrängungswettbewerb herrsche. Neueinsteiger würden mit „Dumpingpreisen“ für Unruhe in der Branche sorgen. Tagsüber sind 75 Euro derzeit der Standardsatz für eine Wohnungs-Notöffnung in Leipzig, nachts werden in der Regel 20 Euro mehr fällig. Damit liegt die Messestadt deutlich über dem mitteldeutschen Schnitt – in Dresden und Erfurt werben Anbieter mit Preisen ab 50 Euro. Der Markt in Leipzig ist damit für Startup-Unternehmen besonders lukrativ. Auch Mike Weber stieg mit 59 Euro ins Geschäft ein. Ein Jahr später stand sein Auto in Flammen.

Unbekannte setzten im April 2012 den Wagen vor seiner Wohnung in der Zschampertaue in Lausen-Grünau in Brand. Zuvor war der Nissan fachmännisch – also ohne Spuren von Gewalt – geöffnet und das darin liegende Spezialwerkzeug für Schlüsseldienste entwendet worden. Im Haus schnitt der Täter zudem die Telefonkabel durch, damit der Schlüsseldienstler für Notfälle nicht mehr erreichbar sein würde. „Ich hatte am Vortag einen Anruf zu einem Auftrag erhalten, dort aber niemanden angetroffen“, erinnert sich Weber. Seine Vermutung: Die Täter wollten nur seinen Wagen ausspionieren und verfolgten diesen dann bis zu seiner Wohnung.

Steine mit Buttersäure in Wohnung geschleudert

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Schlüsseldienster Mike Weber bei einer Tür-Notöffnung. "Ein mulmiges Gefühl bleibt."

Quelle: Dirk Knofe

Branchenexperten warnen bereits seit Langem vor mafiösen Strukturen im Schlüsseldienst-Gewerbe. In Leipzig ist der Markt relativ übersichtlich: Laut Branchenbuch kämpfen gut 20 Wettbewerber um Kunden, die ausgesperrt, mit abgebrochenem oder verlorenen Schlüssel verzweifelt vor ihrer Haustür stehen. Doch der Schein trügt: Große Unternehmen dominieren laut Insidern die lokalen Märkte und verfügen über diverse Internetseiten und Telefonnummern. Wie eine Studie von Geld.de 2011 herausfand, vereinen nur sechs Prozent der Schlüsseldienste in Deutschland etwa zwei Drittel aller Telefonbucheinträge auf sich. In Erfurt verfügt beispielsweise jeder Anbieter im Schnitt über acht Nummern. Die Firmen gaukeln so Konkurrenz vor, treiben die Preise in die Höhe – und heizen den Verdrängungswettbewerb an.

Ein kriminelles Ausmaß wie in Leipzig ist aber auch für die hiesige Polizei neu. „Das ist kein gewöhnlicher Fall“, räumt Sprecher Uwe Voigt ein. Denn nur einen Monat nach dem ersten Attentat wurde Mike Webers neues Auto Ziel eines Buttersäureanschlags. Unbekannte kippten die übelriechende Flüssigkeit in den Innenraum seines Audi. Wieder fanden sich an dem abgeschlossenen Auto keine Einbruchsspuren. Wie die Polizei bestätigt, schleuderten die Täter auch in Buttersäure getränkte Steine durch die Fenster der beiden Erdgeschosswohnungen seines Hauses. Der Anschlag traf zwei völlig unbeteiligte Mieterinnen. Offensichtlich sollte der Anschlag Weber gelten. „Mein Name stand auf dem Klingelschild ganz unten“, erklärt er. Seine Wohnung befand sich jedoch im vierten Obergeschoss. Der Leipziger sah noch, wie zwei mit Kapuzenpullover und Schal vermummte Männer vom Tatort flüchteten.

Schlüsseldienstler bei Einsatz brutal zusammengeschlagen

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Schlüssel drinnen, Besitzer draußen: In der Branche der Not-Türöffner herrscht ein harter Preiskampf.

Quelle: dpa

Weber ist nicht der einzige Schlüsseldienstler aus Leipzig, der in den letzten Monaten Opfer von Kriminellen wurde. Am 4. Oktober wurde Thorsten Seifert* bei einem Notdienst-Auftrag in Plagwitz brutal überfallen und schwer verletzt. Ein Anrufer aus einer Telefonzelle bestellte den 32-Jährigen gegen fünf Uhr zu einer Wohnungsöffnung in die Gießerstraße. An der Ecke zur Industriestraße wurde der Schlüsseldienst-Mitarbeiter mit einem Teleskopschlagstock – einem sogenannten Totschläger – brutal niedergestreckt. Der Täter im Kapuzenpullover hatte es aber nicht auf sein Geld oder sein Handy abgesehen. Er schlug immer wieder brutal auf den Kopf von Seifert ein, ließ den stark blutenden jungen Mann schließlich liegen und flüchtete.

Dass persönliche Motive hinter der Tat stecken, hält S. für ausgeschlossen. Denn nur wenige Tage später ging in der Firma ein Anruf ein. „Wenn du noch eine Tür aufmachst, gibt es die nächste Strafe“, soll der unbekannte Anrufer einem Kollegen angedroht haben. Seifert, dessen Firma die Tür-Notöffnung für 60 Euro anbot, erstattete daraufhin Anzeige bei der Polizei. Die hat den Fall jedoch vorerst zu den Akten gelegt. Laut Sprecher Uwe Voigt sei bislang kein konkreter Zusammenhang zu den anderen Anschlägen gesehen worden. „Wenn sich neue Anhaltspunkte ergeben“, betont er, „wird das Verfahren aber wieder geöffnet.“

Aus Angst: Firmengründer geben nach Überfall auf

Bei Jungunternehmer Thorsten Seifert und seinem Kollegen hat der Überfall Spuren hinterlassen. Inzwischen haben sie ihre Firma aufgelöst. „Eine solche Dimension von Gewalt war für uns unvorstellbar“, erklärt Seifert. Um vor möglichen Gefahren zu warnen, hat er ein Rundschreiben an alle Schlüsseldienste in Leipzig verschickt. Mike Weber erfuhr jedoch eher zufällig durch einen dienstlichen Anruf, dass auch noch eine andere Firma von Übergriffen betroffen ist und deshalb sogar ihren Betrieb eingestellt hatte.

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Nach dem Sprengstoff-Anschlag auf Mike Webers Wagen liegen am Tatort noch immer Splitter. Das LKA hat das Auto beschlagnahmt.

Quelle: Dirk Knofe

Die Polizei ist nun dabei, am gesprengten Firmenfahrzeug Webers Spuren zu sichern, die zum Täter führen könnten. Der Audi wurde an Heiligabend vom Landeskriminalamt (LKA) beschlagnahmt und zur Untersuchung nach Dresden gebracht. Dort laufen die Ermittlungen der Sprengstoff-Experten auf Hochtouren, wie Polizeisprecher Uwe Voigt versichert. „Wir sind aber auf weitere Hinweise angewiesen, auf Zeugen, die etwas gesehen haben oder uns etwas zu den Hintergründen sagen können“, bittet er um Mithilfe aus der Bevölkerung.

Der Schaden durch die Anschlagsserie dürfte sich inzwischen auf mehrere zehntausend Euro belaufen. Fünf demolierte Fahrzeuge, zwei durch Säure verseuchte Wohnungen und eine ruinierte Firmenexistenz gehen auf das Konto des Serientäters. „Da muss es mittlerweile im Interesse der öffentlichen Sicherheit liegen, dass sich ein Fahndungserfolg einstellt“, hofft Seifert. Obwohl Mike Webers Haftpflichtversicherung ihm die zerstörten Autos nicht ersetzt, kommt das Aufgeben seiner Firma für den 33-Jährigen nicht in Frage. „Finanziell ist das ein Problem“, beklagt der Leipziger, der vorsichtiger geworden ist bei seinen Aufträgen. „Ein mulmiges Gefühl bleibt schon zurück.“

* Name von der Redaktion geändert

R.N.

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