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Leipziger Stadtspitze fällt auf Betrüger rein – Torsten S. sieht sich selbst als Opfer

Leipziger Stadtspitze fällt auf Betrüger rein – Torsten S. sieht sich selbst als Opfer

Er übernachtete auf Empfehlung von Oberbürgermeister Burkhard Jung in einem Leipziger Vier-Sterne-Hotel, ließ sich in einer Oberklasse-Limousine durch die Messestadt chauffieren – und die Rechnung dafür sollte der Bundespräsident bezahlen.

Leipzig. Torsten S., ein deutschlandweit bekannter und mehrfach vorbestrafter Betrüger aus Sachsen-Anhalt, ließ sich am Wochenende in Leipzig hofieren und narrte dabei die Stadtspitze. Pikant: Er selbst sieht sich als Opfer.

Weil „Dr. Urs Hürliman aus Zürich“ seine Rechnungen nicht bezahlen konnte, kam die Polizei dem 45-Jährigen am Sonnabend auf die Schliche. Als Schweizer Geschäftsmann, der in Leipzig investieren wolle und nach einer Wohnung suche, hatte sich der Betrüger bei der Stadt vorgestellt. So klingelte irgendwann am Freitag in der Leipziger Stadtverwaltung das Telefon. „Ein gewisser Herr van Eyck, angeblich persönlicher Referent des Bundespräsidenten, fragte an, ob ein Gast des Bundespräsidenten in Leipzig empfangen werden kann“, berichtet Jung gegenüber LVZ-Online. „Es ging darum, ihm durch die Stadt eine Empfehlung für ein Hotel und einen Limousinenservice auszusprechen. Das haben wir getan“, erklärt der Oberbürgermeister.

Gastgeschenk und Willkommensgrüße vom OBM

Gründe für eine genauere Prüfung sah die Stadtspitze offenbar nicht. Stattdessen legte sie dem Betrüger bei seiner Ankunft am Freitag einen Leipzig-Bildband als Gastgeschenk ins Zimmer des noblen Lindner-Hotels. Auch eine persönliche Willkommenskarte des Oberbürgermeisters wurde dem vermeintlich hochrangigen Gast zugestellt. „Vorauseilende Höflichkeit“, heißt es dazu aus dem Rathaus.

Doch als es tags darauf um die Bezahlung des 1400 Euro teuren Mietwagens samt Chauffeurs ging, flog die Betrügerei auf. Es stellte sich heraus, dass hinter den Namen van Eyck und Dr. Urs Hürliman ein gewisser Torsten S. steckt – einer der berühmt-berüchtigtsten Betrüger der Republik.

Erst vor wenigen Wochen war der in Bitterfeld aufgewachsene Mann nach einer fast zehnjährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen worden. Die 2001 angeordnete Sicherungsverwahrung gegen ihn wurde am 1. Februar 2011 aufgehoben. „Die Entlassung beruhte auf der Änderung des Bundesgesetzes, wonach für Vermögensdelikte die Anordnung von Sicherungsverwahrung nicht mehr vorgesehen ist“, erklärt ein Sprecher des Justizministeriums auf Anfrage. Herr S. sei der erste Sicherungsverwahrte in Sachsen-Anhalt gewesen, der entlassen wurde. Nun steht er möglicherweise vor neuen Problemen: Das Bundespräsidialamt behält sich rechtliche Schritte gegen ihn vor, heißt es aus Berlin.

Jung kündigt Konsequenzen an

Als amerikanischer Major wollte S. einst eine fingierte Nato-Sicherheitskonferenz durchführen – und gab sich dabei als Freund von Joschka Fischer aus. Für seinen selbstgebastelten Diplomatenausweis fälschte er sogar die Unterschrift des Ex-Außenministers – darüber berichtet er ausführlich in seinem Buch, das er während seiner Haft in der JVA Burg verfasste. 2006 wurde seine Geschichte sogar in einer Dokumentation verfilmt.

Doch bis nach Leipzig hatte sich das offenbar nicht herumgesprochen. Oberbürgermeister Jung vertraute dem mysteriösen Anrufer jedenfalls ohne offizielle Bestätigung. „Wir sind hier einem Hochstapler aufgesessen“, gibt er zu. „Wenn ich mich mit ihm persönlich getroffen hätte oder es um eine Übernahme von Kosten gegangen wäre, wäre das sicherlich nicht passiert. Dann hätten wir das genauer geprüft“, betont das Stadtoberhaupt. Um peinliche Vorfälle wie diesen künftig zu vermeiden, will er seine Mitarbeiter nun zu mehr Sorgfalt auffordern. „In Zukunft ist immer ein Gegencheck bei der staatlichen Stelle erforderlich.“

Manische Depression als Triebfeder für die Tat?

Torsten S., gegen den nun laut Leipziger Polizei einmal mehr wegen des Missbrauchs von Titeln und Betrugs ermittelt wird, tut die ganze Geschichte im Nachhinein „furchtbar leid“. Wie der Magdeburger betont, sieht er sich nicht als Täter, sondern als Opfer des Justizsystems. „Wegen meiner manischen Depression bin ich seit Jahren auf Lithium-Medikamente angewiesen, aber das habe ich nach meiner Entlassung nicht mehr bekommen. Keiner hat sich für mich zuständig gefühlt“, so der 45-Jährige im Gespräch mit LVZ-Online. Aufgrund seiner kriminellen Vorgeschichte habe ihn kein Arzt behandeln wollen, selbst ein bereits zugesagter Psychiatrie-Klinikplatz in Mecklenburg-Vorpommern sei ihm plötzlich verwehrt worden, behauptet S..

So sei es am Freitag zu einem manischen Anfall gekommen, der seine kriminelle Energie wieder geweckt habe. „Das kam alles in Lichtgeschwindigkeit angerauscht und hat mich zu dieser größenwahnsinnigen Aktion getrieben. Ich war nicht mehr Herr meiner selbst“, meint der 45-Jährige. Die durch den Hotel-Aufenthalt und den Mietwagen entstanden Kosten will er nachträglich selbst tragen, kündigt S. an. „Am liebsten würde ich all das rückgängig machen“, sagt der verurteilte Betrüger.

 

Die Polizeibeamten ließen S. nach einer Überprüfung auf dem Revier am Sonnabend ins Leipziger Park-Krankenhaus bringen, von wo aus er am Sonntag ins Magdeburger Universitäts-Klinikum überwiesen wurde. Dort erhielt er zwar seine notwendigen Lithium-Medikamente, doch wie es jetzt weitergehen soll, weiß S. nicht. Sowohl von der Justiz als auch von seinen Ärzten fühlt er sich im Stich gelassen: „Ich bin nicht darauf vorbereitet, in Freiheit zu leben.“

Robert Nößler

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