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„Mehr Gewalt in der Stadt“: Leipzigs Polizeichef Wawrzynski zu Drogen, Neonazis und Diskokrieg

„Mehr Gewalt in der Stadt“: Leipzigs Polizeichef Wawrzynski zu Drogen, Neonazis und Diskokrieg

Polizeipräsident Horst Wawrzynski sieht aufgrund der ansteigenden Kriminalität in Leipzig einen Bedarf an stärkerer Polizeipräsenz auf den Straßen. Drogenstraftaten, Wohnungseinbrüche und Raubüberfälle ließen „keine andere Wahl", sagt der 59-Jährige im Interview mit LVZ-Online.

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Horst Wawrzynski: "Die Razzien in Leipzig werden fortgeführt, solange ich Polizeipräsident bin."

Quelle: Regina Katzer

Leipzig. Zusammen mit Kriminaldirektorin Sonja Penzel zieht der Polizeichef ein Zwischenfazit zu den bislang durchgeführten Drogenrazzien, äußert sich verhalten optimistisch zu den Entwicklungen in der Neonazi-Szene und erklärt, warum es seiner Meinung nach „mehr Gewalt in der Stadt“ gibt.

Frage:

Herr Wawrzynski, Leipzig bleibt die Kriminalitätshochburg im Freistaat. In der Messestadt ist die Drogenkriminalität 2011 so stark angestiegen wie in keiner anderen Region in Sachsen. Ist es derzeit gefährlicher in Leipzig zu leben als in Dresden oder in Chemnitz?

Horst Wawrzynski:

Das kommt darauf an, wie Sie den Titel „Hochburg“ definieren. In Chemnitz gibt es mehr Drogendelikte als in Leipzig, da dort eine starke illegale Einfuhr von Drogen aus Tschechien stattfindet. Es steht außer Frage, dass wir in Leipzig im Bereich der Drogenkriminalität ein Problem haben. Richtig ist auch, dass die Brutalität bei Raubüberfällen  ansteigt.

Sachsens Innenminister Ulbig spricht von einem „alarmierenden Anstieg“ bei den Drogendelikten. Teilen Sie seine Meinung?

Wawrzynski:

Für mich ist vor allem alarmierend, dass es einen vermehrten Umstieg von Heroin auf das weitaus gefährlichere Crystal gibt. Dies führt bei Betäubungsmittelabhängigen zu aggressiverem Verhalten. Der erhöhte Konsum von Crystal bringt uns definitiv mehr Gewalt in die Stadt.

Auch mehr Beschaffungskriminalität?

Wawrzynski:

Ja, das ist eine Folge davon. Der Stoff ist im Allgemeinen durch den erhöhten Verfolgungsdruck teurer geworden, der Finanzbedarf der Abhängigen gestiegen. Irgendwo müssen sie das Geld ja hernehmen. Wir kennen die Einkommensverhältnisse in Leipzig, die Stadt ist im Lohngefüge nicht gerade an der Spitze.

Razzien: "Fortsetzung solange ich Polizeipräsident bin"

Kritiker werfen Ihnen vor, durch die Razzien das Ganze noch zu verschlimmern, da sich so die Drogen-Preise erhöhen. Gibt es Pläne, wie lange die Razzien fortgesetzt werden sollen?

Wawrzynski:

Das genannte Argument ist für mich nicht nachvollziehbar. Die Razzien werden in jedem Fall fortgeführt, solange ich Polizeipräsident bin.

Wie schätzen Sie den bisherigen Erfolg der Komplexkontrollen ein?

Wawrzynski:

Wir konnten damit das Dunkelfeld um ein ganzes Stück aufhellen. Unser Ziel ist es aber vor allem, den Dealern das Leben schwerer zu machen. Bei Heroin ist es uns so bereits gelungen, die Großhandelswege zu kappen, so dass die Händler Leipzig meiden und sich andere Wege suchen. Die sonst in der Stadt tätigen Dealer sind aber nach wie vor da, diese müssen wir in den Fokus rücken und damit auch die Strukturen dahinter aufdecken.

Ihnen wird unterstellt, den Zusammenhang zwischen der Drogenproblematik in Leipzig und dem Anstieg von Raub-  und Diebstahlsdelikten nicht belegen zu können.

Wawrzynski:

Ich glaube, die Zahlen, die wir auf den Tisch gelegt haben, sprechen eine deutliche Sprache. 44 Prozent aller Tatverdächtigen von Wohnungseinbrüchen im Jahr 2011 waren Konsumenten von Betäubungsmitteln. Bei Raubüberfällen können wir den unmittelbaren Zusammenhang zur Drogenszene nicht nachweisen, da wir hierzu noch keine Auswertung vorgenommen haben. Aber aufgrund der Hinweise vieler Opfer ist zu vermuten, dass eine nicht unwesentliche Zahl der Täter Drogenkonsumenten waren: Viele werden als hager, abgemagert und fahrig in ihrem Verhalten beschrieben.

Raubüberfälle: "Leidensdruck scheint noch nicht ausgeprägt genug"

Um kleinere Händler gegen Raubüberfälle zu schützen, wurde 2011 ein Babyphon-Alarmsystem gestartet. Nur sieben Geschäfte haben davon Gebrauch gemacht. Warum hat sich das System nicht durchgesetzt? 

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Bei Auto- und Naivi-Diebstählen in Leipzig seien organisierte Banden am Werk, erklärt Kriminaldirektorin Sonja Penzel.

Quelle: Regina Katzer

Sonja Penzel:

Der Leidensdruck scheint noch nicht ausgeprägt genug zu sein. Das Gerät ist mit 25 bis 60 Euro Einmalausgabe kostengünstig. Natürlich wird sich damit kein Raubüberfall verhindern lassen. Aber die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Fahndung wird deutlich erhöht.

Seit Mitte vergangenen Jahres arbeitet eine Fachkommission von Polizei und Stadtverwaltung an einer gemeinsamen Strategie zur Drogenproblematik in Leipzig. Noch immer liegt kein Ergebnis vor. Wo besteht noch Gesprächsbedarf?

Wawrzynski:

Es macht keinen Sinn, Schnellschüsse loszulassen. Wir haben ein erstes Papier auf dem Tisch, das aber in Detailfragen noch der engeren Abstimmung bedarf. Wir sind der Bevölkerung schuldig, gemeinsame Lösungen zu finden. Ich rechne damit, dass es Anfang des zweiten Quartals soweit sein wird.

Drogenprävention: "Künftig Aussteiger mit in die Schulen nehmen"

Wo muss erfolgreiche Drogenpolitik Ihrer Meinung nach ansetzen?

Wawrzynski:

Es gibt derzeit etwa 1200 bekannte Drogenabhängige in Leipzig. Erst wenn es gelingt, diese Personen aus ihrem Teufelskreis herauszuholen und damit die Nachfrage zu verringern, wird sich das auch auf die Zahl der Delikte auswirken. Auch im Bereich der Prävention müssen wir künftig mehr tun. Wenn in Leipzig Jugendliche Crystal mit in die Schule nehmen oder ein Achtjähriger Cannabis vertickt, hört bei mir das Verständnis auf.

Wie könnte eine bessere Prävention aussehen?

Wawrzynski:

Ich glaube, wir müssen emotionale Betroffenheit bei jungen Menschen erzielen. Aussteiger mit in die Schule zu nehmen, die ihren Lebensweg erzählen, wäre eine Möglichkeit. Zu berichten, wie weit man sinken kann, wie schwer es ist, aus diesem Teufelskreis herauszukommen – damit könnten wir junge Leute für das Thema sensibilisieren.

Neben dem Rauschgifthandel sind auch Diebstähle von Autos und Navigationssystemen ein Dauerthema in Leipzig. Ist auch dies der Beschaffungskriminalität geschuldet oder stecken organisierte Gruppen dahinter?

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Leipzigs Polizeipräsidenten Horst Wawrzynski und Kriminaldirektorin Sonja Penzel im Interview mit Matthias Roth und Robert Nößler von LVZ-Online (von rechts). Links im Bild: Polizeisprecher Uwe Voigt.

Quelle: Regina Katzer

Penzel:

Vereinzelt können diese Delikte bei mobilen Navigationsgeräten der Drogenkriminalität zugeordnet werden. Überwiegend handelt es sich hier aber um organisierte Kriminalität. Wenn wir die Wege gestohlener Geräte weiterverfolgen, führt die Spur häufig nach Osteuropa, nach Litauen, aber auch in andere Länder.

Herr Wawrzynski, Sie stehen im Kontakt mit Autohändlern, um die Diebstähle fest installierter Geräten künftig einzudämmen. Was ist da genau geplant?

Wawrzynski:

Es gibt Gespräche. Aber zu konkreten Maßnahmen werden wir uns nicht äußern. Da bitte ich um Verständnis.

Verstärkte Polizeipräsenz: "Zwischen 30 und 100 Kräfte permanent

im Einsatz"

Themenwechsel: Im Mordfall Jonathan H. fahnden Sie nach monatelangen Ermittlungen nach einem Tatverdächtigen. Ein anderes bekanntes Tötungsverbrechen in Leipzig ist jedoch nach wie vor unaufgeklärt. Vor genau vier Jahren, am 8. März 2008, wurde vor der Diskothek „Mia’s“ im Barfußgässchen der 28-jährige Andreas K. erschossen. Wie ist hier der Stand der Ermittlungen?

Wawrzynski:

Die Spurenlage war von Anfang an mehr als dünn. Die Szene zeigte sich sehr verschwiegen. Es fanden sich kaum Zeugen, die nicht direkt beteiligt waren. Von Zeit zu Zeit nehmen wir den Sachverhalt wieder auf und schauen, ob sich neue Anhaltspunkte finden lassen. Aber mit zunehmendem Zeitablauf wird es schwieriger, eine solche Straftat aufzuklären.

Als 2008 der sogenannte Diskokrieg in der Türsteherszene eskalierte, wurden die Einsatzkräfte in der Leipziger Innenstadt an den Wochenenden verstärkt. Ist dies aktuell immer noch der Fall?

Wawrzynski:

Wir haben aufgrund der aktuellen Gesamtlage nicht mehr nur an Wochenenden, sondern jeden Tag zusätzliche Kräfte im Einsatz. Das geht von einem Zug von 30 Leuten, oft aus der Bereitschaftspolizei, bis hin zu einer Hundertschaft an Wochenenden. Die Gemengelage dessen, was sich hier in Leipzig tut, lässt uns keine andere Wahl, als durchgehend eine erhöhte Präsenz auf die Straße zu bringen, auch nachts. Die Schwerpunkte reichen von Wohnungseinbrüchen über Sachbeschädigungen in Connewitz bis hin zu Auseinandersetzungen in und um die Odermannstraße.

Naonazi-Szene: "Schwächung des Lagers"

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Das NPD-Zentrum in der Leipziger Odermannstraße: "nicht mehr nur den einen Kristallisationspunkt".

Quelle: Dirk Knofe

Apropos Odermannstraße: Nach dem Tod des Landtagsabgeordneten Winfried Petzold haben im Lindenauer NPD-Zentrum vor Kurzem zwei Leipziger Stadträte ihr Büro eröffnet. Im September hatten sich die Freien Kräfte von dort zurückgezogen. Wie schätzen Sie die Entwicklung in der Leipziger Neonazi-Szene ein?

Wawrzynski:

Wir sind nach wie vor sehr hellhörig, was im Umfeld der Odermannstraße passiert. Es ist zu erkennen, dass sich die Freien Kräfte nicht mehr mit den Aktivitäten der NPD und der Jungen Nationaldemokraten (JN) identifizieren und versuchen, eigene Wege zu gehen. Das Ziel der JN, ein enges Netzwerk aufzubauen, scheint in die Ferne gerückt zu sein. Das kann uns nur recht sein. Uneinigkeit bedeutet immer eine Schwächung des Lagers.

Die Aktivitäten der Neonazis haben sich teilweise in den Leipziger Osten verlagert...

Wawrzynski:

...wobei wir hier momentan keine konkreten Erkenntnisse haben. In der Langen Straße, wo es vorübergehend einen Treffpunkt gab, ist seit einiger Zeit Ruhe eingekehrt. Man sucht wohl nun ein geeignetes neues Objekt.

Macht das die Arbeit der Polizei schwieriger?

Wawrzynski:

Dass es nicht mehr nur den einen Kristallisationspunkt gibt, wie in der Odermannstraße, macht es salopp gesagt spannender. Wir beobachten die Szene sehr genau und werden dann, wenn sich die Strukturen wieder festigen, entsprechend reagieren. Gleiches gilt auch für die Rockerbanden. Ich warne hier davor zu sagen: Die Lage hat sich beruhigt. Die bundesweiten Erscheinungsformen von Clubs wie Hells Angels oder Bandidos können in Leipzig jederzeit wieder in Erscheinung treten. Wir haben ein besonderes Augenmerk auf diese Gruppierungen und was sich dort entwickelt.

In den letzten Monaten war auch über Kontakte der Zwickauer Terrorzelle und möglicher Unterstützer in den Raum Leipzig spekuliert worden. Gab es diesbezüglich bereits Kontakt zum Bundeskriminalamt (BKA)?

Wawrzynski:

Ja, wir wurden zu diesem Thema angefragt. Eine Auskunft konnten wir aber nicht geben. Wir haben hierzu momentan keinerlei Erkenntnisse.

Interview: Matthias Roth und Robert Nößler

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