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Polizeiticker Leipzig Mieterin nach Explosion in Wohnhaus: „Ich habe um mein Leben gekämpft“
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Mieterin nach Explosion in Wohnhaus: „Ich habe um mein Leben gekämpft“
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17:50 02.05.2018
Hausbewohnerin Anke W. tritt im Prozess gegen ihren Nachbarn Denis S. als Nebenklägerin auf. Nach der Explosion am 7. Oktober 2017 in der Wohnung unter ihr versuchte sie sich über ihren Balkon zu retten. Als plötzlich eine Stichflamme emporschoss, stürzte sie in die Tiefe und erlitt lebensbedrohliche Verletzungen Quelle: André Kempner
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Leipzig

Sie saß im Wohnzimmer auf der Couch, als ihr Leben von einem Moment auf den anderen in eine Katastrophe führte. „Es gab auf einmal einen furchtbaren Knall und dann kam mir mein ganzes Wohnzimmer entgegen“, berichtet Anke W. (39) am Mittwoch vor Gericht. Die zweifache Mutter ist Nebenklägerin im Prozess gegen Denis S. (29), dem die Staatsanwaltschaft elffachen versuchten Mord vorwirft. Laut Anklage soll er am 7. Oktober 2017 in seiner Drei-Raum-Wohnung mit bis zu 20 Litern Kraftstoff einen Brand gelegt haben, um bei seiner Hausratversicherung abzukassieren.

Mieterin klammerte sich an Balkonbrüstung

Anke W. lebte zu dieser Zeit in der Wohnung darüber – und es gab für sie nach der Explosion fast kein Entrinnen. „Hinter mir und unter mir war Qualm“, erinnert sie sich unter Tränen. „Ich rief um Hilfe, doch es wurde heißer und heißer, ich bekam keine Luft mehr.“ Weil sie keinen anderen Ausweg mehr sah, kletterte sie schließlich über die Balkonbrüstung. „Ich habe mich da festgeklammert und geschrien, dass sie mir helfen sollen. Von unten aus einem Fenster schoss plötzlich eine Stichflamme zur mir rauf. Danach weiß ich nichts mehr, bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht. Ich bin nicht in Panik gesprungen, ich habe da oben um mein Leben gekämpft.“

Mehrere Brüche und schwere innere Verletzungen

Aus der fünften Etage stürzte sie in die Tiefe, durchbrach Zeugen zufolge mehrere Balkonmarkisen. „Mein Gesicht wurde zertrümmert, meine Beine sind bis hoch zur Hüfte verbrannt, Muskeln und Sehnen rissen“, so Anke W. Sie brach sich einen Arm, die Hüfte und das linke Knie. Hinzu kamen schwere innere Verletzungen. Ärzte stellten Verbrennungen dritten Grades auf 24 Prozent der Körperoberfläche fest. Mehr als sechs Wochen wurde sie stationär im Schwerbrandverletztenzentrum im Klinikum St. Georg behandelt, kam danach für drei Monate in eine Reha-Klinik. Noch immer kann sie nicht beschwerdefrei laufen, ihr verletzter Arm lässt sich kaum bewegen. Außerdem trägt sie Titanplatten im Kopf, die einen permanenten Druckschmerz verursachen.

Opfer hat alles verloren – und war nicht versichert

Eine Rückkehr in ihr Zuhause ist unmöglich. Sie wohnt jetzt mit ihrem Sohn (18), der am Tag der Explosion im Urlaub war, in einem Ausweichquartier. „Eine fremde Wohnung mit fremden Sachen“, sagt sie. Ihr Hab und Gut wurde komplett zerstört, sie lebt von Krankengeld. Weil sie nicht versichert war, bekommt sie den Schaden, immerhin rund 20 000 Euro, nicht ersetzt.

Und jener Mann, der laut Anklage ihren Tod und den von zehn anderen Hausbewohnern zumindest billigend in Kauf nahm, bittet sie nun um Vergebung. „Er hat mir einen Brief geschrieben und versucht, sich zu entschuldigen“, berichtet Anke W. „Aber das werde ich niemals annehmen. Es war alles sehr egoistisch, er hat nur berichtet, wie schlecht es ihm jetzt geht und wie er leidet. Dafür habe ich kein Mitleid. Ich glaube kein Wort davon, das war keine Kurzschlussreaktion.“

Dann, als alles gesagt ist an diesem zweiten Prozesstag am Landgericht, wendet sich die tapfere Frau in ihrer Verzweiflung und inneren Not an den Angeklagten: „Denis, warum hast du mir das angetan? Nur wegen ein paar Euro? Ich muss jeden Tag meine Beine ansehen, die völlig verbrannt sind.“

Geständnis für nächsten Prozesstag angekündigt

Doch Denis S. schweigt. Dabei hatte sein Verteidiger Stephan Bonell zum Auftakt des auf sechs Verhandlungstage angelegten Prozesses ein umfangreiches Geständnis angekündigt. Es soll nun zum nächsten Termin in drei Wochen folgen. Offen ist, ob sich der Angeklagte nur zum äußeren Tatablauf einlässt oder auch detailliert zu seinen Motiven aussagen wird. Während seine Nachbarn ihn als höflich und nett bezeichneten, als fürsorglichen Vater in Erinnerung haben, zeichnet die Staatsanwaltschaft ein ganz anderes Bild. Demnach soll der Bäcker drei Tage nach der verheerenden Explosion, als Anke W. im Krankenhaus noch mit dem Tod rang, bei seiner Hausratversicherung die Schäden an seiner ausgebrannten Wohnung geltend gemacht haben – insgesamt 43 802 Euro. Zur Auszahlung kam es nicht, seit 24. Oktober 2017 sitzt Denis S. in Untersuchungshaft.

Auch ein weiterer Punkt scheint klärungsbedürftig: So sagte eine Zeugin inzwischen aus, den Beschuldigten kurz nach der Explosion scheinbar geschockt im Treppenhaus gesehen zu haben. Bislang hieß es stets, Denis S. sei zum Tatzeitpunkt gar nicht vor Ort gewesen.

Von Frank Döring

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