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Mord in der Türkei - Leipziger Paar widmete sich Andenken an jüdische Malerin

Mord in der Türkei - Leipziger Paar widmete sich Andenken an jüdische Malerin

Sie mochten das Land und die Leute, waren auf der Suche nach einer Sommerresidenz in der Türkei. Doch dann wurden Peter (65) und Kerstin H. (50) in einer Wohnung in Alanya gefesselt und brutal ermordet.

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Kerstin und Peter H. im Jahr 2013 mit ihrer Sammlung von Grafiken.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Hintergründe sind unklar. Wegbegleiter sind erschüttert.

Seit fünf Jahren wohnten die beiden in Leipzig, kamen aus Potsdam hierher. Peter H. hatte eine Wirtschaftsberatung im Musikviertel. Mit seiner Frau initiierte er im vergangenen Oktober eine Schau mit Werken der jüdischen Künstlerin Gertrude Sandmann (1893–1981) im Ariowitsch-Haus in der Hinrichsenstraße.

„Sie kamen einfach zu uns mit dem Vorschlag, diese Ausstellung zu machen", erinnert sich Küf Kaufmann. Der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde ist tief betroffen von der grausamen Tat, kannte vor allem Peter H. aus der Zusammenarbeit. „Es ist schockierend, er hat sehr viel Energie und Kraft in die Ausstellung gesteckt und wollte das auch weiterentwickeln, ein toller Kerl. Die beiden waren unglaublich fröhliche und glückliche Menschen, überhaupt nicht arrogant oder überheblich." Küf Kaufmann ist gerade aus dem Urlaub gekommen, hatte während einer Donaufahrt auf dem Schiff im Fernsehen das erste Mal davon gehört, dass die Ermordeten zwei Leipziger sind. Durch einen Anruf erfuhr er, um wen es sich handelt.

Peter H. lebte viele Jahre in Caputh am Schwielowsee bei Potsdam, war verwitwet, bevor er seine Frau Kerstin heiratete. 2006 erbte Peter H. mehrere hundert Werke der jüdischen Künstlerin Gertrude Sandmann – von seiner Mutter Käthe. Die war im Berlin der Nachkriegszeit Sekretärin bei Willy Brandt gewesen und mit Gertrude Sandmann befreundet. Bevor sie 2006 mit 90 Jahren starb, hatte sie ihrem Sohn das Versprechen abgenommen, er möge sich um die posthume Würdigung Sandmanns kümmern. Seitdem bemühten sich Peter und Kerstin H. darum, die fast vergessene jüdische Künstlerin bekannter zu machen.

Genau darin sieht Anna Havemann aus Berlin ein großes Verdienst. Sie hat Peter und Kerstin H. viele Jahre begleitet – als ehrenamtliche Kuratorin für das Werk der Künstlerin. Gertrude Sandmann – eine Grafikerin, die in Vergessenheit geraten war, die kaum jemand kannte. Peter und Kerstin H. ließen keine Möglichkeit aus, für ihre Sache zu werben. „Sie waren mit Leib und Seele dabei, haben immer wieder dafür gekämpft, dass an die Künstlerin und das Schicksal der Juden in Deutschland gedacht wird", erklärt Kuratorin Anna Havemann. Vor allem für Peter H. sei das „ein ganz großes Projekt" gewesen. „Dafür hat er vieles zurückgestellt." Auch finanziell hätten die beiden viel investiert.

Es gab Ausstellungen im Alten Potsdamer Rathaus, im Haus am Kleistpark in Berlin – und vergangenes Jahr im Ariowitschhaus. Dem Einsatz von Peter und Kerstin H. ist es auch zu verdanken, dass einige von Sandmanns Werken heute in der Berlinischen Galerie im Museum für moderne Kunst zu finden sind. Am Wohnhaus in der Eisenacher Straße in Berlin wurde eine Gedenktafel angebracht.

Anna Havemann ist sehr betroffen. „Das ist eine Katastrophe, wir haben große Menschen verloren." Peter H. wollte eine Stiftung gründen; ein Verein war im Aufbau. Anna Havemann stand per Handy in Kontakt zu Peter H., wollte sich im Herbst wieder mit ihm treffen.

LVZ-Redakteurin Angelika Raulien war oft in Verbindung zu den beiden, hatte vergangenes Jahr über das Anliegen von Peter und Kerstin H., über die Ausstellung im Ariowitsch-Haus berichtet. Sie ist geschockt: „Es waren sehr bescheidene, umgängliche Menschen, die sehr viel Wärme ausgestrahlt haben. Sie wollten, dass nie wieder Menschen verfolgt werden." Die Jüdin Gertrude Sandmann war lesbisch; die Nazi-Zeit überlebte sie nur, weil Freunde sie versteckten.

Noch weiß niemand, wie es weitergeht mit den Werken der Künstlerin. Zu tief sitzt die Trauer um diejenigen, die Gertrude Sandmann wieder in Erinnerung brachten.

Björn Meine

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