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Polizeidirektion Leipzig: Notruf 110 wird pro Jahr mehr als hundert Mal missbraucht

Polizeidirektion Leipzig: Notruf 110 wird pro Jahr mehr als hundert Mal missbraucht

Sie sind einsam, frustriert oder tatsächlich auf Ärger aus: Immer wieder wählen Anrufer die Notrufnummer 110, obwohl gar kein Notfall vorliegt. Allein im vorigen Jahr registrierte die Polizei 124 solcher Fälle, in diesem Jahr kamen bis Mitte Juli schon wieder 61 zusammen.

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(Symbolbild)

Quelle: dpa

Leipzig. Dabei wird nicht einmal jeder einzelne Anruf gewertet: "In einer Vielzahl der Fälle umfasst eine einzelne Anzeige mehrere, im Minutentakt aufeinanderfolgende Anrufe der gleichen Person", erklärt Polizeisprecher Andreas Loepki.

Einer dieser Fälle ereignete sich am ersten Weihnachtsfeiertag 2013: Irgendwann zwischen Frühstück und Gänsebraten griff Peter H. (*) zu seinem Handy, wählte die 110 und legte los: "Passt mal auf, ihr Drecksbullen!" Die Sache ist bei Gericht anhängig - wie so viele. Notrufmissbrauch sei zurzeit "in Mode", heißt es in Justizkreisen.

Täglich werden im Führungs- und Lagezentrum der Polizeidirektion 400 bis 500 Einsätze erfasst, die aus Notrufen resultieren, so Loepki, "in der Spitze auch deutlich mehr". Doch nicht selten rücken die Einsatzkräfte umsonst aus. Erst schildern Anrufer schlimme Notsituationen, bei denen unbedingt die Polizei helfen müsse. Doch dann finden die ausgerückten Streifenbesatzungen: nichts.

"Teilweise erklären die Täter, dass sie nur einmal wissen wollten, was die Polizei so macht", berichtet Loepki. "Andere wählen die 110 als Kummernummer, bringen bei den Beamten diverse Beschwerden vor, wollen ihren Trennungsschmerz teilen oder ein paar Beleidigungen gegenüber der Polizei ausstoßen. Man muss bedenken, dass die 110 oftmals die einzige Nummer ist, welche die Täter überhaupt noch wählen können, weil das eben auch mit einem Mobiltelefon ohne Guthaben funktioniert."

Ersttäter dürften dabei mit einer gewissen Kulanz rechnen, sagt Loepki. Erst wenn der Missbrauch der 110 ganz klar auf der Hand liege, weil etwa Anrufer trotz eindringlicher Belehrung postwendend wieder grundlos den Notruf wählen, werde Anzeige erstattet. Milde lasse die Polizei auch walten, wenn Hilfesuchende beispielsweise wegen eines Verkehrsunfalls mit Blechschaden, Lärmbelästigung oder auch einer Fundsache den Notruf wählen.

"Wir werten zugunsten der Anrufer, dass viele Bürger im ersten Moment nur die 110 im Kopf haben, um die Polizei zu kontaktieren und sie eine Notlage subjektiv anders definieren", erklärt Loepki. "Die betreffenden Sachverhalte werden durch uns angenommen und an die zuständige Stelle weitergegeben." Zudem würden vor allem Leipziger auf die Rufnummer des jeweils zuständigen Polizeireviers aufmerksam gemacht.

Grundsätzlich sei es aber so, dass Gespräche so kurz wie möglich gehalten werden, wenn es sich nicht um echte Notfälle handelt. "Die Mitarbeiter im Führungs- und Lagezentrum sind weder Seelsorger noch Telefontalker", stellt der Behördensprecher klar. Denn Fehlanrufe stören den Betrieb ungemein. "Sie blockieren und verzögern zumindest teilweise die Entgegennahme echter Notrufe, binden im Führungs- und Lagezentrum sowie im Streifendienst Zeit und Kräfte und sie erfordern später weitere Zeit und weiteres Personal zur Ermittlung und Ahndung der Straftat bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht", fasst Loepki zusammen.

Allerdings dürfen die Beamten auch keinen Anrufer ignorieren - selbst wenn dieser anhand seiner Telefonnummer bereits als notorischer Störer bekannt ist. Denn, so Loepki, "auch der größte Stalker kann tatsächlich in Not geraten".

(* Name geändert)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.07.2014

Frank Döring

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