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Prozess um Anschlag: Gemkows Tisch und die Kerbe eines Pflastersteins

Justizminister sagt aus Prozess um Anschlag: Gemkows Tisch und die Kerbe eines Pflastersteins

Im Prozess um den Anschlag auf seine Wohnung hat Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) am Montag als Zeuge vor dem Amtsgericht Leipzig ausgesagt. Sehr persönlich schilderte er dabei, wie sich danach ein Gefühl tiefer Verunsicherung in seiner Familie breitmachte.

Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) am Montag vor dem Leipziger Amtsgericht.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es sei ein paar Tage nach dem Anschlag gewesen, als ihn seine siebenjährige Tochter plötzlich besorgt gefragt habe: „Papa, hast du eigentlich Angst?“ Sehr persönlich schilderte Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) am Montag im Leipziger Amtsgericht, wie sich nach dem Anschlag auf sein Zuhause ein Gefühl tiefer Verunsicherung in seiner Familie breitmachte. „Meine Frau drehte sich danach häufiger nach hinten um, wenn sie auf der Straße unterwegs war“, so Gemkow (39). 

Am 24. November 2015 gegen 2.10 Uhr hatten die Täter Pflastersteine gegen die Fenster von Gemkows Hochparterre-Wohnung in der Leipziger August-Bebel-Straße geworfen und durch die kaputten Scheiben mit stinkender Buttersäure gefüllte Christbaumkugeln geschleudert. Seit 7. August sitzen deshalb zwei Männer auf der Anklagebank: Der rechte Lok-Hooligan Thomas K. (30) und der in Meckenheim/Nordrhein-Westfalen ansässige Autohändler Roman W. (30).

„Das Spielzeug hat man auch von außen sehen können“

„Ich bin durch ein lautes Scheppern und Krachen aufgewacht“, so Gemkow in seiner Zeugenvernehmung. Zunächst habe er angenommen, dass jemand die vorm Haus parkenden Autos beschädigt hat. Doch dann sei ihm die zerstörte große Scheibe des Eckzimmers und der stechende Buttersäure-Geruch aufgefallen. „In dem Moment war dann klar, dass es ein Angriff auf die Wohnung gewesen ist“, sagte Gemkow. Während des Anschlags schlief er gemeinsam mit seiner Frau, der Tochter und dem damals zwei Monate alten Baby im Ehebett. Auch eines der Schlafzimmerfenster war attackiert worden. Und das, obwohl im Fenster ein Spielzeugbauernhof aufgebaut war. „Das Spielzeug hat man sicher auch von außen sehen können“, so Gemkow. Der Pflasterstein schlug in der Fassade ein, wodurch ein großes Stück Mauerwerk abplatzte. Seine Frau habe sich dann mit den Kindern in der Wohnung von Gemkows Mutter im selben Haus in Sicherheit gebracht. „Ich wollte noch auf die Straße gehen und nachschauen, aber sie hat mich aus Sicherheitsgründen zurückgehalten“, berichtete er.

Eine konkrete Bedrohungssituation für sich und seine Familie sei nicht vorhanden gewesen. Gleichwohl bestand das Landeskriminalamt offenbar zumindest auf Sicherheitsfolien an den Fenstern – die normalerweise Steinwürfe abhalten sollten. Eigentlich wären noch weitere Sicherheitsvorkehrungen möglich gewesen, so Gemkow. „Aber das wollte ich nicht. Es war unser Wunsch, unser normales Leben weiterzuleben.“ Nach dem Anschlag kehrten sie jedoch nie wieder hierher zurück. Gemkows neue Mietwohnung befindet sich nun allerdings ganz bewusst etwas höher, im zweiten Obergeschoss. „In der einwurfsicheren Zone“, wie er sagte. Eine Erinnerung an die Schreckensnacht bleibt der Familie auch im neuen Heim: Eine vier Millimeter tiefe Kerbe im Esstisch, wo bei dem Anschlag ein Pflasterstein aufgeprallt war.

Die Angeklagten äußerten sich am Montag nicht. Roman W. hatte zum Prozessauftakt die Tatvorwürfe bestritten. Zudem gab ihm seine Frau ein Alibi. Und der gebürtige Kirgise konnte nachweisen, dass er am Tattag um 11.15 Uhr bei der Polizei in Bonn persönlich eine Geldstrafe bezahlte – neun Stunden, nachdem er im mehr als 500 Kilometer entfernten Leipzig den Anschlag verübt haben soll.

Schöffe erleidet Schwächeanfall

Thomas K. gab im Prozess bisher keine Erklärung ab. Mehrere Ermittler des auf Extremismusfälle spezialisierten Operativen Abwehrzentrums (OAZ) sagten jedoch aus, dass der zwei Meter große Kampfsportler bei einer Wohnungsdurchsuchung die Anschuldigungen ebenfalls zurückgewiesen hatte. Er würde nie etwas gegen Gemkow unternehmen, so Thomas K., da sie einen gemeinsamen guten Bekannten hätten: Der besagte Leipziger Anwalt und Kampfsporttrainer betrieb mit Gemkow von 2012 bis zu dessen Ernennung zum Minister eine Kanzlei. „Er ist ein Studienfreund“, bestätigte Gemkow. Mithin stützt sich die Anklage weiterhin nur auf DNA-Spuren vom Tatort. Ein Pflasterstein trug Anhaftungen von Roman W., eine Verpackung für Weihnachtsbaumkugeln wies auf Thomas K. hin. Ein Tatmotiv, so sagte der OAZ-Ermittlungsführer vor Gericht, sei bei beiden Angeklagten jedoch „nicht nachvollziehbar“.

Der Prozess sollte am Freitag abgeschlossen werden, verzögert sich aber weiter. Einer der beiden Schöffen erlitt am Montag in der Verhandlung einen Schwächeanfall und musste von Rettungssanitätern in die Notaufnahme gebracht werden. Die Urteilsverkündung ist nunmehr für den 18. September vorgesehen.

Von Frank Döring

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