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Prozess um Mord vom Leipziger Elsterbecken beginnt - Tonbandgerät wirft Fragen auf

Prozess um Mord vom Leipziger Elsterbecken beginnt - Tonbandgerät wirft Fragen auf

Leipzig. Der Mord an einem 23 Jahre alten Mann hat im vergangenen November Leipzig erschüttert. Der Täter zerteilte den Leichnam und warf Stücke davon ins Elsterbecken.

Der Kopf ist bis heute verschwunden. Am Montag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder. Ein Tonbandgerät des Angeklagten wird dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Sie waren Bekannte, haben sich ab und an getroffen und hatten ein gemeinsames Hobby – Mangas, japanische Comics. Einer der beiden jungen Männer ist jetzt tot, der andere soll ihn umgebracht haben. Der 23 Jahre alte Benjamin H. muss sich ab Montag (8. Oktober) vor der Schwurgerichtskammer des Leipziger Landgerichts verantworten. Mord aus niedrigen Beweggründen und aus Mordlust wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Das öffentliche Interesse an diesem Fall ist riesig, die Abscheu der Leipziger nach dieser Tat auch.

Ermittler standen vor einem Puzzle

Rückblende: Ein Pilzsammler ist am 6. November 2011 am Leipziger Elsterbecken unterwegs. Er sucht an diesem sonnigen Herbstsonntag das Ufer ab und macht dabei eine grausige Entdeckung. Im Wasser schwimmen zwei abgetrennte Arme. Die Fingerkuppen sind abgeschnitten.

Die Polizei sperrt den Fundort ab und findet ein weiteres Körperteil. Unter der Zeppelinbrücke liegt der stark verweste Torso eines Menschen. Tage später wird das Opfer nach Bürgerhinweisen durch einen DNA-Abgleich identifiziert: Es handelt sich um den 23 Jahre alten Jonathan H.

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Unter der Zeppelinbrücke entdeckte die Polizei den Torso der Leiche.

Quelle: Andreas Döring

Für die erweiterte Mordkommission der Leipziger Polizei beginnt nun die Puzzlearbeit. Wer ist dieser Jonathan H.? Wo befinden sich die fehlenden Leichenteile? Wer kommt als Täter in Frage?

Schnell wird klar: Das Mordopfer gehörte der Cosplay-Szene an. Er verkleidete sich gern und nahm so die Gestalt von Figuren aus japanischen Animationsfilmen an. Die Ermittlungen in diesem Umfeld bringen die Kriminalisten nicht weiter. Das gesamte Umfeld von Jonathan H. wird geprüft. Sie wollen sich ein genaues Bild von dem 23-Jährigen machen.

Suche mit Schweineteilen

„Er war ein außergewöhnlicher Schüler, unheimlich begabt“, sagt Burkhard Schmitt. Der Oberstudiendirektor leitet die christliche Christopherusschule in Droyßig. Dort lebte Jonathan H. im Internat und legte auch sein Abitur ab. „Er saß schon oft vor dem Unterricht in der Bibliothek über den Büchern“, erinnert sich Schmitt. Besonders Physik habe ihn interessiert.

Nach dem Schulabschluss hat der Lehrer ihn aus den Augen verloren. Nur einmal trifft Schmitt seinen Schützling noch zufällig in Leipzig am Hauptbahnhof. „Da berichtete der Junge, dass er im Informatikbereich jobbt“, sagt der Pädagoge. Danach verliert sich die Spur. Von der Familie ist wenig bekannt. Der Vater ist Vietnamese und inzwischen zurück in der Heimat. Die Mutter hat den Jungen religiös erzogen.

Den Beamten fehlt immer noch der Durchbruch. Zwei Fälle von zerstückelten Leichen in Berlin und Neubrandenburg werden bekannt. Gemeinsamkeiten? Fehlanzeige. Zu Silvester taucht im Palmengarten unweit des Elsterbeckens ein Oberschenkelknochen von Jonathan H. auf. Zum Täter führt der Fund nicht.

Der Kopf bleibt bis heute verschwunden. Die Kriminalisten beschreiten bei der Suche auch ungewöhnliche Wege. Vom Palmengartenwehr werfen sie markierte Schweinefleischstücken ins Wasser. So wollen die Experten das Strömungsverhalten im Wasser prüfen und weitere Teile ihres Puzzles finden. Vergeblich.

Kein umfassendes Geständnis

Chefermittler Rainer Baacke und seine Kollegen konzentrieren sich daneben auf den Bekanntenkreis des Toten. Nach und nach gerät Benjamin H. ins Fadenkreuz der Kriminalisten. „Es ist uns nie gelungen, ihn zu sprechen. Vorladungen hat er ignoriert“, sagt Baacke. Am 9. März wird der 23-Jährige, der gleich alt wie das Opfer ist, öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben.

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Das Opfer, Jonathan H., wurde nur 23 Jahre alt.

Quelle: Leipziger Polizei

Das Bild vom Verdächtigen setzt sich langsam zusammen. In Arnstadt aufgewachsen, verlässt er nach der 11. Klasse das Gymnasium und beginnt eine Lehre zum Bäcker, bricht sie aber bald darauf wieder ab. In Leipzig startet er einen Neuanfang. Dieses Mal lässt er sich als Physiotherapeut ausbilden und hält durch. Gemeinsam mit einer jungen Frau wohnt er in Lindenau in einer Wohngemeinschaft.

Nachbarn und Weggefährten beschreiben den mutmaßlichen Mörder mit seinen kurz geschnittenen Haaren und der dicken Hornbrille als unauffälligen Typen. Am liebsten beschäftigt er sich mit seinem Computer. Mit Gewalt bringt ihn niemand in Verbindung. Auch für die Polizei ist er ein unbeschriebenes Blatt. Vorstrafen liegen nicht vor. Klar wird bei den Nachforschungen auch: Benjamin H. ist bereits im Dezember 2011 untergetaucht.

Der Fahndungsdruck zeigt Wirkung. Ein Hinweis nach dem anderen geht bei der Polizei ein. Am 11. April ist es schließlich soweit. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei stürmt eine Wohnung in Kassel. Dort hält sich H. bei einem Bekannten versteckt.

In einer ersten nächtlichen Vernehmung äußert sich H. zu den Vorwürfen. „Ein umfassendes Geständnis hat er aber nicht abgelegt“, berichtet der Leipziger Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz. Seine Aussagen, so der Anklagevertreter, passen aber mit den gefundenen objektiven Beweisen zusammen. Die Kriminalisten finden heraus, dass zwischen Mord und Fund der Leichenteile rund zwei Wochen vergangenen sind.

Behörden erwarten "Konfliktverteidigung"

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Für die Suche nach Beweisstücken wurde das Wasser aus dem Elterbecken abgelassen.

Quelle: Dirk Knofe

Als Verteidiger hat sich H. den Straußberger Anwalt Jens Mader ausgesucht. Kurz nach der Festnahme seines Mandanten fährt der Jurist gleich schweres Geschütz auf. „Strafrechtlich gesehen erscheint uns die Sache sehr dünn“, sagt er. Vor allem die erste Vernehmung ohne Rechtsbeistand stößt dem Anwalt auf. Jetzt, kurz vor Prozessbeginn, will sich der Jurist nicht mehr öffentlich zu dem Verfahren äußern.

Die Polizei erwartet eine Konfliktverteidigung. „Der Verteidiger wird alles umdrehen“, glaubt ein Ermittler. Die Beamten planen deshalb, einen Prozessbeobachter zu den Verhandlungen zu schicken und anschließend die Kollegen zu schulen, die an den Tagen darauf in den Zeugenstand gerufen werden.

Mader gegenüber steht mit Claudia Laube eine erfahrene Staatsanwältin. Sie hatte vor drei Jahren unter anderem den Mörder des neunjährigen Mitja aus Leipzig angeklagt und lebenslänglich hinter Gitter gebracht.

Entscheidend für eine Verurteilung wird die Frage nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten sein. „Im Augenblick gibt es keine Anzeichen für eine Beeinträchtigung“, meint Schulz. Dem Landgericht liegt inzwischen das vorläufige psychiatrische Gutachten eines Sachverständigen vor. Der Inhalt wird erst an einem der Verhandlungstage veröffentlicht.

Tonbandgerät soll Angeklagten überführen

Ein Geständnis erwartet Schulz nicht. „Für H. geht es schließlich um alles oder nichts“, erklärt der Oberstaatsanwalt. Eine zentrale Rolle in der Beweisführung könnte eine Tonbandaufnahme spielen. Das Diktiergerät hat die Polizei bereits bei der Festnahme in Kassel gefunden. Über den genauen Inhalt hüllen sich die Ermittler in Schweigen. Bei der Polizei durchgesickert ist aber, dass H. Abläufe, wie später bei dem Verbrechen geschehen, beschreibt. Die Schwurgerichtskammer muss nun klären: Handelt es sich um reine Phantasien oder eine tatsächliche Schilderung der späteren Tat?

Sollte der Nachweis des Mordes nicht gelingen, sondern nur der Zerstückelung der Leiche, bleibe lediglich eine Verurteilung wegen der Störung der Totenruhe. Die Höchststrafe dafür: drei Jahre Haft. „Wir haben derzeit keine Hinweise auf einen anderen Täter oder einen Mittäter“, so Oberstaatsanwalt Schulz.

Das Landgericht stellt sich auf einen langen Prozess ein. Bisher sind 14 Verhandlungstage vorgesehen. „Wir haben bereits 50 Zeugen und sechs Sachverständige geladen“, sagt Gerichtssprecherin Christiane Fernstedt. Ein Urteil könnte am 14. Dezember gesprochen werden.

Matthias Roth

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