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Polizeiticker Leipzig Prozess um Mordversuch an Nachbarn – Zeuge schildert „extrem surreale“ Situation
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Prozess um Mordversuch an Nachbarn – Zeuge schildert „extrem surreale“ Situation
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21:05 06.09.2018
Das Landgericht Leipzig verhandelt jährlich bis zu 22 Sicherungsverfahren gegen schuldunfähige Personen. Quelle: dpa
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Leipzig

Was ein junges Paar in seiner Wohnung in Abtnaundorf erlebte, hört sich an wie aus einem Horrorfilm: Als es am 13. März 2018 bereits schlief, trat eine Person die Wohnungstür ein, sodass ein Segment herausbrach. Es war Mirko M., der Nachbar. Durch die Öffnung schüttete der 48-Jährige mehrere Eimer Wasser mit Badesalz – angeblich „Menschenvernichtungsmittel“.

Danach knüllte er Papier zusammen, zündete es an und warf die brennenden Bälle in die Wohnung. Zugleich drohte er damit, den Dachstuhl und überhaupt alles anzubrennen, wobei ihm das Schicksal des Paares und seiner Katzen vollkommen egal sei.

Trotz Vorwürfen keine Verurteilung

„Ich konnte nicht fassen, was ich da sah. Ich fand alles extrem surreal“, sagte der von dem Angriff betroffene Markus B. (36) am Donnerstag im Landgericht. Der Ökonom wurde als Zeuge nunmehr im Prozess gegen den Beschuldigten Mirko M. gehört. Die Staatsanwaltschaft geht von versuchtem Mord, versuchter schwerer Brandstiftung, Körperverletzung, Nötigung und Sachbeschädigung aus.

Trotz der erheblichen Vorwürfe: Mirko M. wird für seine Straftaten nicht verurteilt werden, da er als schuldunfähig gilt. Er leidet an paranoider Schizophrenie, wollte sich laut seinem Anwalt Frank Razeng wohl „von den ihn vergiftenden Nachbarn freimachen“.

„Ich war nicht Herr meiner selbst“

Bei dem Prozess handelt es sich deshalb auch um ein Sicherungsverfahren, bei dem es um die Frage geht, ob der Beschuldigte in die Psychiatrie – in diesem Fall in die spezielle Einrichtung eines Maßregelvollzugs – muss. Dort ist er gegenwärtig bereits vorläufig untergebracht. Entscheidend ist, ob von dem Mann weitere erhebliche Straftaten zu befürchten sind und er für die Allgemeinheit gefährlich ist.

„Ich war nicht Herr meiner selbst“, sagte Mirko M. und entschuldigte sich bei dem Paar. Es war erst ein dreiviertel Jahr vor der Eskalation in der Taubestraße eingezogen und hatte Mirko M. sogar zu seiner Einzugsparty eingeladen. Man war per Du. Das Verhältnis sei aber zunehmend schwieriger geworden. Marko M. habe „wirre Geschichten“ – unter anderem von Verfolgungen – erzählt.

„Ich war nicht krankheitseinsichtig“

Nach der Eskalation im März zog das Paar sofort aus: „Wir fühlten uns bedroht. Es bestand das Risiko, dass er sein Werk vollendet. Er stellte für uns eine große Gefahr dar“, so Markus B. weiter. Seither wird der Beschuldigte, der bereits seit 2002 wegen der Krankheit berufsunfähig ist und eine Rente bezieht, mit Medikamenten behandelt. Jahrelang – und auch zur Tatzeit – nahm er diese nicht ein. „Ich war nicht krankheitseinsichtig. Die Krankheit nimmt man ja nicht wahr.“

Nach seiner Berufsausbildung mit Abitur hatte Mirko M. von 1991 bis 1996 Informatik studiert, das Studium jedoch nicht abgeschlossen, weil er seinen Worten zufolge arbeiten ging, eine Familie gründete. Seit 2003 ist der Vater eines Sohnes geschieden, lebte in der Taubestraße allein. Er konsumierte regelmäßig Cannabis, trank zuletzt viel Alkohol.

Jährlich bis zu 22 Sicherungsverfahren

Jährlich verhandelt das Landgericht zwischen 12 und 22 solcher Sicherungsverfahren gegen nicht schuldfähige Personen. Die höchste Anzahl datiert laut Sprecherin Katrin Seidel von 2016. In bis zu fünf Fällen ging es um (versuchte) Tötungsdelikte, „im Übrigen vorrangig um Körperverletzungs- und Brandstiftungsdelikte sowie Raubtaten“, so Seidel. Sachsens Staatsanwaltschaften stellten zuletzt 39 Anträge (2016) und 27 Anträge (2017) auf Sicherungsverfahren. Nach Einschätzung von Felix Mezger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Leipzig, ist die Anzahl derlei Verfahren im Vergleich zu erhobenen Anklagen aber „gering“.

Von Sabine Kreuz

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