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Prozess um verdurstetes Kind: Leipziger Ex-Jugendamtschef Haller sagt aus

Jugendamt und Sozialdienst Prozess um verdurstetes Kind: Leipziger Ex-Jugendamtschef Haller sagt aus

Eine seit dem 16. Lebensjahr drogensüchtige Mutter schwänzt das Entzugsprogramm, kappt letzte soziale Kontakte, spritzt wieder regelmäßig Rauschgift: Ist eine Frau wie Christin F. (26) noch in der Lage, ihren kleinen Sohn zu versorgen? Drei Jahre nach dem Tod des zweijährigen Kieron-Marcel mussten sich am Mittwoch zwei Schlüsselfiguren des Dramas dieser Frage vor dem Landgericht stellen.

Siegfried Haller und Sybill Radig (Mitte) sagten am Mittwoch vor Gericht aus (Archivfoto).

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Fast zwei Stunden dauerte am Mittwochmorgen allein die Vernehmung von Ex-Jugendamtsleiter Siegfried Haller (60). Es gibt Leute, die meinen, auch er trägt Mitschuld am Drama um das verdurstete Kleinkind. Doch ein Ermittlungsverfahren gegen Haller sowie Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und die Leiterin des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD), Sybill Radig, wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen stellte die Staatsanwaltschaft 2013 ein. Mithin wurde lediglich der damals zuständige Sozialarbeiter Tino H. (42) wegen fahrlässiger Tötung in erster Instanz zu 3600 Euro Geldstrafe verurteilt.

Auf die drängenden Nachfragen von Staatsanwältin Wienke Naumann räumte Haller, der nach seiner Suspendierung inzwischen  das Zentrum für Drogenhilfe am städtischen Klinikum St. Georg leitet, nun ein: Grundsätzlich habe es eine Gefährdungslage in der Problemfamilie gegeben. Im Februar 2012 meldete der Suchtarzt von Christin F. einen positiven Urinbefund. Tage später rückten Polizei und Notarzt bei ihr in der Möckernschen Straße an, weil die junge Mutter im Drogenwahn überall in ihrer Parterrewohnung Schnaken sah, sich ihre Kleider vom Leib riss und Möbel aus der Wohnung warf. Später gab auch noch der Vermieter einen Hinweis auf Drogenmissbrauch und Kindeswohlgefährdung. „Das ist eine Konstellation, die muss man beobachten“, so Haller. Für eine Inobhutnahme des Kindes gebe es jedoch keinen Automatismus, dies sei eine Ermessensentscheidung der zuständigen Fachkraft.

Allein in Leipzig gibt es laut Haller jährlich 600 bis 700 solcher Inobhutnahmen, Tendenz steigend. Tino H. sah auch nach dem Polizeieinsatz bei Christin F. für eine solche Maßnahme keine Veranlassung. Weil er sie nicht antraf, steckte er ihr Zettel mit Terminvorschlägen und der Bitte, sich zu melden, in den Briefkasten. „Er hat wirklich alles Notwendige veranlasst“, erklärte die damalige ASD-Chefin Radig vor Gericht. Den nächsten Kontakt zwischen ASD und Christin F. gab es erst zwei Monate später, am 10. April, als sich die junge Frau aufgeräumt und mit neuem Lebensgefährten aus Leipzig verabschiedete. Weitere zwei Monate darauf waren sie und ihr Sohn Kieron-Marcel tot: Christin F. starb im Juni 2012 in ihrer Wohnung an einem Mix aus Heroin und Kokain, der Junge verdurstete. „Solche Fälle lassen sich nicht vermeiden“, sagte Radig. „Das gehört zum bedrückenden Alltag des ASD.“

Für den Prozess hat die 9. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Klaus Kühlborn vorerst Termine bis Mitte August geplant, Fortsetzung am 30. Juni.

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