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Schneeglöckchen gepflückt: Hundert Jahre alten Strafbefehl entdeckt

Leipziger Polizisten als Historienforscher Schneeglöckchen gepflückt: Hundert Jahre alten Strafbefehl entdeckt

Eine Dresdnerin pflückte im April 1917 im Leipziger Rosental ein paar Schneeglöckchen und rief die Polizei auf den Plan – jetzt tauchte die alte Strafverfügung in einem Nachlass bei Münster wieder auf.

 
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Es war am 9. April 1917, als ein Frühlingsspaziergang die Dresdnerin Evelyn Gläsel in das Leipziger Rosental führte. Frühblüher reckten später als sonst ihre Köpfe aus der Erde nach harten Monaten, die ob ihrer katastrophalen Versorgungslage als „Steckrübenwinter“ in die Geschichte eingingen. An der Westfront des Ersten Weltkriegs begann an diesem Apriltag die verlustreiche Schlacht bei Arras, in Berlin regierte der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. und in Zürich machte sich ein gewisser Wladimir Iljitsch Lenin im plombierten Eisenbahnwagen auf die Reise aus dem Schweizer Exil nach Russland ...

Und Evelyn Gläsel pflückte auf zwei Wiesen im Rosental Schneeglöckchen. Ein harmloser Trost, jedoch mit Konsequenzen. Ein Schutzmann Hollatz ertappte das Mädchen dabei, gut eine Woche später flatterte ihr eine Strafverfügung des Polizeiamtes der Stadt Leipzigs ins Haus. „Sie sind beschuldigt, am 9. April 1917 nachmittags trotz des Verbots die städtische Waldung hier im Rosental außerhalb der Wege unbefugt betreten und Schneeglöckchen gepflückt zu haben“, so der Tatvorwurf im feinstem Amtsdeutsch. Die Strafe dafür: Zweimal 3 Mark plus 1,50 Mark Gebühren. Viel Geld damals, doch die Delinquentin zahlte schon vier Tage später. Immerhin drohten zwei Tage Gefängnis, „kann die Geldstrafe nicht beigetrieben werden“.

Danach schien die Sache erledigt und vergessen. Doch offenbar war Evelyn Gläsel ein überaus ordentlicher Mensch, verwahrte die Dokumente all die Jahre fein säuberlich. Und so schlummerte der Leipziger Schneeglöckchen-Strafbefehl und der Posteinlieferungsschein ein ganzes Jahrhundert lang, bis ihn jetzt ein Rentner aus Lüdinghausen im Münsterland (Nordrhein-Westfalen) bei der Sichtung des Nachlasses seiner Tante – der Tochter der Blumenpflückerin – fand. Der Senior schickte die Papiere an die Leipziger Polizei, wo Pressesprecherin Maria Braunsdorf und ihre Kollegen die historischen Dokumente mit Begeisterung sichteten.

„Auch heute darf das Galanthus, so der botanische Name des Schneeglöckchens, außerhalb von heimischen Gärten nicht gepflückt werden“, erklärte Braunsdorf. Schneeglöckchen und auch der Märzenbecher stehen unter Naturschutz und dürfen weder gepflückt noch ausgegraben werden, so Ordnungsamtschef Helmut Loris. „Grundsätzlich dürfen Blumen und Pflanzenteile in ausgewiesenen Naturschutzgebieten nicht entnommen werden.“ Wer dagegen verstößt, müsse mit bis zu 50 000 Euro Strafe rechnen. „Nur folgt nicht mehr die ersatzweise Androhung einer Haftstrafe“, ergänzte Braunsdorf.

Von Frank Döring

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