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Polizeiticker Leipzig „Straßendealer sind bei Haft schnell zu ersetzen“
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig „Straßendealer sind bei Haft schnell zu ersetzen“
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00:35 26.03.2018
Razzia im Bürgermeister-Müller-Park: Die häufigen Komplexkontrollen im Bahnhofsumfeld konnten die Drogenszene bisher nicht auf Dauer verdrängen. Quelle: Foto: Dirk Knofe
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Leipzig

Knapp 40 Gramm sichergestellte Drogen, drei Festnahmen, acht Ermittlungsverfahren, 26 Platzverweise: Die Ausbeute der sechsstündigen Razzia am Donnerstag voriger Woche zeigte erneut: Die Polizei kann der Dealerszene rund um den Leipziger Hauptbahnhof offenbar nur Nadelstiche versetzen, keinen Enthauptungsschlag. „Bisher tritt leider kein nachhaltiger Effekt ein, weshalb ja gerade mehrfach Komplexkontrollen zu initiieren waren“, so Polizeisprecher Andreas Loepki auf LVZ-Anfrage. „Offensichtlich sind der Markt der Konsumenten viel zu groß, der daraus zu erzielende Gewinneffekt viel zu lukrativ und die zentrale Ortslage viel zu günstig, um das polizeiliche Agieren bisher als dauerhafte Abschreckung wahrzunehmen.“

Drogenhändler vor Ort nur kleine Fische

Ohnehin ist der Rauschgifthandel hier, wie auch am Drogen-Hotspot Eisenbahnstraße, nach Erkenntnissen der Ermittler so organisiert, dass selbst häufige und konzertierte Polizeikontrollen die Geschäfte kaum trüben. „Die Straßendealerszene setzt sich im Umfeld des Hauptbahnhofes und an der Eisenbahnstraße weit überwiegend aus Personen ausländischer Herkunft zusammen, welche die unterste Stufe der Verteilwege in Richtung Konsument repräsentieren“, berichtet Loepki. „Als Einzelperson sind sie für die Polizei und die dahinterliegenden Strukturen nur kleine Fische, sie sind nicht selten selbst betäubungsmittelabhängig und als Kettenglied, etwa im Falle eines Haftantritts, schnell zu ersetzen.“ Zwar treffen die Beamten immer wieder auf bekannte Intensivtäter, gleichwohl sei die Fluktuation in der Szene hoch.

Dealernachwuchs rekrutiert sich aus Flüchtlingsstrom

An Nachwuchs mangelt es augenscheinlich nicht. „Nach unserer Wahrnehmung beruht dies nicht zuletzt auf dem verstärkten Flüchtlingszustrom, aus dessen Reihen sich Straßendealer mit dem Versprechen auf schnell verdientes Geld offenkundig recht leicht rekrutieren lassen“, erklärt der Polizeisprecher. Bei den bisher festgestellten Dealern handele es sich überwiegend um Asylbewerber. Doch auch ohne Massenzuwanderung würde das Problem nach Ansicht der Polizei nicht einfach verschwinden. „Es gäbe noch immer ein riesiges Potenzial von Betäubungsmittelkonsumenten“, so Loepki. „Schon nach kurzer Zeit würde eine andere Gruppe diesen äußerst lukrativen Markt bedienen.“

Strukturen deuten auf organisierte Kriminalität

Die Strukturen ließen auf eine Form der organisierten Kriminalität schließen. Zwar würden die einzelnen Straßendealer durchaus in Konkurrenz um die Kundschaft stehen. Doch der weitaus größte Teil der erzielten Gewinne fließt nach Erkenntnissen der Polizei in die gleichen Kassen. Jene Hintermänner würden die Bindung der Kleindealer zu den relevanten Organisationsstrukturen bewusst weniger eng halten, um polizeiliche Ermittlungsarbeit zu erschweren und ins Leere laufen zu lassen.

Beschlagnahmtes Rauschgift

Auch hinsichtlich der Rauschgiftvorräte ist das illegale Geschäft für die Drogenmafia relativ risikoarm. Selbst wenn die Polizei auch abseits der großen Komplexkontrollen nahezu täglich mit Rauschmittelsuchhunden die üblichen Areale wie Schwanenteich, Bürgermeister-Müller-Park und Grünstreifen am Georgiring kontrolliert: „Dabei ausgehobene Depots oder auf frischer Tat gestellte Täter sind für die Szene wohl einkalkulierte und verschmerzbare Verluste“, räumt Loepki ein. Die Vorratslager im Erdreich legten sich die Straßendealer in erster Linie an, um eine eigene strafrechtliche Verfolgung durch die Polizei zu erschweren.

Ermittler stoßen auf überregionale Strukturen

Ob es den Ermittlern dennoch gelingt, Erkenntnisse zu den im Hintergrund laufenden Warenströmen der Drogenmafia zu sammeln, will Loepki nicht verraten. „Das ist Gegenstand polizeilicher Strukturermittlungen, deren Umfang, Verlauf, Ansätze, Inhalte und Methoden ich aber naturgemäß nicht konkret offenbaren kann.“ Nur so viel: Die Ermittlungen in diesem Bereich weisen sehr häufig überregionale Bezüge auf.

Verdrängung in Eisenbahnstraße nur zeitweise

Wenn überhaupt, so können die Ordnungshüter mit Komplexkontrollen die Drogenszene nur zeitweise aus dem Bahnhofsumfeld verdrängen. Die Dealer weichen dann auf das altbekannte Revier rund um die Eisenbahnstraße aus. „Da werden die örtlichen und sicherlich auch personellen Verflechtungen ersichtlich“, so Loepki. Das Ausbreiten der Drogenszene vom Osten ins Stadtzentrum spreche für die sehr stark verfestigten Strukturen in der Eisenbahnstraße, um die in der Szene keine Revierkämpfe ausgefochten werden, erläutert er.

Polizei bleibt zuversichtlich

Ziel bleibe es dennoch, mit Bundespolizei und Stadt die objektive und subjektiv gefühlte Sicherheit für das Bahnhofsumfeld zu erhöhen. Das gelte auch für den Bereich an der Oper, wo es zuletzt zu Bedrohungen gegenüber Passanten gekommen war (die LVZ berichtete). „Wir bleiben zuversichtlich, einen langfristigen Verdrängungseffekt zu erzielen“, so Loepki. „Der Erfolg wäre jedoch von zweifelhafter Bedeutung, denn dem eigentlichen Ansatz der Suchtbekämpfung – das Ermöglichen eines suchtfreien und selbstbestimmten Lebens heutiger Suchtkranker – wäre damit kein Stück geholfen.“ Der Schlüssel zur Bekämpfung des Rauschgifthandels liege eben nicht im Bereich der Repression. „Denn dies“, so Loepki, „gleicht dem Kampf gegen die Hydra, wobei der Repression leider auch noch die Fackel fehlt, um Suchtstümpfen die Wunden nachhaltig auszubrennen“.

Von Frank Döring

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