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Überfall auf Fußballfans in Straßenbahn: Mauer des Schweigens bremst Leipzigs Polizei

Überfall auf Fußballfans in Straßenbahn: Mauer des Schweigens bremst Leipzigs Polizei

Vor einem halben Jahr haben vermummte Schläger eine Straßenbahn mit Fans der BSG Chemie am Goerdelerring in Leipzig überfallen. Ein Fahrgast wurde damals bewusstlos geprügelt.

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BSG-Fans feuern ihre Mannschaft im Alfred-Kunze-Sportpark genau 50 Jahre nach dem Gewinn der DDR-Meisterschaft an.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Die Ermittlungen gestalten sich bis heute schwierig. Die Beamten treffen auf eine Mauer des Schweigens. Weitgehend klar ist inzwischen zumindest, was in der Nacht abgelaufen ist.

Es sollte ein fröhlicher Abend werden an diesem 10. Mai 2014 – voller Erinnerungen und ohne Gewalt. Im Leipziger Stadtteil Leutzsch feierten rund 2000 Fans der BSG Chemie schon seit dem Nachmittag die Meistermannschaft von 1964. Genau 50 Jahre zuvor hatten die inzwischen in die Jahre gekommene Fußballer überraschend den DDR-Titel gewonnen. Abends gaben ihnen zu Ehren die Ost-Rocker von City ein Konzert. Kurz vor Mitternacht machten sich die meisten Anhänger auf den Heimweg. Von der Welle der Gewalt kurz darauf ahnten sie da noch nichts.

„Rund 120 Besucher stiegen an der Haltestelle am S-Bahnhof Leutzsch in die Straßenbahn der Linie 7“, sagt ein Ermittler der Leipziger Polizei heute. Der szenekundige Beamte, der seine Pappenheimer kennt, hat die Vorfälle von damals rekonstruiert. Mit Namen will er in der Öffentlichkeit nicht auftreten, um seine künftige Arbeit nicht zu gefährden.

Die Bahn fährt um 0.06 Uhr los. Zwischendurch steigen einige Fahrgäste aus, gegen 0.25 Uhr erreichen die immer noch gut gefüllten Wagen die Haltestelle am Goerdelerring. Dort geht alles ganz schnell. Ein schwarz gekleideter Mob mit Sturmhauben auf dem Kopf hatte sich am Richard-Wagner-Platz bereits in Stellung gebracht. Zeugen berichten später, dass 30 bis 40 Vermummte über die Große Fleischergasse aufmarschiert waren. Weitere Beobachtungen sind nicht protokolliert, obwohl wegen der Museumsnacht die Bürgersteige noch gut gefüllt sind. „Ich verstehe nicht, weshalb nicht mehr Leute etwas gesehen haben“, sagt ein Beamter.

Ein Mann bewusstlos

Als die Straßenbahn die Türen öffnet, stürmt die gewaltbereite Gruppe einen der Wagen, gut besetzt mit Chemie-Fans. Sofort prügeln die Schläger wahllos auf die Fahrgäste ein. „Dabei setzten sie Stöcke ein, verwendeten auch Pyrotechnik und Reizgas“, so der Ermittler. Drei Männer müssen später in der Klinik behandelt werden. Ein Opfer war sogar zeitweise bewusstlos, so die Polizei.

In der Straßenbahn und an einem Wartehäuschen gehen mehrere Scheiben zu Bruch. Die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) nennen der Polizei später einen Schaden von 10.000 Euro.

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Die Polizei hat mit einer Mauer des Schweigens zu tun.

Quelle: Christian Modla

Nach einigen Minuten ist der Spuk im Wagen schon wieder vorbei, die Stimmung im Stadtzentrum bleibt angespannt. Wenig später stehen sich nach Erkenntnissen der Polizei der Mob und etliche Chemie-Fans aus der Straßenbahn an einem Durchgang an den Höfen am Brühl noch einmal gegenüber. Auf düsteren Videoaufzeichnungen erkennen die Beamten zumindest gegenseitige Drohgebärden.

Die Gewalt flammt nicht noch einmal auf. „Wahrscheinlich wurden die Gruppen von der anrückenden Polizei gestört“, glaubt der szenekundige Beamte. Die Einsatzkräfte richten Minuten später am Wilhelm-Leuschner-Platz eilig einen Sammelpunkt ein. Von 35 in der City gestellten Männern notieren sie dort die Personalien. Sprechen über die Vorfälle will niemand. „Szenetypisches Schweigen“, nennen das die Ermittler.

In den Tagen danach machen in Onlineforen schnell Namen die Runde. Immer wieder wird ein dem 1. FC Lok nahestehender Kampfsportler genannt. Die Polizei hat das nachgeprüft. Der Mann habe ein Alibi gehabt. Die Beamten können es ihm nicht widerlegen. Die Faktenlage ist dünn und zum Schweigen der Beteiligten kommen die miserablen Aufzeichnungen der Videokamera in der Straßenbahn hinzu. „Da war nichts verwertbar“, so die Polizei.

Hoffen auf DNA-Abgleich

Dafür findet die Kriminaltechnik jede Menge Material. Fingerabdrücke und DNA speichern die Spezialisten ab. Diese Spuren lassen die Beamten hoffen. Schon einmal führte nach Hooligangewalt eine DNA-Spur zum Täter. Beim Überfall auf eine Fan-Weihnachtsfeier in der Sachsen-Stube im Dezember 2007 am Alfred-Kunze-Sportpark überführte das Blut einen beteiligten Angreifer, der anschließend zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt wurde.

Die Polizei lässt die Akten deshalb geöffnet. Das Ermittlungsverfahren wird wegen Landfriedensbruchs gegen unbekannt geführt. Über den Grund der Gewalt und den Zeitpunkt können die Beamten nur spekulieren. Eine der Erklärungen: Es waren Vorboten für das Bezirksligaspiel der BSG Chemie bei der zweiten Mannschaft des 1. FC Lok am Mittwoch danach.

Handball als Bühne missbraucht

An diesem 10. Mai liefern sich beide Seiten schon am frühen Abend einen ersten Schlagabtausch. Als Bühne dient das Umfeld der Zweitligahandballer vom SC DHfK, die am frühen Abend gegen Eintracht Hildesheim spielen. In der Arena bleibt alles ruhig. Nach dem Abpfiff liefern sich ein Dutzend Beteiligte eine kurze aber heftige Schlägerei auf dem Parkplatz vor der Halle. Nur wenige Meter weiter lauert ein Trupp von 50 Vermummten an der Kreuzung Marschnerstraße/Jahnallee. Als die Polizei auftaucht, wird ein Beamter mit Pfefferspray verletzt. Dann flüchten die Schläger.

 

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Geschäftsführer Karsten Günther.

Quelle: Christian Nitsche

„Da haben einige Chaoten unser Spiel für sich missbraucht“, sagte DHfK-Geschäftsführer Karsten Günther. Mit Handball habe das nichts zu tun gehabt. Bei den Grün-Weißen sei davor und danach nichts wieder vorgefallen. Immerhin: Die Videokameras funktionieren an der Arena einwandfrei. Zwei Teilnehmer hat die Polizei identifiziert. Gegen Sie laufen Ermittlungsverfahren.

Finale in Probstheida

Beim Fußballpiel vier Tage später im Bruno-Plache-Stadion entladen sich die Emotionen noch einmal. „Endstation Goerdelerring", brüllen Lok-Fans in Richtung des Chemie-Blocks – der antwortet: „Ohne Waffen habt ihr keine Chance." Eine klare Anspielung auf die Vorfälle am Goerdelerring.

Abgesehen von verbalen Scharmützeln bleibt es im Stadion zunächst friedlich. Kurz vor Abpfiff wird es doch noch haarig: Die Leutzscher wollen in ihrem Block eine zuvor erbeutete Lok-Fahne präsentieren. Als Securitymitarbeiter einschreiten, schlagen Chemie-Fans auf die Ordner ein, prügeln auch mit Fahnenstangen.

Fotos vom Derby

Die Präsidenten beider Vereine hatten in einer gemeinsamen Erklärung vor dem Duell appelliert:  „Lasst uns – getrennt in den Farben, vereint in der Sache – zeigen, dass der Ruf unserer Vereine und deren Fans viel besser ist, als dies bisweilen kolportiert und von vielen gedacht wird."

Matthias Roth

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