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Polizeiticker Leipzig Überfall auf geheimes Finanzsystem
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Überfall auf geheimes Finanzsystem
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06:01 14.09.2018
Qusay A. Quelle: André Kempner
Leipzig

Sie hatten es laut Staatsanwaltschaft auf das geheimste Finanzsystem der Welt abgesehen: Vier Syrer und ein gebürtiger Leipziger sollen geplant haben, Geldboten des muslimischen Hawala-Bankings auszurauben. Zum Prozessauftakt am Donnerstag am Landgericht schwiegen die Angeklagten.

Der gelernte Koch Qusay A. (28) und Friseur Abboud A. (30), ein Vater von vier Kindern, waren nach Erkenntnissen der Ermittler selbst Geldboten des Hawala-Systems. Wenn das stimmt, wussten sie auch, welch großen Summen auf diesen verschwiegenen Wegen transferiert werden.

Finanzen auch für Terror

In Europa lebende Araber schicken so Geld an ihre Verwandten daheim, aber auch Drogenkartelle und Terrorgruppen wie Al-Kaida oder der IS nutzen Hawala, weil die Geldströme keine Spuren hinterlassen. Berichten zufolge wurden große Anschläge wie etwa der Angriff auf ein Hotel in Mumbai im Jahr 2008 mit 164 Toten durch Hawala finanziert. Zwar ist dieses Banking ohne Genehmigung und Kontrolle der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) strafbar, aber das System ohne elektronischen Zahlungsverkehr, Aufzeichnungen oder Buchungsbelege ist nahezu undurchdringlich: Ein Einzahler händigt einem Mittelsmann eine bestimmte Summe aus. Der Empfänger bekommt das Geld von einem zweiten Mittelsmann. Details des Geschäfts kennen nur die beiden Mittelsmänner, die dann auch etwaige Differenzen untereinander verrechnen. 

Geldsumme als Köder

Genau diese Verschwiegenheit wollten sich die angeklagten Syrer nach Überzeugung der Behörden zunutze machen. Denn wohl kein Hawala-Bote würde bei der Polizei Anzeige erstatten, wenn er ausgeraubt wird. Am 22. Januar dieses Jahres köderte die Bande einen Hawala-Kurier am Leipziger Hauptbahnhof, so Oberstaatsanwältin Beate Herber. Gegen 20.10 Uhr soll Abboud A. dem unbekannten Mann 15 000 oder 30 000 Euro – die genaue Summe ist ebenso wie die Identität des Kuriers unklar – übergeben haben. Wenig später bestieg der Bote mit dem Geld eine Regionalbahn. Ahmad A. (26), nach eigenen Angaben Student, und Jonny A.(24), ein ungelernter Leipziger, verfolgten ihn laut Anklageschrift ebenfalls per Zug über Stunden hinweg. Ihre Komplizen Mahmoud M. (16) und Qusay A. fuhren mit einem Auto hinterher. Nach Aktenlage kamen sie am nächsten Morgen um 0.58 Uhr in Magdeburg an – und warteten auf einen geeigneten Moment, um den geplanten Überfall durchzuziehen. Um 1.30 Uhr sollte der Geldbote mit dem ICE weiter nach Köln reisen und die Chance, ihn auszurauben, wäre wohl dahin gewesen. „Die Angeklagten setzten deshalb alles auf eine Karte“, sagte die Staatsanwältin. Nach telefonischer Rücksprache mit Qusay A. sollten sie notfalls schießen. Ob die Räuber tatsächlich eine scharfe Pistole bei sich hatten oder eine Schreckschusswaffe, steht am Ende des Ermittlungsverfahrens nicht zweifelsfrei fest. Schüsse fielen in jener Nacht nicht. Mit körperlicher Gewalt sollen die Angeklagten dem Boten das Geld abgenommen haben und zurück nach Leipzig gefahren sein.

Zweiter Raub geplant

Noch am 23. Januar planten Qusay A. und Abboud A. mit ihrem Insiderwissen als Hawala-Boten den nächsten Coup, so Herber. „Ihnen waren die Transportwege des Hawala-Bankings bekannt.“ Am 29. Januar wollten sie laut Anklage einem Boten in einem Restaurant die Geldtasche stehlen oder notfalls mit Gewalt rauben. Doch daraus wurde nichts mehr, da alle Bandenmitglieder bis auf den Jugendlichen festgenommen wurden und seither in Untersuchungshaft sitzen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen schweren Bandenraub vor. Ursprünglich war sogar von Verabredung zum Mord die Rede, doch davon rückte die Behörde mittlerweile ab.

Einige Verteidiger zweifelten zum Prozessauftakt sogar an, dass es den Raub am Bahnsteig und die Waffe überhaupt gegeben habe. Denn die Tatvorwürfe basieren überwiegend aus Erkenntnissen der Telefonüberwachung, wobei nach Überzeugung der Anwälte ein Übersetzungsfehler zu falschen Schlussfolgerungen geführt habe. Und ein Überfallopfer gab das geheime Hawala-System nicht preis.

Der Prozess wird am 21. September fortgesetzt.

Von Frank Döring

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