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Unister-Betrug: Wilfried S. muss für fast vier Jahre ins Gefängnis

Im Leipziger Landgericht Unister-Betrug: Wilfried S. muss für fast vier Jahre ins Gefängnis

Im Prozess wegen des Kreditschwindels gegen Unistergründer Thomas Wagner muss der Angeklagte Wilfried S. für drei Jahre und 10 Monate in Haft. Die 16. Strafkammer am Landgericht Leipzig sprach am Dienstagnachmittag ihr Urteil.

Wilfried S. im Prozess am Leipziger Landgericht (Foto vom 7. März).

Quelle: dpa

Leipzig. Wilfried S. nahm sein Urteil völlig regungslos entgegen. Das Landgericht Leipzig verurteilte den Geschäftsmann aus Unna am Dienstag zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten. Die 16. Strafkammer unter Vorsitz von Gerichtspräsident Norbert Röger sah es als erwiesen an, dass S. im vergangenen Sommer Unistergründer Thomas Wagner und zuvor die sauerländische Geschäftsfrau Susanne Albert-Raulff in einen sogenannten Rip-Deal gelockt hat. „Das war Stoff aus dem die Krimis sind“, sagte Röger.

Staatsanwalt Dirk Reuter hatte am Vormittag eine Strafe von fünfeinhalb Jahren beantragt. Verteidiger Martin Habig sah den Tatbestand des Betrugs als nicht erfüllt an, forderte aber bei einer Verurteilung zumindest die Verlegung in den offenen Vollzug. Beide Seiten scheiterten mit ihren Vorstellungen vor der Kammer. Der Haftbefehl gegen S. besteht auf der einen Seite fort, die Kammer blieb mit ihrem Urteil allerdings auch fast zwei Jahre unter dem Antrag der Anklagevertretung. Habig kündigte Revision an, Reuter kann mit dem Richterspruch leben.

„Torheit der Opfer“ wirkt strafmildernd

Röger begründete die weitaus geringere Strafe mit der „selbstverschuldeten Torheit der Opfer“, die neben weiteren Aspekten strafmildernd zu werten sei. Sowohl Albert-Raulff als auch Wagner seien geschäftserfahren gewesen.

S. hat nach Ansicht der Kammer einen Kredit über 15 Millionen Euro an Wagner mit eingefädelt. Der Vertrag sollte in Venedig erfüllt werden, stellte sich aber als groß angelegter Schwindel heraus. Der Unister-Chef übergab vor Ort 1,5 Millionen Euro für eine Kreditausfallversicherung als Sicherheit und bekam statt der vereinbarten Anzahlung von vier Millionen Schweizer Franken im Gegenzug einen Koffer mit Falschgeld. Nur die oberste Lage mit 20.000 Schweizer Franken war echt. Die Restsumme sollte überwiesen werden.

Kreditpartner war der angebliche israelische Geschäftsmann Levy Vass, der nach der Übergabe abtauchte. Die Ermittler vermuten, dass weder Name noch Nationalität stimmen. Nach der Auswertung von Telefonmitschnitten und der Stimme von Vass, besteht der Verdacht, dass es sich um einen Bürger einer ehemaligen jugoslawischen Republik handeln könnte. „Wir hoffen, ihn dieses Jahr noch zu fassen“, sagte Reuter nach der Urteilsverkündung.

„Absturz ist eine besonders traurige Folge“

Wagner, sein Mitgesellschafter Oliver Schilling, der Kreditvermittler Heinz B. und der Pilot verunglückten auf dem Rückflug in Slowenien und starben. „Der Absturz ist eine besonders traurige Folge, dafür kann der Angeklagte aber strafrechtlich nicht verantwortlich gemacht werden“, betonte Reuter in seinem Plädoyer.

Susanne Albert-Raulff war bereits einen Monat zuvor in Ljubljana auf Vass hereingefallen. Sie verlor dabei 100.000 Euro und erhielt im Gegenzug genau wie Wagner größtenteils Falschgeld. Auch in ihrem Fall hatte S. den Kontakt zu Vass hergestellt. Albert-Raulff hatte gleich am ersten Verhandlungstag ausgesagt und über ihre bis zuletzt bestehenden Zweifel an dem Geschäft berichtet. Am Ende warf sie aber ihre Bedenken über Bord und machte mit. Der Angeklagte habe sie zuvor mehrfach bestärkt, hieß es in der Urteilsbegründung.

Weitere Zeugen erklärten immer dieselbe Geschäftsanbahnung: S. habe ihnen versichert, dass er Vass bereits seit 17 Jahren kenne und seit acht Jahren stets gute Geschäfte mit ihm gemacht habe. „Sie und Herr Vass sind raffiniert und psychologisch geschickt vorgegangen“, schätzte Reuter ein. Dieser Argumentation folgte die Kammer.

Auch wenn Thomas Wagner den Angeklagten nie selbst traf und S. auch nicht in Venedig mit vor Ort war, sieht ihn die Kammer als Täter an. Er habe den Unisterchef über eine „Empfehlungskette“, wie Röger es nannte, mit dem später abgestürzten Finanzmakler B. und den ehemaligen Leipziger Bankdirektor Karsten K. als Zwischenglieder vom Darlehen überzeugt.

Registriertes Geld als Provision

In der Lagunenstadt habe er zudem über sein Telefon den Kontakt gehalten, das Opfer auf der einen Seite versucht mit Lügen zu beruhigen und den geflohenen Vass im Hintergrund über die aktuelle Lage informiert. Insgesamt habe S. für seine Dienste 6800 Euro von Vass als Provision in bar erhalten. Geld, das ihm aber am Ende nicht half, weil mindestens 5000 Euro aus der Wagner-Summe stammte und registriert war.

S. durfte auch nicht darauf vertrauen, dass die Rip-Deals doch gut ausgehen. Ein weiterer Handel mit Vass, bei dem Diamanten verkauft wurden, endete bereits Anfang Juni ebenfalls in einem Falschgeld-Desaster. S. hätte gewarnt sein müssen.

Bei ehemaligen Unister-Mitarbeitern und Wagner-Vertrauten sorgte das Urteil für Erleichterung. „Ich bin froh, dass die Staatsanwaltschaft und das Landgericht Leipzig die Schwere der Organisierten Kriminalität auch bei Wilfried S. gesehen hat“, erklärte der ehemalige Unternehmenssprecher Konstantin Korosides.

Wenig tröstlich dürfte für S. der letzte Satz von Röger gewesen sein: „Sie sind jetzt 69 und werden in diesem Jahr 70, schauen Sie in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit!“

Matthias Roth

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