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Polizeiticker Leipzig Wie eine Leipzigerin einen Missbrauchsfall aufdeckte
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Wie eine Leipzigerin einen Missbrauchsfall aufdeckte
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08:01 11.02.2019
Verzweifelte Suche nach Hilfe: So hinterließ das missbrauchte Mädchen den Zettel. Zum Glück wurde er entdeckt, der mutmaßliche Täter kam kurz danach in Haft. Quelle: privat
Leipzig

Der Zettel auf der Parkbank am Grünen Bogen in Leipzig-Paunsdorf war dreifach zusammengefaltet. Er war mit ein paar Stücken Baumrinde beschwert, damit der Wind in nicht wegweht. Ein Wort war oben darauf zu lesen: „Hilfe.“ Man mag sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Sandra U. (30) an jenem Morgen des 21. Juli 2018 achtlos daran vorbeigegangen wäre. Doch sie nahm den Hilferuf ernst und deckte damit einen erschütternden Missbrauchsfall auf. Seit Mitte Januar wird dem mutmaßlichen Täter nun am Landgericht Leipzig der Prozess gemacht.

„Ich war früh mit dem Hund unterwegs“, erinnert sich die Leipzigerin. „Meine Freundin war schon an der Bank vorbei gelaufen und sagte noch: ,Guck mal, da liegt was´“. Sandra U. entschloss sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie hob den Zettel auf, faltete ihn auseinander und las. Der erste Satz lautete: „Wer das findet, bitte helft mir!“ In offenbar hastig dahingeschriebenen Sätzen schilderte darin ein mittlerweile 16-jähriges Mädchen, dass es seit Jahren von ihrem Stiefvater vergewaltigt wird.

Angeklagter Steffen S. im Gerichtssaal: Jahrelang soll er seine Stieftochter missbraucht haben. Quelle: André Kempner

„Mein erster Gedanke war: Sowas denkt sich keiner aus“, erinnert sich Sandra U., „aufgrund der konkreten Daten, Namen und Adressen war für mich klar: Das ist ernst.“ Von zu Hause rief sie die Polizei an, wenig später holten Beamte den Zettel des Missbrauchsopfers bei ihr ab. Kurz darauf wurde Steffen S. (34) als Tatverdächtiger festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft. Und für die verzweifelte und gequälte Schülerin war das Martyrium vorbei.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft war das Kind gerade mal elf Jahre alt, als sie von ihrem Stiefvater das erste Mal zum Oralverkehr gezwungen wurde. Um ihre Gegenwehr zu brechen, soll er dem kleinen Mädchen, das sich vor dem erwachsenen Mann ekelte, Mund und Nase zugehalten, bis es Atemnot bekam. Die Übergriffe sollen sich im Kinder- und Schlafzimmer der Wohnung der Familie ereignet haben, zum Teil auch in der Wohnung des Angeklagten und sogar im Auto im Parkhaus des Paunsdorf-Centers. Sie erlitt dabei erhebliche Schmerzen. Der Beschuldigte soll sie auch gezwungen haben, sich in sexuellen Posen fotografieren zu lassen. Die Anklageschrift listet insgesamt 24 Fälle zwischen März 2013 und Juli 2018 auf. Mitte Januar begann der Prozess gegen den Mann, geplant sind fünf Verhandlungstage bis in den März hinein. Das betroffene Mädchen und seine Mutter sind als Nebenkläger an der Hauptverhandlung beteiligt.

Im Zweifel die Polizei rufen

Sandra U. hörte lange nichts mehr von dem Fall. „Erst als ich den Bericht vom Prozessauftakt in der LVZ gelesen habe, dachte ich: Du hast etwas Gutes gemacht, dieser Typ ist in Haft“, sagt sie. „Ich bin froh, dass dieser Mensch verhaft ist und hoffe, das Mädchen kann diesen Albtraum bald verarbeiten.“ Doch gab es nicht zwischendurch Zweifel, ob die Geschichte mit dem Zettel nicht doch nur ein ganz übler Scherz war? Denn wie oft kommt es schon vor, dass Opfer schwerer Verbrechen keinen anderen Ausweg sehen und sich auf diese ungewöhnliche Weise Gehör verschaffen und um Hilfe flehen? Sandra U. hat auch über diese Frage immer wieder nachgedacht. Doch am Ende steht sie zu dem, was sie getan hat. „Die Entscheidung, ob etwas dahinter steckt oder nicht, die möchte ich als Laie nicht treffen, das ist Sache der Polizei, die haben dafür Mittel und Möglichkeiten, um solchen Dingen nachzugehen.“ Auch Fachleute raten dies, wenn jemand Kenntnis von einer mutmaßlichen Straftat erhält: Im Zweifel ist es immer richtig, die Polizei zu rufen und nicht einfach wegzuschauen.

Von Frank Döring

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