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Leipziger SPD-Frontfrau Eva Brackelmann legt alle politischen Ämter nieder

Stadtpolitik Leipziger SPD-Frontfrau Eva Brackelmann legt alle politischen Ämter nieder

Eva Brackelmann (SPD), im politischen Geschehen Leipzigs bekannt wie eine bunte Hündin, legt ihre Parteiämter nieder. Alle. Und zieht sich aus der Frontlinie zurück. Warum? Und wie geht es für sie weiter? Das erzählt sie im LVZ-Interview.

Eva Brackelmann.
 

Quelle: Volly Tanner

Leipzig. Zum 1. Januar legen Sie alle politischen Ämter nieder. Ganz konkret betrifft das unter anderem Ihre Mitarbeit im Stadtbezirksbeirat Alt-West, die damit nach 14 Jahren endet. Warum?

Es ist Zeit, dass hier ein Wechsel stattfindet, weil Politik auch mit Personen identifiziert wird. Und je mehr Gesichter, umso besser. Außerdem ist niemandem geholfen, ewig und drei Tage auf Ämtern und Mandaten zu hocken. 14 Jahre Stadtbezirksbeirat Leipzig Alt-West für die SPD heißt 14 Jahre Verantwortung und eine gute Zusammenarbeit aller Parteien: Grüne, Linke und CDU. Meine persönlichen Meilensteine waren die Erarbeitung eines Konzeptes zum Erhalt der Musikalischen Komödie 2005/2006, die Beteiligungsmöglichkeiten um den Bau des Trainingsgeländes am Cottaweg 2008/2009 und die Eröffnung einer Flüchtlingsunterkunft in der Georg-Schwarz-Straße. Hier haben alle an einem Strang gezogen. Konsens war immer das gemeinsame Ziel, den Stadtbezirk voranzubringen und für ein gutes Miteinander mit unseren Möglichkeiten zu sorgen.

Bedeutet das auch, dass Sie nicht mehr als Kandidatin für die Landtagswahl 2019 zur Verfügung stehen?

So ist es. Am 9. November 2016 wurde ich mit vier weiteren Sachverständigen mit Zwei-Drittel-Mehrheit vom Landtag in den Medienrat der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) gewählt. Diese Aufgabe bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen, sich einzuarbeiten und Zeit zu investieren. Demzufolge kommt eine Landtagskandidatur 2019 nicht infrage. Es gibt in der Leipziger SPD mehr als eine Frau, die das Zeug, die Kraft und die politische Haltung hat, Leipzig im Landtag zu vertreten. Überspitzt formuliert: Seit der Bundestagswahl ist auch allen klar, dass die Sachsen-SPD weiblicher werden muss – ich bin zuversichtlich, dass der Groschen fällt für eine gute Platzierung einer aktiven Leipziger SPD-Frau.

Auch Ihr Posten als stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende wurde von Ihnen geräumt. Das ist ein ganz schönes Tabula rasa. Ist solch ein extremer Schnitt nötig?

Ich hätte mir für die SPD-Arbeit vor Ort für die anstehenden Aufgaben eine personelle Veränderung an der Spitze gewünscht, die ist bei den Vorstandswahlen Anfang 2017 nicht eingetreten. So ist Demokratie, und so ist das Leben. Für mich war eine weitere SPD-Arbeit in Alt-West nicht mehr denkbar, da für meinen Geschmack zu statisch und unflexibel.

Wenn Sie den Jetzt-Zustand der SPD in Sachsen und bundesweit betrachten – ist das noch die Partei, in die Sie eingetreten sind? Vertritt diese Partei noch Ihre Werte? Welche sind das konkret?

Tja, an einem Punkt ist die SPD seit meinem Eintritt die Alte: Es gab bis heute nur männliche Parteivorsitzende. Ernsthaft: Die SPD steht immer noch für Gerechtigkeit, für Freiheit und Solidarität. Wie immer liegt im Kleingedruckten der Teufel. Wie ist das zu erreichen? Und mit wem?

Warum sind Sie 1986 in die SPD eingetreten? Was ist in Ihrer Rückschau falsch gelaufen in den letzten Jahren in der Partei?

Entscheidend waren damals meine Aktivitäten in der Friedens- und Frauenbewegung. Die SPD war für mich die einzige sinnvolle linke Alternative in Westdeutschland. Das Gegenteil von ‚gut‘ ist ‚gut gemeint‘: Nehmen Sie die veränderten Kommunikationsformen. Was als Weg zu mehr Transparenz und Beteiligung gedacht war, führt leider dazu, dass die Sozialen Netzwerke in der Parteiarbeit oft mit der Wirklichkeit verwechselt werden.

Sie bleiben aber Parteimitglied? Warum?

Politikerinnen wie die Staatsministerin Petra Köpping, die keine inhaltliche Auseinandersetzung scheuen, sind Grund genug, dabei zu bleiben.

Ihre Erfahrungen aus Ihrem Beruf decken sich mitunter nicht mit den Ansichten Ihrer Genossinnen und Genossen, sagen Sie. Wie ist das Dilemma der SPD auflösbar?

In meiner Arbeit bei einem evangelischen Familienverband begegnen mir die Vielfalt der Familienformen und der Wunsch nach Beständigkeit im Leben. Dieser Wunsch vieler Familien ist legitim. Den durchpolitisierten und diskussionsfreudigen Menschen, der gerne die Tür öffnet, wenn Parteimitglieder klingeln, um das wirkliche Leben zu sehen, gibt es nur in der Fantasie von Politaktivisten. Statt Dauersitzungen und Antragslyrik hilft manchmal schon ein Gespräch mit der Kassiererin im Konsum, um aktuelle gesellschaftliche Themen zu sehen.

Sie haben sich sehr für die Gleichstellung aller Menschen stark gemacht. Nun, nachdem Sie aus den Ämtern in der SPD verschwinden, klafft dort ein immenses Loch. Gleichzeitig forcieren konservative Kräfte einen Rollback in fast schon mittelalterliche Strukturen. Haben Sie aufgegeben?

‚Aufgeben‘ ist nicht in meinem aktiven Wortschatz. Politisch arbeiten lässt sich für mich an anderer Stelle, außerhalb von Parteien, auch sehr gut. Seit 2015 bin ich wieder in der Flüchtlingsarbeit aktiv und das wird auch so bleiben.

Ist Martin Schulz der richtige Mann für die SPD? Können Menschen ihm vertrauen, wenn er doch vor einiger Zeit noch an der Spitze herausragender EU-Gremien saß und jetzt vor Siemens-Mitarbeitern die Abschaffung von ihm selber mitverantworteter Strukturen fordert?

100-Prozent-Ergebnisse waren und sind mir immer suspekt. So ging es mir auch bei der Kür von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten. Das hatte fast schon etwas von Heilserwartung und kann Menschen auch erdrücken. Das Ergebnis der Bundestagswahl ist bekannt. Täglich wird auch klarer, dass die SPD ihre jüngste Wahlniederlage nicht beim Wettrennen um die schneidigste Oppositionsattitüde wird bewältigen können. Wer Populisten das Wasser abgraben will, muss die Handlungsfähigkeit der Demokratie unter Beweis stellen. Die Hängepartie um die Bildung einer neuen Bundesregierung sollte also in überschaubaren Zeiträumen beendet werden. Wenn Martin Schulz dazu einen wichtigen Beitrag leistet, ist er der richtige Mensch am richtigen Ort.

Von Volly Tanner

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