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Stadtpolitik Miteinander in Leipzig
Leipzig Stadtpolitik Miteinander in Leipzig
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19:57 22.05.2018
Die Initiativgruppe (v.l.): Heike Lauschkin, Beate Feist, Enno Haaks, Birgit Haaks, Alexander Kordisch-Ekelmann, Anne-Sophie Seiring, Deepti Zaremba, Christoph Schmidt, Dana Schmidt, Sebastian Gemkow, Jan Zaremba, Gregor Giele, Katrin Limpert und Björn Meine. Quelle: Christian Modla
Leipzig

„Der Ton wurde rauer“, erinnert sich Sebastian Gemkow an die Zeit der Proteste rund um Legida. „Man hatte das Gefühl, dass die Stadtgesellschaft gespalten ist und dass es scheinbar darum geht, wer am lautesten ist. Man hat Unfrieden zwischen den Menschen gespürt.“ Die wohl große, aber schweigende Mehrheit in dieser Stadt, die eher vermittelnde Positionen als richtig empfindet, habe man wegen der vielen lauten Töne nicht mehr wahrgenommen. „Da kam die Überlegung, nach dem zu suchen, was uns alle verbindet und was uns im Kern zusammenhält“, erklärt Gemkow. „Wir wollten der schweigenden Mehrheit eine Stimme geben.“

Breites Fundament

So rief der Minister in seiner Heimatstadt eine Gruppe zusammen, die diesen Konsens formulieren, die dieses Fundament wieder freilegen sollte. Kindergärtnerinnen waren unter anderem dabei, eine Krankenschwester, Schüler, Studentinnen, Künstler, LVB-Straßenbahnfahrer Christoph Schmidt, der leider verstorbene Kippe-Verkäufer Steffen Schulze, die Pfarrer der beiden großen Stadtkirchen, Bernhard Stief (St. Nikolai) und Gregor Giele (St. Trinitatis), sowie LVZ-Lokalchef Björn Meine.

Rückbesinnung auf Normen

„Wir haben darüber nachgedacht, was eigentlich die gemeinsamen Positionen sind, die uns in dieser Stadt über lange Zeit getragen haben, die zum Teil Kernbotschaften der Friedlichen Revolution gewesen und die ja immer noch da sind“, erklärt Gemkow. „Wie stelle ich mir das Zusammenleben vor, wie möchte ich auch selbst behandelt werden?“ Im Gegensatz zum Grundgesetz, das eher Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat formuliere, sei es der Initiativgruppe um die Regeln des zwischenmenschlichen Miteinanders gegangen. „Viele sind in ihrem Leben stark eingebunden, stehen unter Druck“, konstatiert Gemkow. „Da rückt vielleicht manchmal auch einfach aus dem Blickfeld, was die Normen sind.“ Einiges sei wohl einfach verdrängt worden, sagt auch Straßenbahnfahrer Christoph Schmidt. „Das sehe ich in meiner täglichen Arbeit. Wenn man dort manche Menschen anspricht mit den Worten Entschuldigen Sie...’ – dann sind die beinahe perplex. Viele walzen regelrecht durch die Bahn, anstatt zu fragen: Könnten Sie mich bitte mal durchlassen? Viele stehen eben nicht auf für die ältere Frau in der Straßenbahn, für die Mutter mit dem Kinderwagen.“ Es brauche in der Ellbogengesellschaft Nachdenken über und eine Rückbesinnung auf unsere Normen, sagt Schmidt. Dazu will man anregen – mit zehn Punkten, die Gruppe formuliert hat. Thesen, die natürlich keinen Absolutheitsanspruch haben, betont Sebastian Gemkow. Die aber schon zusammenfassen sollen, was uns verbindet.

Ergebnisse sollen bald zu sehen sein

Dann ging es darum, wie sich die sehr allgemeinen Thesen mit Leben füllen lassen. „Wir haben Menschen gefragt, was diese Punkte konkret für sie bedeuten“, erklärt der Minister. „So ist ein Querschnitt entstanden über das, was uns im Innersten zusammenhält.“ Das Ergebnis soll nun veröffentlicht werden – auf Plakaten in Kirchgemeinden, auf den Bildschirmen in der Straßenbahn – und in der LVZ.

Immer noch großer Druck

Auch wenn Legida keine große Rolle mehr spielt – Christoph Schmidt meint, dass es weiter gärt in der Gesellschaft. „Es gibt nach wie vor einen großen Druck“, sagt der Leipziger. „Es fehlt an der Wertschätzung des anderen, an der Achtung vor dem anderen. Viele sind mit sich selbst allein - und mit ihrem Handy. Wir müssen wir wieder mehr miteinander reden.“ Die Spaltung in der Gesellschaft gebe es immer noch, sagt Gemkow. Sie trete nur nicht mehr immer so deutlich zutage. „Es bleibt zu überlegen: Wie können wir friedlich zusammenleben, wie können wir uns auseinandersetzen? Es bleibt in der Verantwortung des Einzelnen, sich zu fragen: Wie gehe ich mit dem anderen um?“ Der Zusammenhalt, der früher oft auch nötig war, weil man aufeinander angewiesen war, sei ein Stück verloren gegangen. Damit ist auch etwas vom Miteinander, vom Mitgefühl für den anderen verloren gegangen.

Leipziger sollen sich selbst hinterfragen

Die jetzige Initiative wäre aus Gemkows Sicht ein Erfolg, wenn Menschen beginnen, sich selbst zu hinterfragen. „Wenn sie sich fragen: Habe ich Augen für den anderen? Wie verhalte ich mich? Auch bei kleinen Dingen im Alltag? Wie kann ich es vielleicht schaffen, einmal am Tag jemanden zum Lächeln zu bringen, ein nettes Wort mit auf den Weg zu geben? Denn wenn das viele in dieser Gesellschaft machen, dann fühlen wir uns alle wohler – als Gemeinschaft in dieser Stadt und in diesem Land.“

Die zehn Thesen

1. Gewalt kommt für mich nicht in Frage.

2. Ich streite mit Stil.

3. Ich respektiere auch andere Meinungen.

4. Ich bin für klare Regeln des Zusammenlebens.

5. Ich schätze die Vielfalt der Menschen.

6. Ich frage, was ich für meine Stadt tun kann – nicht, was meine Stadt für mich tun kann.

7. Ich achte auf meinen Mitmenschen und lasse ihn nicht allein.

8. Ich sage immer auch etwas Positives zu meinem Gegenüber.

9. Für mich ist das Glas halb voll, nicht halb leer.

10. Ich behandle den Anderen so, wie ich selbst behandelt werden will.

Heike Lauschkin (47, Krankenschwester) und ihre Interpretation von These 7 („Ich achte auf meinen Mitmenschen und lasse ihn nicht allein.“): „Nicht nur meines Berufs wegen, sondern auch für mich ganz persönlich sind Aufmerksamkeit, Empathie und Hilfe für meine Mitmenschen Grundsätze einer Gemeinschaft. Quelle: Christian Modla
Jan Zaremba (77, Künstler) und seine Interpretation von These 1 („Gewalt kommt für mich nicht in Frage“): „Gewalt führt immer nur zu mehr Gewalt. Wo Gewalt anfängt stirbt die Demokratie.“ Quelle: Christian Modla
Michal Haaks (20, Studentin) und ihre Interpretation von These 5 („Ich schätze die Vielfalt der Menschen“): „Einander zuhören und füreinander da sein gehört zum Zusammenleben dazu. Das bedeutet sich zu unterstützen.“ Quelle: privat

Von Björn Meine

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