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Stadtpolitik Schwierige Wohnungssuche für betreute Gruppen – Nähe zu Kneipen scheidet aus
Leipzig Stadtpolitik Schwierige Wohnungssuche für betreute Gruppen – Nähe zu Kneipen scheidet aus
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00:18 03.11.2016
Die Kneipenmeile in der Gottschedstraße. Betreute Wohngruppen mit Jugendlichen werden in ihrer Nähe meist nicht zugelassen.  Quelle: LVZ
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Leipzig

Die Wohngruppe „Arni 3“ zieht aus dem Haus unweit des Connewitzer Kreuzes aus. Das hat der Verein Jugendhaus, der sie als Freier Träger betreibt, mit dem privaten Vermieter so vereinbart. Hintergrund: Nachbarn fühlten sich gestört, es gab Probleme im Miteinander, auch die Polizei musste mal her. „Der Vermieter ist zwar kooperativ, wir haben trotzdem keine gemeinsame Lösung gefunden“, sagt Andreas Kreusch, der Geschäftsführer des Vereins.

Eine Alternative sollte dabei ein Hinterhaus in der Gottschedstraße sein. Das Landesjugendamt als Genehmigungsbehörde hatte zunächst keine Einwände. In der Regel wartet es aber die Prüfungen der Leipziger Ämter ab. Thomas Strobel, der Vermieter, wollte alles herrichten. Ein Architekt, der notwendige Umbauten planen sollte, war schon im Boot. Dann zog das hiesige Jugendamt die Notbremse. Es störte sich an der Nähe zur Kneipenmeile, die durch „negative Anreize“ das Kindeswohl gefährden könnte – nach vielfältigen Diskussionen und Ämterrunden war klar, dass der Verein Jugendhaus keine Genehmigung für seine Wohngruppe bekommt. Höchstens eine Kindergruppe mit bis zu Sechsjährigen wäre wohl möglich gewesen. Damit hat der Träger aber keine Erfahrungen. „Alle Beteiligten haben Zeit und Geld in das Projekt gesteckt. Nun habe ich alles abgeblasen“, sagt Strobel. Verständnis für die Argumentation hat er nicht. Schließlich gebe es überall in Leipzig Kneipen – auch in Nähe des jetzigen Domizils. Jugendamtsleiter Nicolas Tsapos: „Wir müssen Vorschriften einhalten und jeweils den Einzelfall prüfen. Es ist immer eine Gratwanderung. Einerseits wollen wir die Jugendlichen auf die Lebenswirklichkeit vorbereiten, andererseits müssen wir sie vor Gefahren schützen.“

Kreusch hat nun das Problem, rasch ein anderes geeignetes Mietobjekt von mehr als 200 Quadratmetern zu finden. Der Mietvertrag ist zunächst bis zum 1. Februar 2017 verlängert worden. „Noch haben wir Gottvertrauen, dass es eine Lösung gibt. Wenn nicht, muss ich die Gruppe schließen und kann auch die sieben Mitarbeiter nicht mehr beschäftigen.“ Tsapos kündigte gegenüber der LVZ Hilfe an, einen neuen Standort aufzutreiben.

Viele freie Anbieter haben Schwierigkeiten, geeigneten Wohnraum zu finden. Die Träger der Interessengemeinschaft „Hilfen zur Erziehung“ beklagen vor allem, dass am Betriebserlaubnisverfahren fünf bis zehn Leipziger Ämter beteiligt sind. Das Verfahren sei in den letzten Jahren derart „verbürokratisiert, verkompliziert und verteuert“ worden, so dass damit auch wirtschaftliche Risiken verbunden sind. Mieten die Träger Wohnungen an und die Plätze werden dann nicht belegt, bleiben sie zudem auf den Kosten sitzen.

„Einerseits sind wir aufgefordert, zusätzliche Plätze zu schaffen. Andererseits sind wir gar nicht in der Lage, Risiken einzugehen“, so René Boitz, der Geschäftsführer des Vereins Fairbund. Oft ziehen sich Verfahren sehr lange hin. Geeignete große Wohnungen in Leipzig seien ohnehin rar. Neubauten über Kredite vorzufinanzieren, könnten sich die meisten freien Träger nicht leisten. „Da sind wir auf mehr Unterstützung angewiesen, etwa über die LWB.“

Dabei drängt die Politik darauf, die sich ständig erhöhenden Kosten für Hilfen zur Erziehung einzudämmen. So musste der Stadtrat erst in der Vorwoche allein für dieses Jahr 16,05 Millionen Euro zusätzlich bewilligen, weil etwa 346 Fälle mehr betreut werden müssen als prognostiziert (Budget: 81,08 Millionen Euro). Da sind junge Flüchtlinge nicht einmal dabei. Nach wie vor müssen fast 290 junge Hilfebedürftige außerhalb der Stadt untergebracht werden, weil die Plätze hier nicht ausreichen. Bei einem Teil ist die Unterbringung fernab der Heimat pädagogisch erforderlich. Oder es fehlen die notwendigen Spezialisten. Tsapos verweist darauf, dass Leipzig seit vergangenem Herbst nahezu 200 zusätzliche betreute Wohnplätze geschaffen hat. „Die nutzen wir derzeit ausschließlich für die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge, die integriert werden. Es sind aber dauerhafte Angebote für alle Kinder und Jugendliche.“ Bis zum Jahre 2019 – soweit die Planung – kommen weitere 260 Plätze hinzu. „Wir reden mit Investoren und Freien Trägern über Projektideen. Natürlich haben wir keine Garantie, dass sich alles verwirklichen lässt.“ Dennoch sei sein Amt auf gutem Weg.

Von Mathias Orbeck

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