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Stadtpolitik „Unter den Helmen stecken keine Kampfmaschinen, sondern Mütter und Väter“
Leipzig Stadtpolitik „Unter den Helmen stecken keine Kampfmaschinen, sondern Mütter und Väter“
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18:07 14.11.2018
Leserforum in der LVZ-Kuppel: Polizeipräsident Bernd Merbitz (l.) und Helios-Chefärztin Katarina Stengler (r.) und LVZ-Vizechefredakteur André Böhmer. Quelle: André Kempner
Leipzig

Bis zu seinem Dienstschluss Ende Januar will Bernd Merbitz für mehr Sicherheit und Ordnung im Vorfeld des Hauptbahnhofs sowie in Connewitz sorgen. Das sagte der Polizeipräsident am Montag Abend während eines LVZ-Forums in der Kuppel am Peterssteinweg vor knapp 150 Gästen. Während der Veranstaltung ging es auch um den Belastungsdruck, dem Beamte während ihrer Einsätze ausgesetzt sind. Darüber sprach Merbitz mit Professorin Katarina Stengler, Chefärztin am Helios-Park-Klinikum Leipzig und Expertin für psychische Belastungen am Arbeitsplatz. Es moderierte LVZ-Vizechefredakteur André Böhmer.

Auch ein Polizeipräsident hadert manchmal mit sich. Zumindest hinterher. Merbitz erinnert sich an eine Nacht im Oktober 2016. Der Terrorist Dschaber al-Bakr hatte sich in einer Wohnung in Paunsdorf verschanzt. Die Spezialkräfte hätten zu lange gebraucht, al-Bakr drohte zu entwischen, wie zuvor in Chemnitz. „Ich habe nach links und rechts die Gruppenführer angeguckt und gesagt: Wir gehen rein. Aber wir wussten nicht, was uns erwartet. Man schätzt schon die Gefahr ein. Aber hinterher stehst Du da einen Moment und fragst Dich: Was wäre gewesen, wenn...“ Komplexe Situationen gehören zum Alltag jedes Polizisten. Sie stehen zwischen allen Fronten, werden beschimpft, sind Shit-Storms in den sozialen Medien ausgesetzt, werden bei Einsätzen unvermittelt angegriffen. „Bei einer Drogenkontrolle zieht auf einmal einer ein Messer“, erzählt Merbitz. „Oder jemand stürzt plötzlich mit einem Beil auf einen Beamten. Sowas geht nicht spurlos an einem vorbei. Das kommt meist später hoch, nach so einer Situation.“

Wie können Polizisten mit dem Druck umgehen?

„Zunächst einmal müssen sich die Beamten selbst eingestehen, dass ihr Beruf etwas mit psychischer Belastung zu tun hat“, erklärt Katarina Stengler. Das sei nicht so einfach – schließlich stehe die Polizei ja für Stärke. In der Prävention müssten Beamte vorbereitet werden auf Extremsituationen: den ersten Schusswaffengebrauch, die erste verletzte Kollegin, das Auffinden einer verwesten Leiche. Polizisten gehörten ebenso wie Rettungskräfte mit Blick auf psychische Belastungen und Störungen zu einer Hochrisiko-Gruppe, so Stengler. Auch die Arbeit im Lagezentrum sei sehr belastend, sagt die Chefärztin, die die Einrichtung vor kurzem selbst besucht hatte. Da rufe erst jemand an, weil der Nachbar die Katze über den Zaun geworfen hat, und in der nächsten Minute gehe es um ein Gewaltverbrechen.

Kann man einen Polizisten überhaupt auf Extremsituationen vorbereiten?

„Ich glaube schon“, sagt Merbitz. Ganz in diesem Sinne hat der Polizeichef mit Stengler eine intensivere Zusammenarbeit vereinbart. Allerdings sei die Vorbereitung das eine, die Wahrheit stelle sich aber oft doch ganz anders dar. Schon heute seien Ärzte und Psychologen in die Ausbildung integriert. Bestimmte Einsätze werden vom Polizeipsychologischen Dienst begleitet; auch die kirchlichen Polizei-Seelsorger haben gut zu tun. Seit zwei Jahren gibt es ein polizeiliches Gesundheitsmanagement – mit sportlichen Angeboten für den Ausgleich. Merbitz selbst bietet außerdem eine eigene Sprechstunde für alle Beamten an, die auf der Straße Tag und Nacht ihren Dienst tun. Die ist meist schnell ausgebucht. „So ein Beruf macht auch sehr, sehr einsam“, sagt der Polizeipräsident. „Manchmal muss man einfach mal jemanden haben, der einem zuhört.“ Merbitz weiß das auch, weil solche Aspekte zu seiner Ausbildungszeit keine Rolle spielten: „Mich hat niemand vorbereitet.“

Ist die Belastung in Leipzig und Sachsen wegen einer starken linken und einer starken rechten Szene im Vergleich zu anderen Bundesländern eine besondere?

Aus psychologischer Sicht würden sich deutsche Großstädte nicht wesentlich unterscheiden, erklärt Chefärztin Stengler. Aber die zunehmende Drogenproblematik - unter anderem beim Thema Chrystal – sei in Leipzig und Sachsen speziell. Das gehe mit höherer Gewalt einher. „Leipzig ist eine wunderschöne Stadt“, sagt Merbitz und erntet Applaus. Aber auch „kriminalgeografisch gesehen“ sei die Stadt ein „explizit guter Raum“. Hervorragende Verkehrsanbindungen liefern eben auch der Unterwelt eine Infrastruktur.

Was kommt von den durch die Landesregierung bis 2025 zugesagten 1000 zusätzlichen Polizisten für Sachsen in Leipzig an?

„Wir brauchen erheblich mehr Polizei“, stellt Merbitz klar. Man müsse vor allem in den Großstädten mit Blick auf das Einsatzgeschehen (Demonstrationen, gewaltbereite Szene, Fußballspiele) deutlich zulegen – bei der Bereitschaftspolizei wie auch bei den Einsatzzügen. Der Verschleiß sei gewaltig. Die 1000 zusätzlichen Kräfte seien noch nicht ausgebildet. Sie würden sich später auf ganz Sachsen verteilen – wie, das konnte Merbitz nicht sagen. Die neuen Stellen seien auch nicht gegengerechnet mit den Beamten, die in den Ruhestand gehen. Viele Polizisten, auch solche mit hoher Fachkompetenz, würden ihren Ruhestand nicht hinausschieben. „Die sagen: Ich kann nicht mehr, ich muss jetzt einfach raus.“

Mit Blick auf den Fachkräfte-Nachwuchs gibt es bei Medizinern oder Lehrern eine Sogwirkung: Sie wollen nicht aufs Land, sondern in die Großstadt. Ist das bei der Polizei auch so?

Die ganz jungen Beamten würden schon oft nach Leipzig wollen, sagt Merbitz. Das ändere sich aber mit der Zeit. „Die Belastung ist hier einfach höher.“

Wie ist der Ermittlungsstand bei der Vergewaltigung einer Frau im Rosental im August 2017 und beim Mord an einem 34-Jährigen in Plagwitz im Oktober 2017?

„Wir arbeiten da weiter dran“, sagt der Polizeichef. Die Ermittlungen gestalteten sich aber zum Teil äußerst kompliziert.

Liegen erste Ergebnisse seit Einführung der Waffenverbotszone am Montag vergangener Woche vor?

„Es gab schon verschiedene Haftbefehle“, sagt Merbitz. Ziel der Zone sei eine höhere Kontrolldichte wegen einer deutlichen Häufung von Gewaltstraftaten (600 im vergangenen Jahr), bei denen auch Waffen, Messer und Pistolen eine Rolle gespielt hatten. „Souvenirjäger“ hätten vereinzelt die Hinweisschilder für die Waffenverbotszone gestohlen.

Wie schätzt der Polizeipräsident das aktuelle Sicherheitsklima in der Stadt ein?

Nach vorläufigem Stand gehen die Zahlen im Jahr 2018 bei Einbrüchen, Auto-, Fahrrad- und Ladendiebstahl leicht zurück. Die politischen Straftaten bleiben auf gleichem Niveau. Es gibt aber mehr Gewaltstraftaten.

In Summe sieht Merbitz durchaus eine positive Entwicklung. Das gebe nicht nur die Statistik her, auch bei vielen Gesprächen werde ihm dieser Eindruck vermittelt. „Das Vertrauen kommt zurück.“ Manchem könne man es jedoch nie recht machen. Die Polizei-Präsenz auf der Straße habe zugenommen. „Es gibt aber schon Bereiche, in denen wir noch mehr für die Sicherheit tun müssen. Dafür brauchen wir mehr Beamte.“

Was kann der Bürger tun, um der Polizei zu helfen?

„Unter den Helmen bei den Demo-Einsätzen stecken keine Kampfmaschinen, sondern Mütter und Väter“, mahnt Merbitz. In Connewitz seien Schriftzüge wie „No Cops - no Nazis“ zu lesen oder auch „Handlungsanweisungen, wie man Bullen jagt“. Es tue ihm in der Seele weh, „wenn meine Bediensteten als Nazis bezeichnet werden“. Doch seine eindringlichen Worte richten sich nicht nur an gewalttätige Demonstranten und gegen Anfeindungen aus der linksextremen Szene. Von der Polizei werde immer wieder umsichtiges Verhalten erwartet. Seine Beamten hätten gut zu tun: „Wenn manche wüssten, wie die sich drehen – da ziehe ich immer wieder den Hut vor meinen Bediensteten.“ Es gebe Prioritäten bei der Koordination im Lagezentrum. Dafür sollten die Bürger mehr Verständnis aufbringen. „Sie erwarten aber immer, dass die Polizei in fünf Minuten kommt, wenn Sie die 110 rufen.“ Wenn in einer langen Einsatznacht bei einem Unfall mit Blechschaden dem Beamten dann mal eine Bemerkung rausrutscht, führte das in der Vergangenheit schon zu Dienstaufsichtsbeschwerden.

Mit Blick auf die zunehmende Verrohung und Angriffe gegen Beamte und Rettungskräfte fordert Chefärztin Katarina Stengler mehr Zivilcourage. „Jeder Einzelne ist gefordert. Wir alle können aufstehen und sagen: So nicht! Wo man selbst Einfluss nehmen kann, sollte man das auch tun.“ Man müsse das Gespräch auch mit denen suchen, die das selbst nicht mehr tun.

„Ein ganz klein wenig braucht die Polizei auch Ihren Beistand“, appelliert Merbitz an die Bürger. „Einfach mal sagen: Das habt Ihr gut gemacht – Sie glauben gar nicht, wie gut denen das tut.“

Sieht Merbitz, der bei den Landtagswahlen für die CDU als Direktkandidat im nordsächsischen Wahlkreis 36 antritt, für sich eine politische Karriere als Minister - oder als Leipziger OBM-Kandidat?

„Also Leute, nun mal langsam“, sagt Merbitz. Ihm gehe es vor allem darum, in der Politik etwas zu ändern. „Ich muss das nicht aus finanziellen Gründen machen. Aber vielleicht erschrecken die sich in Dresden auch und sagen: Der geht zurück als Polizeipräsident nach Leipzig“, bemerkt er mit einem Augenzwinkern. Eine psychologische Betreuung habe er nicht gebraucht, als Innenminister Markus Ulbig (CDU) ihn 2012 vom Amt des sächsischen Landespolizeipräsidenten entbunden und zurück nach Leipzig geschickt hatte: „Es war das Beste, nach fünf Jahren wieder hierher zu gehen.“

Von Björn Meine

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