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Leipzig „Vern(e)ssage“ im Elstertal Saloon
Leipzig „Vern(e)ssage“ im Elstertal Saloon
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00:20 20.03.2018
Gruppenbild von Zeitreisenden – Der Steampunk Stammtisch Leipzig trifft sich jeden ersten Sonntag im Monat im Elstertal Saloon. Sein Credo: „Steampunk verkörpert die Etikette der besseren Gesellschaft. Viele wünschen sich ein Gegengewicht zu den realen Umgangsformen, deren Niveau heute „leider oft unterhalb der Titanic liegt“. Quelle: Fotos: André Kempner
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Leipzig

Das Outfit ist meist einzigartig: Bowler oder Zylinder, Gehrock, Goggles, Pfauenfeder, Zahnrädchen, Rüschen, Spitzen, Leder. Filigrane Details allüberall. Die rund 30 Mitglieder vom Steampunk Stammtisch Leipzig zelebrieren in freien Minuten jenes Stil- und Lebensgefühl, das Liebhaber fantastischer Zeitreisen eint. Schlüpfen sie in ihre Gewänder und frönen ihrem Hobby, scheinen sie mit Haut und Haaren dieser Welt entrückt. Das Geheimnisvolle, das sie dabei umwabert, wollen sie am 25. März beim „1. Steamday – einer Vern(e)ssage“ im Elstertal Saloon lüften.

Alles Handarbeit

„Bei uns kommt nichts von der Stange. Ich nähe alles selbst“, sagt Marik Götzloff. Vor etwa fünf Jahren hat sich der Mensa-Koch mit seiner Frau den Steampunkern angeschlossen. Kathrin hatten es bei einem der Wave-Gotik-Treffen die opulenten Kleider angetan. „Ich sagte ihr, das kann ich selber machen – und brauchte fürs erste Kostüm ein ganzes Jahr.“ Mittlerweile bekomme sie jährlich ein neues, meist „dunkelbunt“, und der 42-Jährige nennt sich dann Philias van de Ritzmannsgrüne (in Anlehnung an den Romanhelden Phileas Fogg aus Jules Vernes „Die Reise um die Erde in 80 Tagen“).

Steampunk, dieses Leben und Wirken in einer Fantasiewelt der viktorianischen Zeit, fesselt die Leipziger. Philias führt ebenso wie sein Stammtischbruder und Vorbild Mathias Friedrich die Nadel mit der Hand. Gar nicht so leicht, wenn Lederhäute zu Taschen verwandelt werden, die der Borsdorfer unter seinem Label „Officina Corii“ präsentiert. „Vorrangig aber nicht zum Verkauf, denn der Preis der Unikate kann nur ein symbolischer sein“, erläutert der 48-Jährige, der als Selbstständiger im IT-Bereich seine Brötchen verdient. Aber über genau so ein Unikat sei Philias ja auf ihn aufmerksam geworden, erzählen die Männer. „Es war diese Picknicktasche aus zwei Lederröhren, eine für eine Flasche, die andere für Gläser und Decke, die ich zu kopieren versuchte, damit aber scheiterte.“ Mathias nickt vielsagend: „Das ehrte mich damals. Eine Kopie ist doch die höchste Form der Anerkennung.“ Außerdem seien seine Taschenkreationen ja auch eine Art Visitenkarte, „denn ich zeige damit, was ich kann“.

Austausch via Facebook

Unter Steampunkern – die Leipziger treffen sich regelmäßig am ersten Sonntag im Monat in der Kleingartenanlage Elstertal im Marienweg und tauschen sich rege auf Facebook aus – würden jedenfalls alle Erfindungen gerne geteilt, betonen die Männer. „Du möchtest, dass eine Qualmsäule aus deinem Zylinder steigt? Fragst und bekommst unzählige Tipps“, sagt Philias.

Und so wird auch jedes ihrer monatlichen Treffen zu einem Schaulaufen. Ein gutes Dutzend Zeitreisender war es beim jüngsten Treff. Die Schkeuditzer Bine und Mo von der SMS-Feuershow haben vor reichlich drei Jahren Geschmack am Steampunk gefunden. „Wir kommen aus dem Mittelalter, aber das wurde uns zu kommerziell“, sagt er. Nun basteln und entwickeln sie täglich um die zwei Stunden in ihrer Werkstatt an ihrer Fantasiewelt. Alles müsse authentisch sein, Inspirationen kommen vom Stammtisch, vom Flohmarkt und aus den USA. „Wir finden es einfach schön, dass es diesen Treff gibt, bei dem wir unser Hobby pflegen und nicht nur zu Hause rumsitzen“, sagt Bine, deren Korsage mit allerlei Schlüsseln („Falls mal ein Zeitschloss geöffnet werden muss“) ein Hingucker ist. Martin präsentiert seine Weinkiste-Kreation. Nadine trägt einen verrückten Hut samt „Zeitumkehrer“. Mathias erzählt, dass in seiner Nautilus-U-Boot-Tasche zwei Jahre Arbeit stecken. Marion präsentiert edles Geschirr für Frauen auf Safaris und Expeditionen.

Handbuch für Geisterjäger

Denise aus Delitzsch verrät, dass ihr kupferfarbener Papagei Scotty, den sie selbst gerupft und bemalt habe, ein Baby erwartet. Christiane und Eric alias Graf Rufus von der Parthenaue aus Rötha erzählen, dass ihr Drache Drago nicht nur mit den Augen rollt sowie Rauch und Feuer speit, sondern auch Marshmallows isst. Mit Kinderwagen der Extraklasse geht Gräfin von R. mit ihrem Gatten Philias auf Zeitreisen. Und Anja B. betreut die Passstelle im Amt für AEther Angelegenheiten. „Damit die Herrschaften von ihrer Zeitreise auch wieder zurückfinden“, wie sie betont. Ist vielleicht auch nicht immer einfach, wenn man wie Selle, Altenpfleger aus Delitzsch, zwei Augenpaare unterm blauen Eidechsenschopf hat. Und wem das alles noch nicht reicht, der kann sich auch am Crowdfunding-Projekt beteiligen, mit dessen Hilfe Nadine Reuter und Anja Bagus das „Steampunk Handbuch für Geisterjäger“ aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen wollen.

Steamday am 25. März von 10 bis 20 Uhr im Elstertal Saloon, Marienweg 7

www.startnext.com/steampunk-monsterjaeger

Von Cornelia Lachmann

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