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Tiergeschichten Am Ende des langen Weges...
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15:00 03.06.2014
Quelle: dpa

Sie konnte den Ernst der Lage nicht leugnen. Und vor allem: Wie stand sie da vor den Kindern? Vor den kleinen flauschigen Entchen, die sich bedingungslos an ihre Fersen hefteten und alle Wege gingen, die sie ihnen vorging. Auch diesen verhängnisvollen Weg. Sie hatten sich mutig aufgemacht zu der gefährlichen Reise. Voran sie, die Entenmutter, fünf Kinder im Gefolge. Jetzt waren sie angekommen. Und nichts war wie erwartet. Doch hätte sie es wissen können? Erinnerung und Tatsache klafften weit auseinander.

Durch Zufall hatte sie eines Tages den alten Brunnen entdeckt. Mit plätscherndem Wasser, erfrischend und kühl. Daneben die satte Rasenfläche, sie hatte dort gelagert und sich den Bürzel geputzt nach dem befreienden Bad. Nun sollte dieser Brunnen der Ausweg aus dem Dilemma werden. Aus dem Dilemma mit den Gänsen. Und dann das! Sie stand da und wusste nicht weiter. Frustriert und irritiert dachte sie zurück an die letzten Stunden. An den langen Marsch. An die vielen Gefahren, denen sie trotzen konnte, um am Ende doch zu scheitern. Sie hatte ihre Kinder nicht mühevoll erbrütet, um ihnen zu versagen, was sie dringend brauchten, um glücklich aufzuwachsen. Zum guten Entenleben gehört nun einmal Wasser. Wenn sie hätte bleiben können, wo sie vorher lebte, dann wäre alles leicht gewesen. Ihr Nest lag sehr idyllisch, direkt am Ufer eines Sees in den städtischen Parkanlagen. Dann waren die Nilgänse gekommen. Und begannen prompt zu streiten. Sie ärgerten das Kleingeflügel, spielten sich auf als die Herren des Sees, machten sich denkbar unbeliebt. Auch die Ente wurde unfroh. In trügerischer Hoffnung, gestützt durch sehr viel Optimismus, erstellte sie trotzdem ihr Gelege. Sie wollte nicht den Park verlassen, ihr Glück an einem Dorfteich suchen. Sah sie aus wie ein Landei? Sie kannte nur die Stadt, sie wollte nur die Stadt. Gänse hin oder her. Sie hätte es besser wissen sollen, die Störenfriede gaben nicht auf. Ihr blieb nur, sich zu empören und tapfer auszuharren, bis die Küken schlüpften und auf eigenen Beinchen standen, um sich ihr anzuschließen.

Sie machten sich alle auf den Weg, gleich am frühen Morgen. Sie lockte mit sanftem Schnattern und ihre Kinder folgten, ohne Fragen zu stellen. Zuerst war die Tour gemütlich, sie watschelten einfach drauflos, fraßen hier und da und rechts und links und auch in der Mitte von dem zarten Gras. Die Küken piepsten zufriedene Laute und die Sonne schien. Sie nahm das als gutes Omen. Dann hatten sie den Park durchquert und standen an der Straße und hier sah die Sache schon anders aus. Es war eine breite Straße mit viel und lautem Verkehr. Beherzt betrat die Ente die Fahrbahn, dicht hinter ihr die Kleinen. Sechs Fahrspuren gab es zu überwinden, was schier unmöglich schien ohne große Verluste. Dazu bedurfte es eines Wunders. Eines gewaltigen Wunders, ein kleines hätte nicht gereicht bei dem brisanten Unternehmen. Das Wunder kam tatsächlich in Form eines netten Autofahrers. Der stoppte den Verkehr, bis die Großfamilie die Straßenseite gewechselt hatte. Das Schlimmste schien geschafft und der kleine Tross pilgerte unerschrocken weiter.

Endlich war das Ziel erreicht – und mit ihm die Katastrophe. Der Ente blieb vor Schreck das Schnattern im Halse stecken. Der Brunnen war noch da. Dieser schöne hohe Brunnen mit den steinernen Figuren und dem großen Becken um die Mittelsäule, von der, sie konnte sich gut erinnern, das Wasser geflossen war. Doch heute floss kein einziger Tropfen in das trockene Becken. Stattdessen wiesen Schilder auf Reparaturarbeiten hin. Ein schlechtes Grundgefühl machte sich in ihr breit. Da war sie so weit gewandert und stand nun vor dem Ende. Das hatte sie wirklich nicht verdient. Ein ratloses Quaken drang aus ihr. Ein so hilfloses, lautes Quaken, das keiner überhören konnte, ihr Elend war zu offenkundig. So kam es dann auch bald, dass vor dem Brunnen die Tierrettung hielt, die die kleine Familie zu einem See transportierte. Zu einem See auf dem Land. Ausgerechnet auf dem Land! Doch dann bemerkte die Ente erstaunt die Ruhe und den Frieden an dem stillen Gewässer. Tief tauchte sie ein in das klare Nass und ließ ihre ganzen Vorbehalte auf dem Grund des Sees zurück.

KarinTamcke

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