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Am anderen Ufer

Am anderen Ufer

Hätte sie ihr Verlangen bloß besser kontrolliert! Warum waren ihr die Gräser auf der Weide nicht genug? Die Kirschen in Nachbars Garten, sie sollen angeblich süßer sein.

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Quelle: Simone Neumann

Zwar dachte die Kuh Anemone weder an Kirschen noch Nachbarsgärten, doch der Effekt war der gleiche. Es ging um ein paar fette Halme. Um saftiges, grünes Gras. Es wuchs so aufreizend appetitlich auf der anderen Seite des Grabens. War es da ein Wunder, dass sie nicht an sich halten mochte?

Dabei konnte sie nicht klagen. Nach allen Seiten um sie herum breitete eine große Weide ihre ganze Vielfalt aus. Es gab die deliziösesten Kräuter und selbstverständlich deftiges Gras. Gras in Hülle und Fülle. Ein Mangel war nicht in Sicht. Auch in anderer Hinsicht verwöhnte sie das Glück. Sie fühlte sich wohl in ihrer Herde, den ganzen Sommer lang durfte sie auf der Weide leben, bei Regen schützte ein Offenstall. Morgens und abends trat sie an, um ihr Euter erleichtern zu lassen, ansonsten hatte sie Freizeit und Muße für allerlei Kuhgedanken, während sie friedlich wiederkäute. Sie pflegte den freundlichen Austausch mit ihren Artgenossen und nahm wie die anderen Kühe an der Aktion am Morgen teil.

Regelmäßig kam da ein Mann mit seinem Hund vorbei. Kaum hatte eine Kuh den Labrador gesichtet, stürmte sie los zum Zaun, die ganze Herde schloss sich an. Es donnerten die Hufe über den weichen Boden und pflügten Grasbüschel aus der Erde, ein Schnauben begann und vervielfachte sich, sie fühlten sich wie die wilden Stiere in der fernen Camargue. Bald standen alle prustend am Zaun, der Hund fing an zu hecheln, ihm war der Aufmarsch nicht behaglich. Dann begann die Phase des Glotzens, die Herde starrte still auf den Hund, nur ein entwichenes Schnaufen unterbrach den bedeutsamen Vorgang. Mann und Hund entfernten sich und ehrgeizig machten sich die Rinder an die weitere Verfolgung. Sie verfolgten konsequent, so lange wie es ihnen die Einzäunung erlaubte. Sie drängten sich vorm Gatter zusammen und blieben dort versammelt, bis sie nichts mehr sahen von Mann und Labrador. Dann waren sie mit sich zufrieden und zerstreuten sich, um weiter entspannt zu grasen.

So verhielt es sich auch an diesem Morgen. Und nun begann das Unheil, seinen Auftritt vorzubereiten. Anemone zerstreute sich mit den anderen Kühen, da führte sie ihr Weg an den breiten Graben, der als natürliche Grenze ihre Weide von der nächsten trennte. Anemone kannte den Graben. Sie hatte dort oft gegrast. Doch immer auf der eigenen Seite. Nun aber sah sie am anderen Ufer diese aufreizend lockenden Gräser. Die Gräser schienen zu ihr zu sprechen, sie boten ihr Genüsse an, kulinarische Genüsse, wie sie nur Gräser anbieten können, die auf der anderen Seite eines Grabens wachsen. Noch hätte alles gut werden können. Doch Anemone war verloren. Hallte noch der Triumph über den Labrador in ihr nach, so dass der Leichtsinn über sie kam? Vorsichtig setzte sie eine Klaue ins moorig dunkle Wasser. Der Vorgang war nicht schwierig und machte ihr keine Mühe, was sie spontan ermunterte, auch den anderen Fuß zu setzen. Und weil eine Kuh vier Beine hat, folgte ebenfalls der Rest.

Dann war es plötzlich vorbei mit ihrer Körperbeherrschung. Das Gleichgewicht verließ Anemone und ihr schwerer Leib stürzte unkontrolliert ins Wasser. Da lag sie nun plötzlich auf der Seite und nichts war so, wie sie es wollte. Instinktiv begann sie zu strampeln, aber je mehr sie versuchte, sich auf die Beine zu stellen, umso mehr versank sie im Schlamm. Ein hilfloses Muhen kam aus ihr. Sie muhte eindringlich und laut und ihre Schwestern erhörten sie. Sie kamen, formierten sich vor ihr zur Gruppe, jetzt war sie das Objekt der Neugier, das es zu beglotzen galt. Da Muhen ansteckend ist, muhte bald die ganze Herde. Nun kam der Landwirt angelaufen. Er wusste, was zu tun war. Er verknotete ein Seil zu einem festen Leibchen und zog es über die Kuh. Dann holte er den Traktor, der das Huftier mit Motorkraft dem modrigen Wasser entriss. Anemone stand, wenn auch mit zitternden Knien, wieder auf sicherem Boden. Ihre Schwestern umrundeten sie und gaben Kommentare ab, die sie gut verstand. Sie fügte sich kleinlaut und dankbar in die Herde ein und verschwendete keinen einzigen Blick mehr auf die Gräser am anderen Ufer.

Karin Tamcke

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