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Auf einen Kaffee mit Chopin

Auf einen Kaffee mit Chopin

Hätte man mich gefragt, als ich auf die Welt kam, welche Vorstellungen ich habe im Hinblick auf mein weiteres Leben, dann wäre mir vieles eingefallen, doch nie das, was nun Wirklichkeit ist.

Quelle: dpa

Und ich kann beileibe nicht sagen, dass mir der Zustand missfällt, in dem ich mich jetzt befinde. Es könnte wahrlich Schlimmeres geben. Ich werde bewundert, ich werde geliebt, was sollte ich noch wünschen? Vielleicht hätte man mir damals einen anderen Namen geben können, doch dazu ist es nun zu spät. Ich höre inzwischen auf ihn.

Zumindest fällt er aus dem Rahmen, auch wenn ich die Fußstapfen als groß empfinde, um sie zur Gänze auszufüllen. Doch im Grunde ist das nicht wichtig und schon gar nicht mein Problem. Schließlich steht einem Kater so gut wie jeder Name, auch wenn er ungewöhnlich klingt. So steht mir auch Chopin, nur darf man nicht von mir erwarten, dass ich anfange zu komponieren. Meine musikalische Ausdrucksweise erschöpft sich im Gesang, wobei sich dessen Blütezeit nur kurze Zeit offenbarte und nach einem gewissen Eingriff auf ein Mindestmaß reduzierte, ich habe notgedrungen alle Minnelieder gestrichen, dem Einlösen dieses Versprechens wäre kaum Erfolg beschieden. Doch das ist so in Ordnung, schließlich ruhen in meinem Wesen viele andere Qualitäten und für Katergesänge mit allen Konsequenzen wäre kein Raum an diesem Ort, den mir das Schicksal zuwies und wo ich Verehrung erfahre und mich wohltuend einbringen kann.

Und was meinen Namen angeht, ich sehe ihn seit Kurzem in einem neuen Licht und kann über die Scherze nur lächeln, die die Gäste darüber machen. Gerne beginnen sie, nach Verwandtschaftsgraden zu fragen zwischen mir und dem Komponisten. Es gibt im Grunde keine, aber das brauchen sie nicht zu wissen. Wenn ich hier von Gästen rede, dann meine ich damit die Menschen, die unser Café betreten. Sie kommen extra wegen der Katzen, wegen Dustin, Luna, Melisse und mir. Wir sind hier angestellt, um die Besucher zu erfreuen. Es ist ein angenehmer Job, die Arbeit geht mir leicht von der Pfote. Ich brauche mich nur zu präsentieren. Es gibt keine vorgeschriebene Form. Ich kann es selbst bestimmen, ob ich mich zum Dösen, zum dekorativen Lagern oder zur Kommunikation entschließe. Die Gäste sind von allem beglückt. Sie dürfen mein huldvolles Nähern genießen, mich streicheln und mit mir spielen und mein leises Schnurren wohltuend auf sich einwirken lassen. Ich schicke die Vibrationen direkt ins Herz der Menschen, die dafür empfänglich sind. Und der Anblick meines Körpers, als Rund im Schlaf zusammengerollt, senkt erwiesenermaßen den Blutdruck, beruhigt und löst bei ihnen den Stress.

Leider ist es verboten, uns mit Leckerchen zu füttern. Der Grund erklärt sich von selbst, blickt man auf meine Bauchregion, die langsam am Expandieren ist. Auch uns ist einiges verboten. Wir dürfen nicht auf die Tische springen, um vom Kuchen zu partizipieren, und auch nicht an den Möbeln kratzen. Wir dürfen aber die Gäste kratzen, wenn sie sich unbotmäßig verhalten, was höchst selten vorkommt. Selbstredend gehören fast alle, die unser Café betreten, zur Spezies der Katzenfreunde und wissen, worauf es ankommt. Die Idee zum Katzen-Café stammt aus dem fernen Japan. Ich weiß nicht, ob es die Kollegen dort drüben auch so gemütlich haben. Unser Café ist stimmungsvoll mit antikem Mobiliar eingerichtet, mit Tischen und Stühlen aus dunklem Holz, sogar ein Klavier steht im Raum. Katzen und Möbel aus Kunststoff? Reden wir nicht davon, das würde die Atmosphäre zerstören. Und zwischen Plastikmöbeln geschehen auch keine Wunder.

Denn so eins hat sich kürzlich ereignet. Eines Tages kam ein Gast und es passierte etwas höchst Erstaunliches. Lächelnd vernahm er meinen Namen, dann setzte er sich ans Klavier und spielte eine bezaubernde Weise, ich nehme an, von Chopin. Er spielte sie nur für mich, das spürte ich genau. Die Töne klangen so sanft wie mein schönstes Schnurren. Nun endlich begriff ich die Verbindung zu meinem Namensvetter. Seine Musik wirkt so entspannend wie das Schnurren einer Katze. Fortan werde ich meinen Namen mit Stolz und neuem Bewusstsein tragen. Und solltet ihr eines Tages unser Café besuchen, dann fragt nach dem Kater Chopin. Klavierspieler werden bevorzugt beschnurrt.

Karin Tamcke

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