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Aufregung um Ambrosius

Tiergeschichte Aufregung um Ambrosius

Was hatten sie mit ihm vor? Das konnte doch nicht ihr Ernst sein! Wussten sie gar nicht, wen sie vor sich hatten? Er würde sich das nicht bieten lassen, so wahr er Ambrosius hieß. Doch nun schien es zu spät zu sein für wirkungsvolle Proteste. Denn er hockte bereits auf dem Viehtransporter und verstand die Welt nicht mehr.

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Seid umschlungen, Millionen
Quelle: Thomas Frey

Sie hatten nicht viel gefragt, sondern mit einer Rübe vor seiner Nase gewedelt. Und selbstverständlich war er der Verlockung erlegen und zielstrebig der Rübe gefolgt. Wo ließe er sich einen solchen Bissen entgehen? Erst als sich die Luke hinter dem Bullen schloss, kam der zu dem Schluss, dass die Rübe ein Köder gewesen sein musste und alles eine gemeine Falle. Blauäugig war er hineingetappt, weil ihm die Übersicht fehlte. Auweia, auweia! Doch was konnte er tun? Vorerst rein gar nichts. Der Hänger setzte sich in Bewegung und rumpelte vom Hof. Von seinem Hof, den er von klein auf kannte. Er war hier geboren worden und zu einem Kraftpaket von 600 Kilo herangewachsen. Man hatte ihn bald separiert, von der übrigen Herde getrennt. Nun trennte man ihn auch vom Hof. Er war verunsichert. War geschockt. Und auch ein bisschen bänglich, das musste er sich eingestehen. Auch 600 Kilo können sich fürchten. Als ihm die Angst ins Bewusstsein drang, wandelte sie sich spontan in einen gesunden Ärger. Er war doch ein gestandener Bulle! Wütend schnaubte er und stampfte mit den Beinen. Wer wollte ihm diesen Unmut zum Vorwurf machen? Wüsste er um die Zukunft, wäre alles viel leichter zu ertragen gewesen. Doch er war ja so ahnungslos.

Was man mit ihm plante? Tatsächlich hatte man ihn verkauft, es gab da einen Arbeitsauftrag, der ihn sicherlich freuen würde. Ein Zuchtbulle sollte er werden, frisches Blut in die Herde des neuen Besitzers bringen. Eine Horde jungfräulicher Kühe wartete schon auf ihn. Ein großes und aufregendes Leben stand ihm damit bevor. Doch woher sollte er das wissen? Nach einer längeren Fahrt stoppte der Transporter. Man machte sich an dem Hänger zu schaffen, klappte die Luke herunter, löste die Sicherungsseile und wies den Bullen an, die Umzäunung zu betreten, die ihn dann geradewegs in seinen neuen Stall leiten würde. So war es jedenfalls gedacht. Was nicht einkalkuliert worden war, das war der Frust des Rindes. Ambrosius witterte Morgenluft, mit einem energischen Ruck löste er sich vom Führstrick, durchbrach mit Leichtigkeit den Zaun und entfernte sich im Rindsgalopp, bevor jemand reagieren konnte. Ein Ziel hatte Ambrosius nicht vor Augen, er wollte einfach nur weg, und so eilte er geradeaus, bis von den erschrockenen Menschen nichts mehr zu sehen war. Dann atmete er tief durch und trottete verunsichert weiter. Er durchschritt achtlos blumengeschmückte Gärten, unter völliger Missachtung jeglicher Gartengestaltung, er machte ungewollt eine Stippvisite beim Bürgermeister des Ortes, überquerte den großen Marktplatz und zog sich dann verwirrt in einen offenen Schuppen zurück.

Inzwischen hatte sich längst eine Gruppe von Verfolgern gebildet, bestehend aus tatkräftigen Männern, aufgestockt durch zwei Polizisten, einen Jäger und ein paar Besserwisser. Da es im Dorf nicht alltäglich war, einen Bullen flanieren zu sehen, gab es genügend Hinweise zur eingeschlagenen Route des Flüchtlings. Nachdem man ihn geortet hatte, wurde eiligst der Hänger geholt und vor die Schuppenöffnung gefahren. Schließlich konnte man keinen Bullen an die Leine legen und mit ihm wie mit einem Schoßhund zurück zum Hof spazieren. Als Ambrosius den Hänger sah, überkam ihn die frische Erinnerung an die beängstigende Reise. Ging das Ganze schon wieder los? Alle unguten Gefühle brachen sich gewaltsam Bahn, nie würde er sich noch einmal diesem Hänger anvertrauen, nicht einmal wegen einer Rübe, und das wollte eine Menge heißen. Er war trotz seiner Größe normalerweise ein friedliches Tier, doch mit lautem Gebrüll ging er nun auf die Männer los. In diesem speziellen Fall sah er zwecks Verteidigung den Angriff als erste Wahl. Und dann sah er gar nichts mehr. Der Pfeil aus dem Betäubungsgewehr hatte ihn niedergestreckt.

Als er erwachte, war er erstaunt. Was war mit ihm geschehen? War alles nur ein Traum gewesen? Aber nein, er lag nicht mehr in vertrauter Umgebung, sondern in einem fremden Stall. In einem sehr schönen Stall. Das war schon mehr als seltsam. Träumte er vielleicht noch immer? Dann horchte er auf. Ganz aus der Nähe erscholl verheißungsvoll das Muhen erwartungsvoller Kühe. Wenn das tatsächlich ein Traum sein sollte, dann wollte er zumindest nicht so schnell daraus erwachen.

Karin Tamcke

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