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Böses Erwachen

Böses Erwachen

Das Jahr fängt ja gut an, werden sie denken. Und: Haben wir das verdient? Nein, sie dürften nicht begeistert sein, die armen Gartenwanzen. Sie haben bald nichts mehr zu lachen.

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Quelle: Julius KühnInstitutdpa

Noch liegen sie in tiefem Schlummer, in entspannter Winterruhe. Ihr Erzfeind vermutlich auch, doch werden sie ihn mit Sicherheit bald zu spüren bekommen. Wenn er wieder erwacht. Nicht dass die Gartenwanzen reine Engel wären, auch sie haben einiges auf dem Kerbholz, doch macht es einen Unterschied, ob man Täter ist oder Opfer. Und sie sind in diesem Fall einwandfrei das Opfer. Das Opfer der Goldschildfliege.

Wehe ihnen, wenn die in ihre Nähe kommt. Man sieht es ihr nicht gleich an, oh nein. Sie sieht sogar recht nett aus und durchaus attraktiv mit ihren großen roten Augen. Besonders die Männchen putzen sich in maskulinem Prunkgehabe zu prächtigen Brummern heraus. Die Flügeldecken schillern orangerot in der Sonne, der Schild im Nacken wie pures Gold. Eine Schönheit, die die Gartenwanzen nicht recht zu würdigen vermögen. Dabei könnten sie das Fliegenmännchen ohne Arg bewundern. Allein die weibliche Goldschildfliege ist die Übeltäterin. Was das Farbenspiel betrifft, hält sie sich diskret zurück. Sie strebt nach Unauffälligkeit. In dezentem Schwarzbraun mischt sie sich unters Insektenvolk. Unscheinbar und bieder. Und so offensichtlich harmlos. Doch mit ihren roten Augen blickt sie äußerst zielgerichtet in die Welt der Wanzen. Eiskalt und ohne Gewissensbisse legt sie ihre Eier in die Larven der armen Kerfe. Den Fortgang kann man sich denken. Eines ist dabei gewiss: Von den Wanzenlarven bleibt nicht mehr als die Außenhaut übrig. Und vorbei ist es mit dem Insektenleben. Das kann den Wanzen nicht gleichgültig sein, wie man sich denken kann. Sie dürften auf den Zweiflügler nicht sonderlich gut zu sprechen sein.

Und dann das! Ausgerechnet ihr größter Feind erfuhr nun diese Ehrung. Insekt des Jahres 2014, so darf sich die Fliege fortan nennen. Das werden die Gartenwanzen nicht begrüßen können. Es muss für sie klingen wie blanker Hohn. Wüssten sie bereits davon, ihre sorglos tiefe Winterruhe würde sich spontan in schwere Alpträume wandeln. So aber schlummern sie noch zufrieden, träumen höchstens vom letzten Sommer. Von den warmen Abenden. Und den eigenen Missetaten. Da waren sie nicht die Opfer, standen auf der anderen Seite. Ganze Heerscharen von ihnen erklommen die Wände der menschlichen Bauten, räkelten sich genießerisch am sonnenwarmen Beton. Das hätte bereits gereicht, um die Menschen zu verärgern. Doch sie trieben es auf die Spitze. Sie ließen sich in die Briefkästen fallen oder krochen durch die Fenster in das Innere der Häuser, sie quetschten sich frech durch alle Ritzen. Sie versteckten sich hinter Bilderrahmen, eroberten die Zimmerpflanzen und krabbelten in die Betten, erzeugten Ekel und Verdruss. Mit unerschrockener Dreistigkeit machten sie sich in den Wohnungen breit und fühlten sich ganz wie zuhause. Sie krabbelten überall herum auf ihrer Erkundungstour. Und sie widersetzten sich den Vertreibungsversuchen. Wer mit ihnen auf Tuchfühlung ging, dem begegneten sie rüde und mit schlechten Umgangsformen. Ohne Rücksicht auf Anstand und Sitte setzten sie ihre Stinkdrüsen ein, versprühten einen Geruch, der nicht zur feinen Sorte zählt. Folglich war eine Rechnung offen.

Das haben sie nun davon: Die Menschen konterten. Erhoben die Goldschildfliege in den schützenswerten Stand. Die biologische Waffe gegen die frechen Wanzen. Die könnten nun in die Waagschale werfen: Was weiß man eigentlich über die Fliege? Vieles hält die doch geheim! Rein gar nichts ist bis jetzt bekannt über ihr Tun und Lassen ganz speziell im Winter. Zwar macht sie sich nicht in Häusern breit, doch wo versteckt sie sich, wie vertreibt sie sich die Zeit? Wie verläuft das Verpuppen, wenn unsere Wanzenlarve endlich aufgefuttert ist? Wenig ist davon erforscht. Und dieser zwielichtige Bursche mit undurchsichtigem Lebenswandels erfuhr nun eine solche Ehrung? Sie werden es akzeptieren müssen, die unbeliebten Gartenwanzen. Doch ihr Unmut wäre verständlich. Sie hätten allen Grund, darüber frustriert zu sein. Noch liegen sie unbesorgt in kältestarrem Winterschlaf. Es wird ein böses Erwachen geben

Karin Tamcke

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