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Tiergeschichten Das Geheimnis der Tigermotte
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18:11 07.05.2014

Zielstrebig umflatterte sie die Quelle, die ihr etwas bedeuten musste. Ich kenne viele Motten, die meisten von ihnen gewanden sich in passendes Grau oder Dunkelbraun. Diese hier aber strahlte. Sie strahlte in reinstem Weiß, auf dem sich lediglich schwarze Tupfen auf den Flügeln versprenkelten. Wie Stracciatella-Eis mit kleinen Schoko-Stückchen. Der flauschig erscheinende Körper war von weichen Härchen bedeckt. War dieses Weiß nicht höchst gefährlich? Schließlich war sie nachts unterwegs, da wäre eine Tarnung doch besser angebracht.

Sie schien das nicht zu bekümmern. Mit ausgebreiteten Flügeln ließ sie sich auf der Glaskuppel nieder, bereit zur näheren Betrachtung, um sich nach kurzer Pause wieder dem Spiel mit dem Licht zu widmen. Wer war der hübsche Nachtschwärmer? Und was tat er sonst, wenn er nicht um Lampen flog? Das Lexikon gab Auskunft. Der anmutige kleine Falter nannte sich Weiße Tigermotte und gehörte zur Bärenspinner-Familie. Zwei gewaltige Namen für so ein sanftes Wesen. Und zwei gefährliche Namen. Da bewegen sich die Vorstellungen doch in ganz andere Richtungen. Tiger. Bär. Und hier der zarte Falter. Die nette Tigermotte. Leicht zu zerstören, beschützenswert. Sie schien gerade erst geboren, dem Larvenstadium entschlüpft. Als Raupe war sie mir oft begegnet. Ich hätte sie nicht wiedererkannt. Viele ihrer Art bewegen sich durch meinen Garten. Um Unauffälligkeit bemüht, tragen sie lieber Braun anstelle des weißen Kleides, allein ein weißer Rückenstreifen lässt die spätere Farbe erahnen. Doch oft gefällt es ihnen, diese Ahnung zu zerstören, indem sie im letzen Raupenstadium diesen hellen Streifen in ein rötliches Braun umfärben. Eine behaarte Hülle rund um den weichen Körper sorgt für weiteren Schutz.

Ich liebte sie schon als Kind, diese pelzigen Wesen. Ich trug sie vorsichtig auf der Hand, ließ sie meinen Arm hochwandern. Nun gibt es sie auch in meinem Garten. Wie kleine wandelnde Flaschenbürsten marschieren sie durch das Grün. Sie haben es gut bei mir. Ihre bevorzugte Nahrung finden sie hier reichlich. Brennnesseln, Taubnesseln, Löwenzahn. Dadurch schwindet mein schlechtes Gewissen hinsichtlich mangelnder Gartenpflege, die Wildwuchs nach sich zieht, nicht immer verständlich für die Nachbarn mit ihren abgezirkelten Beeten, auf denen kein Unkräutchen überlebt. Doch hier gibt es reichlich Futter, für Raupen und andere Kleinlebewesen. Nun flatterte das hübsche Ergebnis gärtnerischer Nachlässigkeit zielstrebig um die Lampe. Immer wieder bin ich erstaunt über das Wunder der Metamorphose.

Hatte mir der nette Falter noch etwas zu sagen? Ich suchte nach weiteren Informationen. Und was ich da erfuhr, war noch viel erstaunlicher. Die Weiße Tigermotte ist ein Phänomen. Unter Chitin und Flauschbehaarung schlummert ein Geheimnis. Von wegen hilfloser Falter! Sie arbeitet mit allen Tricks, um nicht gefressen zu werden. Ihr größter Feind ist die Fledermaus. Nachtaktiv, ständig unterwegs und scharf auf zarte Motten. Das kann die Tigermotte nicht wollen. Nun zeigt das kleine Insekt, wozu es fähig ist. Es kontert mit einer List, um dem hungrigen Jäger wirkungsvoll begegnen zu können. Die Motte weiß um die Fledermaus-Technik, sich die Orientierung durch Ultraschall zu erschließen. Und was macht die Tigermotte? Sie funkt einfach dazwischen. Stört kaltblütig die Signale der suchenden Fledermaus. Gibt Knackgeräusche ab und bringt damit den Flatterer so sehr aus dem Konzept, dass es den verdutzten Feind glatt aus der Flugbahn haut. Hat sie das erreicht, macht sich die Motte aus dem Staub, und das so schnell, wie sie kann. Jetzt bloß kein falsches Heldentum!

Nie hätte ich das von ihr gedacht, ihr diese Finte zugetraut. So sorglos und unbedarft wirkte sie im Spiel um die Gartenlampe. Ihr Störsender war ausgeschaltet. Nur die Helligkeit schien sie zu interessieren, sie regelrecht zu hypnotisieren. Immer und immer wieder die Anflüge in Spiralen, hin zum Licht und zurück. Ich löschte die Beleuchtung, bevor sie sich in Erschöpfung tanzte. Wer seinem Feind so tapfer begegnet, soll nicht an einer Lampe scheitern.

Karin Tamcke

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