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Das Leiden des jungen F.

Das Leiden des jungen F.

Wie stellt man sich den Froschkönig vor? So wie den Laubfrosch Fridolin. Glitschig und so knallig grün, wie ein Frosch nur grün sein kann, verkörpert er optisch das Bild der Amphibie, die – nicht uneigennützig – für eine verzweifelte Königstocher die verlorene goldene Kugel aus der Tiefe des Brunnens fischte.

Fridolin könnte geradewegs dem Märchenbuch entsprungen sein. Doch lebt er weder im Märchen noch in einem Brunnen, sein Zuhause ist der Teich. Der ist eher ein kleiner Tümpel, aber Teich klingt entschieden feiner. Das ist man seinem Urahn schuldig, dem royalen Lurch, der sich, wie man weiß, der schönen Prinzessin andiente und sie fast in den Wahnsinn trieb, bis der Zauber ihn verließ und ein kometenhafter Aufstieg ihn zum jungen König machte.

Auf die Königskrone legt Fridolin keinen Wert. Der Aufstieg allerdings, der käme ihm sehr gelegen. Und statt der Königstochter hätte er von Herzen gern ein nettes Laubfrosch-Weibchen. Doch beides ist in weiter Ferne. Dabei wäre es so wichtig, sich kraftvoll zu vermehren. Der Bestand seiner Sippe schrumpft immer mehr. Deshalb sind Laubfrösche streng geschützt. Und das nutzen sie weidlich aus, diese hüpfenden Krakeeler. Sie sind längst nicht das, was sie uns vormachen wollen: kleine, zarte, amphibische Wesen, die sich still und stumm ihr tägliches Dasein gestalten und keine Seele dabei stören. Denn zu gewissen Zeiten schafft es der grüne Quaker, sein Umfeld zu terrorisieren. Wer in Tümpelnähe lebt, darf nicht auf stille Nächte hoffen. Wenn schon klein, dann wenigstens laut, das ist die Laubfrosch-Devise.

Sobald die Natur den Winter abstreift, erwacht in Fridolin und Konsorten die Lust auf Zweisamkeit. Von April bis in den August, je nach Witterung, wandeln sie auf Liebespfaden. Das ist auch gut und richtig so. Doch würden sich viele Menschen wünschen, sie könnten das leiser tun. Das Gegenteil ist der Fall. Sie drehen den Lautstärkeregler noch ein Stückchen weiter auf. Fast 90 Dezibel schaffen sie in guten Zeiten. Das liegt in einem Bereich zwischen Schwerlastverkehr und Presslufthammer. Start ist bei Sonnenuntergang, was dem Schlafbedürfnis der Menschen wenig Rechnung trägt. Jeder der grünen Hopser, der etwas auf sich hält, gibt sich dem Gequake hin. Die Männchen wissen ganz genau: Wer von ihnen am kräftigsten die Luft in den Kehlsack drückt, bekommt die attraktivsten Weibchen. So brüllen sich alle im Chor die Seele aus dem Leib. Auch der Laubfrosch Fridolin.

Doch hier liegt sein Problem. Das, was den Laubfrosch ausmacht in den wilden Zeiten der Balz, kann Fridolin nicht erbringen. Fridolin ist nicht laut genug. Bereits in den ersten Frühlingstagen zeichnete sich sein Dilemma ab. Er quakte lustvoll und vorschriftsmäßig: langsamer Einstieg, Steigerung, dann Übergang ins Stakkato. Er bediente den Kehlsack die ganze Nacht, blies ihn unermüdlich auf, presste alle Luft hinein, die er entbehren konnte, um den lautesten Klang zu erschaffen. Doch sein ganzer Einsatz war nicht von Erfolg gekrönt. Die pompöseren Männchen ließen ihm keine Chance und übertönten ihn. Er erreichte sie einfach nicht, die 87 Dezibel, die ein gut trainierter Laubfrosch von sich zu geben imstande ist. Er blieb blamabel unterm Durchschnitt. Sein Part beim großen Froschkonzert war keine Soloeinlage, sondern die hinterste Reihe des Chores.

Leidvoll musste er zusehen, wie sich die schönsten Weibchen die großmäuligsten Sänger griffen, sie mit ihren langen Fingern liebevoll betatschten und entschlossen huckepack nahmen, um mit ihrer stolzen Last im Röhricht zu verschwinden. Und Fridolin ging leer aus. Bis zum heutigen Tag. Es wird allmählich höchste Zeit, die eigenen Gene einzubringen. Tagsüber hockt er nun im Schilf oder kraxelt durch die Büsche, versteckt sich zwischen Brombeerblättern, verschmilzt mit dem Grün des Laubes und träumt Gedanken der Hoffnung. Er ruht sich aus und spart alle Kraft für seinen Part in der Nacht. Eine goldene Kugel, die wäre jetzt seine Rettung, er würde sie frohen Herzens dem tiefsten Brunnen entreißen für seine Froschkönigin. Doch vermutlich ist die Saison für Fridolin gelaufen. Er ist noch ein junger Hüpfer ohne entsprechende Stimmgewalt. Die Zeit wird es mit sich bringen, vielleicht kann auch er im kommenden Frühling in der ersten Reihe quaken.

Karin Tamcke

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