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Das Supertalent

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Hätte es sich fürs Supertalent bewerben sollen? Tina war voller Bewunderung. Dass Eichhörnchen wendig sind und spielerisch höchste Bäume hochjagen, das ist Fakt und nicht mehr zu hinterfragen.

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Quelle: André Kempner

Doch dass sie auch als Fassadenkletterer brillieren, das war Tina neu.

Die Location: Eine städtische Wohnanlage mit großem Innenhof, der sich als kleiner Park präsentiert. Ein paar majestätische Bäume stehen hier schon seit Jahrzehnten und werden hofiert vom Fußvolk in Form von kleineren Sträuchern, die wiederum umspielt werden von Blumenrabatten mit ihrem leuchtend bunten Bewuchs. Dass es hier nett ist, erfahren nicht nur die Menschen. Auch allerlei Getier fühlt sich wohl auf dem Stück Natur innerhalb steinerner Mauern. Vögel bauen im Frühjahr Nester, in abendlicher Dunkelheit man hört Igel schnaufen, Schmetterlinge umschwärmen im Sommer die Blüten. Und oft findet sich auch das eine oder andere Eichhörnchen ein.

Gerne sitzt Tina auf dem Balkon und beobachtet, wie die putzigen Nager sich an den Stämmen der knorrigen Eichen hochschrauben. Wie sie federleicht von einer Krone zur nächsten springen und dabei fast zu fliegen scheinen. Augenblicklich kommt wieder ein kleines Hörnchen regelmäßig in den Park. Es hüpft mit arttypischer Fröhlichkeit über die Rasenfläche, richtet sich zwischendurch auf, um das Gelände zu überblicken, flitzt an den Stämmen hoch und wieder herunter, ständig ist es in Bewegung. Tina hat ihre Freude an dem rotbraunen Kobold mit den niedlichen Pinselohren. Und aufgrund einer spontanen Idee legt sie ein paar Nüsse auf die Brüstung ihres Balkons. Wobei ihre Skepsis, ob ein Eichhörnchen wohl in der Lage sein wird, den Balkon im zweiten Stock zu erklimmen, überlagert wird von beträchtlichem Optimismus, geboren aus dem Wunsch, dem Hörnchen und nicht zuletzt auch sich selbst eine Freude zu bereiten.

Am folgenden Tag dann die Entdeckung: Die Nüsse sind verschwunden! Also hatte es funktioniert. Tina empfindet tiefe Befriedigung, gepaart mit Hochachtung und Staunen. Was ist dieses Hörnchen doch für ein genialer Kletterer! Zumal die glatte Hauswand kaum einen Halt bieten kann für Pfoten jedweder Art. Doch hier scheint es sich tatsächlich um ein Ausnahmetalent zu handeln. Die nächsten Nüsse werden deponiert. Haselnüsse, Erdnüsse und ein dicke Walnuss. Und auch diese Gabe ist tags darauf verschwunden. So geht das eine ganze Weile.

Nur schade, dass Tina stets die Abholung verpasst. Ein Eichhörnchen beim Freeclimbing – wie witzig das aussehen musste! Doch natürlich ist ihr klar, dass ein Wildtier seine Vorgaben hat, wie mit Menschen zu verfahren ist, auch wenn sie sich noch so spendabel zeigen. Es wird kaum den Wunsch verspüren, ihre Nähe zu suchen, ist keines jener Hörnchen, die im geschützten Raum großer Freizeitparks sich mit Zutraulichkeit umgeben durch die kontinuierlichen Gaben der Menschen. Sie dachte an ihre letzte Kur, wo die Eichhörnchen auf den Grünanlagen die Nüsse ohne Scheu aus den Händen der Menschen nahmen. Nein, dieses Eichhörnchen hier, das sie mittlerweile schon „ihr" Hörnchen nennt, ist noch wild und frei, was auch gut und richtig ist. Sein Erscheinen macht sie glücklich. Es setzt einen täglichen Glanzpunkt in ihren manchmal etwas tristen Alltag. Vermittelt ihr das Gefühl einer ganz spezifischen Dankbarkeit. Einer Dankbarkeit, die man empfindet, wenn man sich eins fühlen darf mit der ungezähmten Natur.

Und dann bekommt sie ihn endlich zu sehen, den Abtransport der Nüsse. Es geschieht, als sie eines Morgens, verborgen hinter der Gardine, versonnen durchs Fenster schaut. Etwas schiebt sich in ihr Blickfeld. Eine Bewegung auf dem Balkon. Sie sieht, wie jemand auf der Brüstung landet und sich ohne Zögern der dargebotenen Gabe zuwendet. Doch was dann mit einer Nuss verschwindet, hat weder rotes Fell noch einen buschigen Schwanz und musste auch keine Hauswand ersteigen. Es ist ein Eichelhäher! Tinas Enttäuschung überdauert keine Minute. Dann freut sie sich aufrichtig über den Besuch dieses schönen und sonst so scheuen Rabenvogels. Und als hätte er ihr ein Dankeschön hinterlassen, findet sie eine der typischen himmelblauen Federn aus seinem Flügelbug. Selbstverständlich wird Tina auch weiterhin Nüsse auslegen. Und wer weiß – vielleicht kommt eines Tages tatsächlich auch ein Hörnchen vorbei.

Karin Tamcke

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