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Der Doppelgänger

Der Doppelgänger

Als winziges hilfloses Fundstück war es damals zu ihr gekommen, das schwarze Katzenbaby mit den weißen Pfötchen und den vereinzelten weißen Haaren um die rosa Nase.

Obwohl die Prognose nicht günstig war, versorgte sie den Winzling mit allem, was er brauchte, so dass er überlebte. Timmi nannte sie den neuen Hausgenossen, getragen von dem festen Glauben, unter dem schwarzem Pelz einen Kater vor sich zu haben. Erst später stellte sie fest, dass die Annahme falsch war. Da war es schon zu spät für eine Namensänderung, Timmi hatte ihren Namen bereits zu sehr mit sich selbst verknüpft. Und so stapfte sie, die falsche Deklaration tolerierend, durch ein schönes Katzenleben.

Es währte achtzehn Jahre. Ein respektables Alter. Dann war die Zeit gekommen für den letzten Abschied. Für die Besitzerin verständlicherweise ein schmerzvoller Abschnitt. So war es ihr ein Trost, dass ihr bei diesem Prozess ein guter Freund zur Seite stand. Ein Freund, der ihr nicht nur im Garten half, sondern auch die Katze von ganzem Herzen liebte. Beide geleiteten Timmi sanft in den Katzenhimmel und schufen ihr ein schönes Grab zwischen den blühenden Rosen. Ein Kapitel war beendet. Dachte sie über den Einzug eines neuen Schnurrers nach? Das Haus war plötzlich leer, so wie es jedes Haus nach dem Ableben einer Katze ist. Doch sie wollte nichts forcieren. Wenn es die richtige Katze war, dann würde die eines Tages von selbst in ihr Leben treten, da war sie sich ganz sicher.

Einige Wochen später geschah es, dass ein Kater gefunden wurde. In einem Supermarkt. Plötzlich tauchte er auf. Er wieselte durch die Gänge, trank Wasser aus den Vasen in der Blumenabteilung und streunte durch den Bereich mit dem Katzenfutter, was zumindest vom Ansatz her nicht ganz verkehrt gedacht war. Man setzte ihn auf die Straße, weil ein Supermarkt für Katzen nicht geöffnet haben darf. Das blieb einer Kundin nicht verborgen, die sich große Sorgen um das Leben des Katers machte, denn die Straße vor dem Markt war kein gemütlicher Weg, sondern stark frequentiert von Fahrzeugen aller Art. Sie nahm den Streuner mit nach Hause. Doch ihre eigene Katzenmeute, unbeugsam und unbelehrbar, verweigerte dem Neuzugang jedes Aufenthaltsrecht.

So begann die Suche nach einer dauerhaften Bleibe für den Heimatlosen. Anrufe wurden getätigt und im Schneeballsystem verbreitet, bis der Ruf auch ins Haus des verlassenen Frauchens von Timmi gelangte. Nun war es keinesfalls so gewesen, dass man ihr in der Zwischenzeit nicht Katzen angeboten hätte. Immer hatte sie abgelehnt. Doch diesmal war es ein gutes Gefühl, das sie spontan ergriff. Sie machte sich auf den Weg, den Kater zu betrachten. Dann traf es sie wie ein Schlag. Was sie vor sich sah, war schwarz mit weißen Pfötchen und vereinzelten weißen Haaren um die rosa Nase. Ein kleiner Doppelgänger! Die Ähnlichkeit war nicht zu fassen. Er musste die Reinkarnation ihrer Katze Timmi sein. Damit war es entschieden, dieser Kater war bestimmt, fortan mit ihr zu leben.

Sie brachte ihn in ihr Haus. Immer und immer wieder erstaunte sie der Anblick des kleinen Neuzugangs, der seine Ähnlichkeit mit ihrer früheren Katze nicht nur aufs Äußere beschränkte. Sie musste auch bemerken, dass er Timmis Lieblingsplätze ebenfalls favorisierte. Sie gab ihm einen Namen, verwarf diesen und auch den nächsten, bis sie kurzentschlossen den Kater wieder Timmi nannte, was diesmal den Kern der Sache weitaus besser traf. Der Kleine lebte sich schnell ein, hörte auf seinen Namen, innerhalb weniger Tage war ihr Haus auch sein Haus. Er kam auf ihren Schoß, bot ihr den Bauch zum Kraulen an und schnurrte sich in den Schlaf. Sie konnte nicht umhin, ihn ganz entzückend zu finden. Bislang wusste niemand von ihrem Glück, es war noch zu fragil, um es in Worte zu fassen.

Bis der Freund vorbei kam, um den Rasen zu mähen. Er war ein herzensguter Mensch, wenn auch seine Denkstruktur mit Schwerfälligkeit behaftet schien. Da ritt sie ein kleines Teufelchen. Sie bat ihn auf einen Kaffee ins Haus. Dann rief sie den Namen Timmi und aus einem Nebenraum kam brav der Genannte angelaufen. Der arme Mann erblickte den Kater, spontan erstarrte er in tiefer Fassungslosigkeit. Viele Sekunden lang vermochte kein Wort ihn zu verlassen. Bis endlich ein Stammeln aus ihm drang, ungläubig und entgeistert: Sie ist auferstanden!

Karin Tamcke

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