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Tiergeschichten Der Gehörnte
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17:10 14.10.2014
Quelle: André Kempner

Wer von den anderen Widdern könnte ihm auch das Wasser reichen? Wer majestätischer die Hörner auf der Stirn präsentieren? Er ist so imposant mit seinem festen wolligen Körper und dem mächtigen Kopf. Und sein tiefes Blöken lässt die Schafe auf der Wiese in Anbetung erschauern. Warum dann nicht auch sie? Warum gab ihr das so gar nichts? Auch wenn er sich gern überheblich zeigte, der stattliche Orion, so hat er sich doch immer mit ganzer Stärke eingebracht und in der Herde sein Werk getan. Es konnte nicht daran gelegen haben. Was also hatte Lancelot, was Orion nicht hatte?

Doch was geschehen ist, ist geschehen. Auch wenn es schwer verständlich scheint. Zuerst blieb alles im Dunkel verborgen. Die Sache entspann sich so heimlich, niemand schien etwas zu bemerken. Zumindest hielten die Ziegen dicht und die Schafe erst recht. Wer hätte sie auch verstehen sollen, wären sie dem Versuch erlegen, etwas preiszugeben. Und so lief, nach außen unverändert, das Leben auf dem Hof in der gewohnten Spur. Alle, die dazugehörten, taten, was sie immer taten. Die Kühe gaben Milch, die Hühner legten Eier, die Gänse machten Lärm, die Katzen fingen nachts die Mäuse und lagen tagsüber faul in der Sonne und der Hund bewachte das Ganze, während die Ziegen und Schafe gewissenhaft die Gräser auf den Koppeln kürzten. Doch zwei von den tierischen Hofbewohnern verließen das bewährte Schema. Warum nur hatte Chrysantheme die Spielregeln nicht beachtet? Oder war es Lancelot, der sie davon überzeugen konnte, dass er mehr zu bieten hatte als der geschmeidige Orion?

Jedenfalls war es so, dass die beiden Tatsachen schufen. Der Ziegenbock Lancelot und das Schaf Chrysantheme. In aller Heimlichkeit und unter großer Verschwiegenheit waren sie sich zugetan. Sie begannen eines Tages, nebeneinander zu grasen. War es dem Zufall geschuldet? Oder hatte Lancelot seine Hufe so gesetzt, dass sie ihn extra in die Nähe des Schafes Chrysantheme führten? Müßig, darüber zu spekulieren. Jetzt, wo sowieso alles zu spät ist. Die beide grasten also in schönster Eintracht nebeneinander. Eine Unterhaltung ist recht unwahrscheinlich, in der verbalen Verständigung traten vermutlich Nöte zutage. Doch Zuneigung bedarf nicht immer der Worte. Es zählten andere Faktoren, dass Lancelot und Chrysantheme sich um nichts mehr scherten, nicht einmal um die Chromosomen. Gehören auch Schaf und Ziege der gleichen Unterfamilie an, so verfügen sie doch über Erbgut-Sätze, die sich voneinander unterscheiden und eine Vermischung nicht möglich machen, zumindest theoretisch. Doch Lancelot und Chrysantheme hielten es mehr mit der Praxis.

Bald war es nicht zu übersehen. Chrysantheme war dabei, ihren wolligen Leib zu runden. Der Bauer, noch immer arglos, registrierte die Trächtigkeit des Schafes mit einiger Verwunderung, die übliche Zeit zum Lammen war bereits vorüber. Doch dem Orion, diesem Tausendsassa, traute er alles zu. Wie hätte er auch ahnen sollen, was wirklich geschehen war. Nach einer sanften Schwangerschaft wurde dann der Nachwuchs geboren. Ein wenig zierlicher, als es Lämmer gemeinhin sind, doch lag das möglicherweise an der falschen Jahreszeit. So meinte jedenfalls der Bauer. Das Kleine begann sich zu entwickeln und sein Gesicht zu prägen. Nun kam es dem Landwirt vor, als hätte das Lamm ein listiges Lächeln um das schmale Maul und die Ohren schienen sich anders an den Kopf zu fügen, als er es von den Schafen kannte. Auch legte sich das Fell in einer glatteren Struktur um den schlanken Körper. Und als dann das Kleine statt eines Blökens ein helles Meckern von sich gab, war die Verwirrung komplett. Ein Tierarzt wurde hinzugezogen, der leitete Untersuchungen ein. Bald stand einwandfrei fest: Chrysantheme hat ein Kind, das beide Arten in sich vereint. Eine Mixtur aus Schaf und Ziege.

Das kleine gemischte Wesen wird nun der Wissenschaft dienen. Und der Schafbock Orion? Selbstherrlich stakst er wie eh und je als der Champion über die Weide. Als der Herrscher über die Schafe. Wie hätte er auch ahnen können, dass ausgerechnet ein Ziegenbock ihm die Hörner aufsetzen würde?

Karin Tamcke

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