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Der Hühnerhund

Der Hühnerhund

Kommt man auf Borodin zu sprechen, dann scheint es, als gebe es nicht viel, was zu berichten wäre. Er umhüllt sich mit Unauffälligkeit. Zeigt sich dezent und bescheiden.

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Quelle: Wolfgang Zeyen

Auch zu seiner Rasse sollte man ihn nicht befragen. Möglicherweise hatten sich einst die Gene von Terrier und Jagdhund gemischt, verfeinert mit einer Prise Schnauzer. Genau ist das nicht mehr nachzuweisen.

Borodin trägt sein schwarzes Fell in wenig modischem Schnitt. Über den braunen Augen wirbeln sich störrische Büschel. Ein Ohr hat sich zum Stehen entschlossen, das andere favorisiert die konsequente Abwärtsrichtung. Auch zu Borodins Vorleben kann man rein gar nichts sagen. In welchem Korb hatte er geschlummert, aus welchem Napf gefressen, an wessen Leine war er gelaufen? Keiner wusste es. Er wurde auffällig als Streuner, wobei ihn, das war ganz klar zu erkennen, das Streunertum nicht überzeugte. Er wirkte eher wie einer, dem man einst die Selbstständigkeit ungefragt aufgezwungen hatte. So kam, was kommen musste – Borodin wurde aufgegriffen und ins Tierasyl verfrachtet.

Dort lebte er eine Weile, hielt sich diskret im Hintergrund, was seine Vermittlungschancen, man kann es sich fast denken, nicht nach oben trieb. Ganz unerwartet kam dann der Tag, an dem er ein Zuhause fand. Er zog um in ein Haus auf dem Land. In ein altes Bauernhaus mit einem großen Garten, in dem sich allerlei tummelt. Es gibt Schafe hier und Katzen und Hühner. Borodin gefiel das sehr gut und er beschloss sofort, sein Bleiberecht zu festigen und sich mit allen gut zu verstehen. Nein, nicht nur das. Er beschloss, sie alle herzlich zu lieben. Bei den Schafen ließ sich das einfach an. Sie waren an Hunde gewöhnt, sein Erscheinungsbild produzierte bei ihnen keine Schreckreaktionen. Sie grasten sich ruhig über die Wiese, von einem Grashalm zum nächsten, und nahmen ihn kaum zur Kenntnis. Vielleicht sahen sie in ihm nur ein schwarzes Schaf unter weißen. Die Katzen gingen salopp mit ihm um und er salopp mit den Katzen. Alles ließ sich gut an. Wären da nicht die Hühner gewesen.

Die formierten sich zum Widerstand. Kam er in ihre Nähe, machten sie ein Heidentheater. Sie erzeugten viel Geflattere, schlugen mit den Flügeln, rannten konfus herum und gackerten sich am Ende in eine Hysterie hinein. Das war nicht Borodins Bestreben. Er sah sich nicht als Hühnerschreck. Wollte Harmlosigkeit verbreiten. So griff er sich eine dicke Henne, hielt sie fest mit den Pfoten umschlungen und schleckte sie liebevoll ab. Die Henne sah dahinter nur den entsetzlichen Zweck, gleich gefressen zu werden. Sie entschloss sich zu einem Herzschlag und sank leblos in sich zusammen. Natürlich konnten Borodins Menschen diesen Vorfall nicht billigen. Sie redeten ihm ins Gewissen. Doch das konnte reiner nicht sein, zumindest aus Borodins Sicht. Er war ein Hund mit einer Mission, die ausgelebt werden musste. In logischer Konsequenz inszenierte er den nächsten Anlauf. Doch auch dieses Huhn zeigte sich herzanfällig und widersetzte sich am Ende jeglicher Reanimation.

Die Menschen waren ratlos. Da hatten sie einen Hund im Haus, dem es gegeben war, innerhalb kurzer Zeit zwei Hühner ins Jenseits zu schicken. Da sie keinen Zugang fanden zu Borodins Gedankenabfolgen, blieb ihnen nur die Irritation. Und eine starke Missbilligung, die sie umwandelten in Taten. Sie zogen einen hohen Zaun rund um die Hühnerschar und setzten damit Borodin einer unbezwingbaren Hürde aus. Um so größer war das Erstaunen, als sie den Hund erneut erwischten, zwischen seinen Pfoten ein nassgeliebtes Huhn. Wie war geschehen, was nicht hätte geschehen können? Wie war es Borodin gelungen, diese Hürde zu überwinden? Die Henne zeigte sich seelisch stabiler und wurde unversehrt zur Hühnerfamilie rückgeführt. Doch nach kurzer Zeit wieder das gleiche Bild. Erneut erfolgte der Rücktransport des geretteten Huhnes. Die Menschen standen vor einem Rätsel.

Und dann sahen sie es. Die Verwunderung konnte größer nicht sein. Nein, Borodin sprang nicht über den Zaun. Das war ihm in der Tat nicht gegeben. Über die Drahtabsperrung flatterte – die Henne. Sie lief auf Borodin zu, gackerte Freudenlaute und ließ sich zwischen den Tatzen des beglückten Hundes nieder. Dann dämmerte es den Menschen: Das verrückte Huhn und der Hund waren Freunde!

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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