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Tiergeschichten Der Schlüssel zur Ordnung
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15:00 08.04.2015

Außerdem ist sie wasserscheu. So leben denn Katze und Fische in beiderseitiger Ignoranz und daraus resultierender Eintracht friedfertig nebeneinander und Walter genießt mit Wohlgefallen die tierische Gesellschaft. Walter ist mein Nachbar, ein freundlicher, ruhiger Mensch und bereits im Ruhestand. Als ehemaliger Handwerker schraubt er auch noch heute mit Inbrunst überall herum, repariert und bastelt. Ein großes Aufgebot an Werkzeug hilft ihm bei der Verrichtung. Walter weiß zu schätzen, was er an seinen Bohrern hat, an Feilen und Hämmern und Sägen. Sie sind sein ganzer Stolz, sein Schlüssel zum Gelingen. Die Teile werden nach Gebrauch gereinigt und geputzt, bis hin zu stählernem Hochglanz. Das ist Walter ihnen schuldig. Was ihn bis vor kurzem jedoch nicht daran hindern konnte, seine Utensilien überall zu verstreuen. Ordnung ist eine Tugend, die Walter nicht verfolgt.

Dann geschah es eines Tages, dass er neue Nachbarn bekam. Vier Elstern waren dabei, sich in der Gegend anzusiedeln. Sie stelzten durch seinen Hinterhof, ungefragt und frech. Die schwarzweiße Eleganz umhüllte sie nur äußerlich, ließ nicht unbedingt auf eine noble Gesinnung schließen. Denn in ihrem Innersten waren sie dreist und clever. In einer Kleinstadt aufgewachsen, hatten sie alle Scheu vor den Menschen abgelegt. Walter empfand es als angenehm, dass sie ihn besuchten. Noch war er ihnen zugetan. Wobei die Betonung auf „noch" liegen muss. Denn bald entwickelte sich aus der vormals netten Gesellschaft ein so großes Ärgernis, dass Walter seine Tierliebe stark strapaziert sehen musste. Doch noch war alles in bester Ordnung. Die Elstern stelzten hin und her und Walter reparierte. Bis Walter etwas vermisste. Er vermisste einen Schraubenschlüssel. Aus dem Sortiment fehlte die Größe 4. Walter mochte das kaum glauben, er hatte mit diesem Werkzeug doch erst kürzlich hantiert! Er begab sich auf die Suche, durchstöberte seinen Schuppen, erforschte den Handwerkskoffer – kein Schraubenschlüssel Größe 4. Er legte alle vorhandenen Teile aus dem Schlüsselsatz vor sich auf den Boden, der Größe nach geordnet, um nichts zu übersehen, begann noch einmal mit dem Zählen. Und dabei stellte er fest, dass inzwischen die Serie auch durch das Fehlen des Schlüssels in der Größe 2 nicht mehr komplettiert werden konnte. War das Teufelswerk? Er hätte schwören können, dass bis vor einigen Minuten ebendieser Schlüssel neben seinen Kollegen auf der Erde ruhte. Nun waren bereits zwei Schlüssel auf seltsame Abwege geraten. Walter begann allmählich, an seinem Verstand zu zweifeln.

Dann klärte sich die verworrene Lage. Sie klärte sich auf eine Weise, die Walter kaum glaubhaft erscheinen mochte. Hatte er die Anwesenheit seiner schwarzweißen Freunde bis jetzt als behaglich empfunden, so änderte sich das drastisch. Denn als er sich Richtung Schuppen wandte, um wider besseres Wissen noch einmal alles zu durchsuchen, sah er aus dem Augenwinkel, wie der eine Vogel sich ein Werkzeug griff und damit in die Luft entschwand. Die Elstern klauten Walters Werkzeug! Was da so blinkend vor ihnen lag, zu höchstem Glanz gewienert, hatte ihr Begehren geweckt. Und fassungslos sah Walter zu, wie sich sein guter Schlüsselsatz um ein weiteres Teil dezimierte. Der geflügelte Dieb verschwand damit aufs Dach des hohen Wohnblocks gegenüber. Und dann hörte Walter es scheppern. Das Werkzeug polterte in die Regenrinne, nahm seinen Weg durch das Fallrohr und verschwand damit in den Tiefen der Kanalisation.

Was zu viel ist, ist zu viel. Walter stürmte ins Haus, holte sein Luftgewehr – und wäre ihm seine Frau nicht in den Arm gefallen, wer weiß, was aus der Elster und Walters Gewissen geworden wäre. Seitdem schimpft Walter wie ein Rohrspatz, wenn er die Elstern sieht. Und sein geliebtes Werkzeug lässt er nun nie mehr aus den Augen und beginnt sogar, nach Gebrauch alles wegzuräumen. Die positive Bilanz aus dem ganzen Malheur: Walter bekommt ein Gefühl dafür, wie Ordnung entstehen könnte. Doch dankbar ist er den Elstern nicht.

Karin Tamcke

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