Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Der Supervater

Der Supervater

Welch ein Drama! Sie hatte doch so gut begonnen, die diesjährige Brutsaison. Sechs prächtige Eisvogelkinder waren ins Leben entlassen worden. Damit sie sich eine Zukunft in neuen Revieren gestalten konnten, verwies sie der Eisvogelvater der Gegend, so gehört es sich in Eisvogelkreisen.

Quelle: Patrick Pleul

Danach starteten sie die zweite Brut, er und seine Frau. Die war auch von Erfolg gekrönt, so dass sie sich leichten Herzens für einen dritten Versuch entschieden, das Wetter zeigte sich noch freundlich. Er verkürzte die Balzprozedur, die Paarbindung war bereits gestärkt, da war ein übertriebenes Gehabe aus seiner Sicht nicht mehr nötig. Außerdem sparte es Zeit.

Im Frühjahr, ja, da hatte er ihr kleine Fische angeboten, mit artiger Verbeugung seine Beute dargebracht. Nun also die Kurzversion. Bald lagen wieder sechs Eier im Nest, zarte weiße Gebilde, und die Jungen schlüpften, nackt und blind und kaum eisvogelähnlich. Damit sie ebenso schnell wuchsen wir ihre Geschwister vordem, bekamen sie als Aufbaunahrung zuerst einmal Insekten, die er mit eigenem Schnabel fing, während die Vogelmutter den Kleinen unter ihrem Gefieder die nötige Wärme spendete. Es war eine gute Arbeitsteilung des eingespielten Teams. Als die kleinen Vogelküken sich in der Lage zeigten, auch Fische durch ihre Schnäbel zu zwängen, gingen beide Elternteile abwechselnd auf die Jagd. Sie fischten im großen Teich, an dessen steilem Ufer sie ihre Höhle geschaffen hatten. Der Teich zeigte sich als glückliche Wahl, es schwammen im Wasser Moderlieschen, jene kleinen Karpfenfische, die zu einer idealen Länge für die Eisvogelkinder wuchsen. Alles entwickelte sich prächtig, man konnte bis zu diesem Zeitpunkt auf ein glückliches Familienleben der kleinen blauen Vögel blicken.

Und dann war plötzlich alles vorbei. Seine Partnerin verschwand. Fühlte sie sich überfordert von dieser Horde Kinder? Brauchte sie eine Auszeit von der ewigen Fütterei, dem ständigen Anblick des Schnabelaufsperrens, dem ungeduldigen Gepiepse? Oder hatte sie die Umgebung nicht aus freien Stücken verlassen? Was immer der Grund sein mochte, er konnte nicht übersehen, dass er nun alleinerziehender Vater von einer Schar von sechs Kindern war. Zuerst saß er nur da und kratzte sich am Kopf, dann stellte er sich der schweren Aufgabe mit wahrer Mannhaftigkeit. Unermüdlich fischte er, brachte Beute zum Nest, stopfte Schnäbel in Reihe, fischte wieder, brachte Beute... Kaum gönnte er sich eine Pause, flog unermüdlich Doppelschichten, dazwischen wärmte er die Küken. Doch das System der Jungenaufzucht benötigt nicht grundlos zwei Elternteile. In der Nacht wärmen nur die Weibchen, nun fehlte dem Jungvolk das Federbett.

 Doch es gab eine glückliche Fügung. Denn mochten sich die Vögel auch unbeobachtet fühlen, ihre Bruthöhle liegt nicht in freier Wildbahn, sondern inklusive Teich auf dem Gelände einer Tierklinik. Zudem wird das Treiben im Nest von einer Webcam dokumentiert. Daher war die Katastrophe nicht unentdeckt geblieben. Der Tierarzt nahm die Vogelfamilie unter seine Fittiche. Heimlich entwendete er die Kleinen nach Einbruch der Dunkelheit. Er legte sie unter die Wärmelampe und führte sie wieder dem Nest zu, bevor der Eisvogelvater den Kinderklau bemerken konnte. So tapfer und gewissenhaft der sich um die Nachkommenschaft bemühte, nach einem Blick in ein leeres Nest wäre für ihn klar gewesen: Pflegedienst beendet und ab in die wohlverdiente Freizeit! So geschah es dann Nacht für Nacht, dass die Vogelküken den Umzug in die Wärme vollzogen und vor dem Morgengrauen in aller Heimlichkeit den Rücktransport ins Nest antraten, bis sie sich endlich bedaunten und mit Federn ummantelten. Der ahnungslose Eisvogelvater fütterte tapfer weiter und konnte vermutlich sein Glück nicht fassen, denn plötzlich gab es im Teich ein Becken, in dem es konzentriert von kleinen Fischchen wimmelte. Seine Fangquote schnellte danach in die Höhe und hätte sich ihm der Grund erschlossen, er wäre den Tierarzt dankbar gewesen.

Indessen taten die Kleinen, was der Entwicklungsprozess verlangte. Sie wuchsen nach Vorschrift heran und werden bald das Nest verlassen. Dann wird der Eisvogel aufatmen können, sich innerlich voller Stolz auf die blaue Schulter klopfen und denken: Das wäre endlich geschafft!

Karin Tamcke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tiergeschichten
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr