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Tiergeschichten Der falsche Weg
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17:50 07.07.2017
Quelle: Jörg Taron
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Oh, oh oh, das sah alles gar nicht gut aus! Rosco hätte am liebsten die Augen vor dem Schlamassel verschlossen, in das er nun geraten war. Wie hatte das nur passieren können? Nie wieder, das schwor er sich, würde er seinen Garten ohne Erlaubnis verlassen. Zumindest schwor er es im Moment, man könnte das ja später noch einmal überdenken. So oder ähnlich musste die Empfindung des Hundes gewesen sein angesichts dieser misslichen Lage, in der er sich gerade befand. Wo war die Rettung, wo war der Ausweg? Das dröhnende Brummen um ihn herum, die ganzen Autos, die ihn beinahe streiften, wenn sie ihn überholten, es war eine Situation, in der er noch nie gewesen war, so bedrohlich und gleichermaßen unerfreulich. Was war nur geschehen?

Er konnte sich erinnern, dass er gut gelaunt im Garten gesessen hatte. Leute gingen vorüber und er verbellte sie engagiert hinter dem Lattenzaun, was ihm ein Gefühl von hoher Wichtigkeit verlieh. Er, Rosco, Hüter von Haus und Hof, würde keinem Fremden erlauben, sein Refugium zu betreten, ohne zumindest Krach zu schlagen. Nicht dass er dann zugebissen hätte, nein, dazu war er viel zu freundlich, doch ein kräftiger Protest war schon angebracht. Dann blieben eine Weile die Passanten aus, es wurde still in der Straße, er hatte nichts mehr zu tun und es kam mit Macht die Langeweile über ihn. Er erinnerte sich, es gab da eine Latte im Zaun, die sich gelockert zeigte, das hatte Rosco kürzlich entdeckt, und er fand nun heraus, dass sie sich bequem zur Seite schieben ließ, so dass sein Hundekörper den Spalt passieren konnte, mit ein bisschen Mühe zwar, doch es war nicht unmöglich. Kaum hatte er das ermittelt, fand er sich ohne Skrupel auf der anderen Zaunseite wieder. Welch erhabenes Gefühl, den eigenen Weg bestimmen zu dürfen! Keine Leine, keine Kommandos, die Welt stand ihm offen für große Taten.

Er schnüffelte erst einmal mit Gründlichkeit den Gehweg ab, untersuchte an den Bäumen die Visitenkarten der Artgenossen, setzte seine Marke neben die der anderen Hunde. Er kannte sie ja alle, den Felix von nebenan, den großen Berner Sennenhund aus der Seitenstraße, die nette Paula und wie sie alle hießen. Beschwingt stromerte er durch die Gegend, angefüllt mit Entdeckerfreude und aufnahmebereit für alles Neue. So kam es, dass er sich nach und nach unbemerkt immer weiter entfernte. Er war so vertieft in sein Schnüffeln, die aufregende Situation gab ihm einen kräftigen Schub in eine andere und gänzlich unbekannte Richtung. Er stellte viel zu spät fest, dass er keine Ahnung hatte, wie er seinen Garten jemals wieder finden sollte.

Es wurde dunkel, er campierte irgendwo. Nach einer Perspektive suchend, lief er am Morgen tapfer weiter. Doch er wählte den gänzlich falschen Weg. Es verbreiterte sich die Straße auf eine auffallend seltsame Weise, es gab auch keine Bäume mehr, die das Aroma anderer Hunde trugen. Und dann kamen sie, die vielen, vielen Autos, Reifen quietschten, Hupen tröteten, Rosco wurde ganz konfus. Er flitzte im Zickzack, versuchte, dem Unheil auszuweichen, rannte, so schnell er konnte, doch es wurde nicht besser dadurch. Und dann, als er sich bereits unter den rollenden Rädern sah, waren die Autos verschwunden. Bis auf ein paar davon, an denen viel Blaulicht blinkte. Das brachte Rosco Erleichterung, er fühlte sich nicht mehr bedroht, nicht mehr verfolgt von Fahrzeugen aller Art. Stattdessen stiegen nun Menschen aus den Blaulicht-Wagen, traten auf die Fahrbahn, lockten ihn in ihre Richtung. Das machte ihn wiederum stutzig. Fremde Menschen? Was wollten die von ihm? Der gute Rosco war zwar ein cleverer Hund, doch seine Kenntnisse hinsichtlich der Straßenverkehrsordnung waren mager bis gar nicht vorhanden. Daher wusste er auch nicht, dass das Betreten einer Autobahn für Fußgänger strengstens verboten ist. Nun war die Polizei vor Ort und gab sich redlich Mühe, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. In Rosco baute sich ein Zwiespalt auf. Einerseits fühlte er sich erleichtert durch den Anblick menschlicher Wesen, andererseits war er doch sehr skeptisch, denn er ging nie zu fremden Leuten. Die gaben nicht so schnell auf, sie lockten nun vielmehr mit Futter. Was dachten die nur von ihm? War er etwa bestechlich?

Aber sicher! Schnell lief er hin und stürzte sich auf die Brocken. Er bemerkte gar nicht, dass sich eine Leine in sein Halsband klinkte. Er stellte lediglich fest, dass der unbefriedigende Zustand seines leeren Magens nun ein Ende fand. „Vollsperrung der Autobahn für streunenden Hund“, konnte man anderntags in der Zeitung lesen. Da lag Rosco aber schon längst entspannt zuhause in seinem Körbchen und ließ sich von seinen Menschen verwöhnen.

Karin Tamcke

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