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Die Kuh ist vom Eis

Die Kuh ist vom Eis

So hatte sie sich das nicht gedacht! Und: Hatte sie überhaupt gedacht? Sie kannte doch den See. Im Sommer und auch im Winter. Kannte die Tücken von Eis und Schnee.

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Quelle: Ursula Düren

Vielleicht hatte die vertraute Umgebung ihr zu viel Sicherheit vermittelt? Nun saß sie in der Patsche. Mitten auf dem See.

Warum war sie überhaupt in diese Richtung gelaufen? Nicht beim Rudel geblieben? War es versprengt worden durch ein erschreckendes Erlebnis? Hatte sie das in diese Richtung getrieben, die sich nun als so unheilvoll erwies? Müßig war es, darüber zu spekulieren. Tatsache war, sie, die Hirschkuh, fand sich nun wieder auf der knirschenden Schicht des Eises und konnte weder vor noch zurück. Um kalten Temperaturen zu trotzen, schaltet Rotwild klugerweise in den Energiesparmodus, verschwendet wenig Kraft durch überflüssige Bewegung. Sie hatte geschaltet und nicht verschwendet und deshalb lange auf einem Fleck gestanden. Zu lange. Und auf dem falschen Fleck. Die Eiskristalle hatten sich gierig in ihre Hufe gekrallt und sie an sich gebunden. Sie war schlicht und einfach festgefroren.

Größte Mühe wendete sie auf, um sich zu befreien. Mühe, die dem Energiesparmodell energisch widersprach, doch nicht einmal das zeigte Wirkung. So sehr sie auch zog und zerrte, alle Muskeln anspannte, ihr fehlte der letzte Schwung. Leider war sie keine Ente. Sich eines trickreichen Kreislaufs von Warm und Kalt bedienen zu können, wäre jetzt angebracht gewesen. Abgekühltes Blut aus den Füßen hoch in den heizenden Körper, das Ganze gut temperiert zurück. Ein geniales Verfahren. Doch hatte unsere Hirschkuh leider keinen Zugriff auf dieses Austauschprinzip. Sie trug zwar eine Speckschicht als zusätzlich wärmendes Futter unter dem dicken Winterpelz, doch löste das erwiesenermaßen nicht das momentane Problem.

Ein Problem, das so offensichtlich war, dass man es mittlerweile auch vom Ufer aus entdeckte. Spaziergänger erstaunten zuerst über den Anblick des Rotwilds, dann wurde ihnen klar, dass auf der gläsernen, kalten Fläche etwas ganz und gar nicht stimmte. Wie kriegte man die Kuh vom Eis? Das war die große Frage, auf die sie keine Antwort wussten. Hilfsbereitschaft war zwar vorhanden, jedoch auch Hilflosigkeit, wodurch die Bereitschaft zur Hilfe leider nutzlos wurde. Schließlich kam die Polizei. Ideen zur Rettung wurden erwogen. Die Eisfläche war nicht stabil, Menschen wollte man nicht gefährden. Der Plan, ein Schlauchboot einzusetzen, wurde ebenfalls verworfen. Der Aggregatzustand des Wassers zeigte sich wenig geeignet für Boote aller Art. Eine Lösung des Dilemmas war nirgendwo in Sicht. Doch konnte man die arme Hirschkuh ihrem Schicksal überlassen? Dann lieber durch einen Schuss erlösen.

Ein Jäger wurde herbeizitiert. Der sah zum anderen Ufer, das in der Schusslinie lag. Sah dort die viel befahrene Straße und schüttelte den Kopf. Was war, wenn seine Kugel das richtige Ziel verfehlte? Man war hier doch nicht im wilden Westen! Folglich wurde auch diese Lösung als zu brisant erachtet und stand nicht mehr zur Debatte, was der angefrorenen Hirschkuh nur mehr als recht sein konnte. Die sah die Menschenversammlung und hätte liebend gerne ihren Fluchtreflex aktiviert. Doch lief der ins Leere angesichts der Situation, die so vertrackt war wie nichts zuvor in ihrem Leben. Frustration auf beiden Seiten. Sowohl auf dem Eis als auch am Ufer. Man dachte schon an Kapitulation. Doch dann platzte plötzlich ein Vorschlag in die allgemeine Ratlosigkeit. Ein Vorschlag, der buchstäblich vom Himmel kam und sich reichlich verwegen ausnahm.

Hubschrauberpiloten der Polizei hatten das Geschehen über Funk verfolgt. Und ihnen kam ein Gedanke. Ein Gedanke, kühn und originell. Sie flogen mit dem Helikopter zweckgerichtete Manöver. Infolgedessen umwehte das Wildtier plötzlich ein mächtiger Sturm. Adrenalin und Rückenwind addierten sich zum fehlenden Schub. Die Kuh löste sich erfolgreich aus der festen Umklammerung, sie wurde förmlich vom tückischen Untergrund geblasen. Erleichtert verließ sie den See und überließ sich sofort der neu gewonnenen Freiheit, indem sie in Windeseile im nahen Dickicht verschwand. Die Kuh war endlich vom Eis, die Retter aus der Luft drehten zufrieden ab, die Menschentraube zerstreute sich. Und alles ging wieder seinen gewohnten guten Gang.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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