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Die Nacht der dunklen Macht

Die Nacht der dunklen Macht

Sie kamen im Schutze der Nacht. Und sie kamen gleich zu dritt. Drei dunkel gekleidete Gestalten mit schwarzen Masken im unrasierten Gesicht. Alles schlief im Haus, keiner bemerkte, wie sie zuerst aufs Dach und von dort zum Fenster kletterten.

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Quelle: dpa

Nur einen Spaltbreit war es offen und sie machten sich mit ihren geschickten Fingern solange daran zu schaffen, bis sie sich ins Innere zwängen konnten. Nun waren sie in der Wohnung der ahnungslosen Familie.

Auf leisen Sohlen schlichen sie durch die Flure, durchstöberten das Obergeschoss, stiegen die Treppe hinab in die untere Etage und fanden endlich, was sie suchten. Die Geldbörse auf dem Schrank? Nein. Das Silber in den Schubladen? Kein Interesse. Fernsehapparat, Videorecorder? Ebenfalls uninteressant. Sie wurden in der Küche fündig und begannen dort mit ihrem Beutezug. Plünderten skrupellos den Abfalleimer. Machten sich ungerührt über Kartoffelschalen her, schmatzen kaltblütig Essensreste. Klauten das Obst aus der Schale und das Brot aus dem Korb. Sie verstreuten ihre kriminellen Energien rücksichtslos im Raum und vergaßen alle Vorsicht. Auf der Suche nach weiteren Schätzen sprangen sie auf Tisch und Schränke, machten Polter- und Scheppergeräusche. Und weckten damit die Familie.

Was denkt ein Mensch, der zu nachtschlafender Zeit Gepolter in seiner Küche hört? Man zeige mir denjenigen, der glaubt: Das können nur Waschbären sein. Und so griff der erschrockene Hausherr zum Telefon auf dem Nachtschrank und tippte mit zitternden Fingern die 110 in die Tasten. Währenddessen rumorte es bedrohlich weiter und die verschreckte Familie flüchtete durchs Fenster in den Garten. Groß war die Erleichterung, als nach kurzer Zeit das Polizeiauto um die Ecke bog. Die Polizisten stürmten die Wohnung – und trafen in der Küche auf die überrumpelten Gauner. Im plötzlich aufflammenden Licht starrten sich drei Waschbären und zwei Polizeibeamte an. Wobei nicht mehr auszumachen ist, auf welcher Seite die Überraschung größer war. Doch statt die Handschellen auszupacken, wurden die Polizisten erstaunlicherweise zu Fluchthelfern und öffneten großzügig die Tür ins Freie. Zwei der Gangster nutzten sofort diese Chance. Doch der dritte flüchtete in die falsche Richtung und verschanzte sich im Haus.

Hinter einer Regalwand klemmte der erschrockene Waschbär und harrte lautlos aus in seinem Unterschlupf. Da steckte er nun in einer misslichen Lage, der sonst so clevere Chef der Bande. Staubflocken kitzelten seine Nase und der übrige Komfort ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Seine schwarzen Knopfaugen schielten durch einen Spalt und verfolgten das Tun der Menschen. Nicht dass er besonders ängstlich war. Er war an diese Zweibeiner gewöhnt, traf oft auf sie, wenn er die Mülltonnen an der Straße durchwühlte. Doch wer hat schon gern mit der Polizei zu tun? Er hielt es nicht für angeraten, jetzt in Erscheinung zu treten. Und bald wurde es ruhig im Haus. Die Polizisten waren verschwunden, die Hausbewohner vorübergehend bei Nachbarn untergekommen. Denn unvorstellbar war es für sie, ihr Zuhause mit einem Raubtier zu teilen, auch wenn es nur ein kleines war.

Unser Waschbär kletterte vorsichtig aus dem Versteck. Und begann zu staunen. Da stand plötzlich eine Gitterbox, die in ihrem Innern schöne Leckereien barg. Süße Bananen lagen darin, Weintrauben und Apfelschnitze. Konnte er da widerstehen? Und sollte er widerstehen? Er kroch nach kurzem Zögern begehrend durch die Öffnung – und fast zeitgleich mit dem Knall, der die Falltür nach unten katapultierte, kam auch die Erkenntnis: Man hatte ihm eine Falle gestellt und er war hinein getappt. Wie ein blutiger Anfänger. Er, der sonst so clevere Bandenchef. Da saß er nun und dachte düstere Gedanken. Rief zwecks Hilfe alle dunklen Mächte an. Hektisch hantierte er an dem Riegel, der die Tür verschloss, in der Hoffnung, sich aus dem Dilemma zu befreien. Doch bevor es dazu kommen konnte, erschienen aus dem Nichts die beiden Polizisten. Würden sie ihn nun verhaften? Doch sie schleppten ihn samt Falle in den Garten und öffneten die Tür. Er konnte es kaum glauben, er war tatsächlich frei. Besserung gelobte er nicht. Das vertrug sich nicht mit seiner Ganovenehre. So schnell ihn die kurzen Beine trugen, machte er sich aus dem Staub. Bald hatte die Dunkelheit ihn verschluckt.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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